Das Jahr, als die gan­ze Welt im Fie­ber lag

Vor hun­dert Jah­ren – ein En­de des Welt­kriegs zeich­ne­te sich ab – ras­te ei­ne töd­li­che Epi­de­mie über den ge­sam­ten Glo­bus. Die Spa­ni­sche Grip­pe kos­te­te so vie­le Men­schen­le­ben wie die Welt­krie­ge zu­sam­men. Heu­te as­so­zi­iert man sie vor al­lem mit Egon Schie­le un

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER

Fra­gen Sie je­man­den, was die größ­te Ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts war. Sie wer­den ver­mut­lich die Ant­wort er­hal­ten, der Zwei­te Welt­krieg, der Fa­schis­mus, der Sta­li­nis­mus. Kaum wird man Ih­nen ant­wor­ten: die Spa­ni­sche Grip­pe. Kei­ne Mo­nu­men­te er­in­nern an sie, das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis re­agiert au­ßer­halb der Wis­sen­schaft nicht. Wenn sie re­zi­piert wird, dann als Fuß­no­te des Ers­ten Welt­kriegs. Es be­darf des 100. Ge­denk­jah­res, um an die­ses größ­te Ster­ben des Jahr­hun­derts zu er­in­nern. Die Epi­de­mie ras­te über den Glo­bus, sie in­fi­zier­te je­den drit­ten Men­schen auf der Er­de und tö­te­te 2,5 bis 5 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung, man nimmt an: 50 bis 100 Mil­lio­nen. Nur der Ers­te und der Zwei­te Welt­krieg zu­sam­men er­reich­ten mit 77 Mil­lio­nen To­ten an­nä­hernd die­se Zahl. Seit dem Schwar­zen Tod im Mit­tel­al­ter brach nichts Ähn­li­ches über die Mensch­heit her­ein.

Der Mensch und das In­flu­en­za­vi­rus ken­nen ein­an­der seit Tau­sen­den Jah­ren, sie ko­exis­tier­ten, ent­wi­ckel­ten sich und wer­den auch in Zu­kunft mit­ein­an­der zu tun ha­ben. Oft war die In­fek­ti­on nur ein läs­ti­ges Übel, doch manch­mal wuchs sich der exo­ti­sche Zwil­ling die­ser sai­so­na­len Grip­pe, ihr töd­li­cher, ge­ne­tisch ge­schärf­ter Keim, zum Kil­ler aus, der um die Welt ging. Hip­po­kra­tes be­schrieb 412 vor Chris­tus ei­ne Krank­heit, die die Be­woh­ner von Per­int­hos am Mar­ma­ra­meer quäl­te, sie zeig­ten In­flu­en­z­a­sym­pto­me, und er ver­wen­de­te zum ers­ten Mal da­für das Wort Epi­de­mie („im gan­zen Volk“). Ein grau­en­haf­ter, ab­här­ten­der Zy­klus. Men­schen ste­cken sich mit dem Grip­pe­vi­rus an, wenn sie na­he bei­ein­an­der leben, in Sied­lun­gen zu­sam­men­fin­den. Man kann al­so da­von aus­ge­hen, dass vor 5000 Jah­ren die ers­te Grip­pe­epi­de­mie in ei­ner gro­ßen Stadt aus­brach. Da kei­ner ge­gen die Krank­heit im­mun war, müs­sen die Fol­gen ver­hee­rend ge­we­sen sein. Es be­gann der grau­en­haf­te, aber ab­här­ten­de Zy­klus von Epi­de­mi­en, der letzt­lich zu mil­de­ren Ver­läu­fen der Krank­heit führ­te. Men­schen, die über­leb­ten, er­war­ben all­mäh­lich ei­ne ge­wis­se Im­mu­ni­tät. Nach Lau­ra Spin­ney (sie­he Buch­hin­weis) er­schien

Lau­ra Spin­ney: „1918 – Die Welt im Fie­ber“,

Han­ser Ver­lag, 378 S., 26,80 Eu­ro

Ha­rald Sal­fell­ner: „Die spa­ni­sche Grip­pe. Ei­ne Ge­schich­te der Pan­de­mie“,

Vi­ta­lis Ver­lag, 168 S., 24,30 Eu­ro Zwei Bü­cher mit gänz­lich an­de­ren An­sät­zen. Spin­ney ist ei­ne gro­ße Er­zäh­le­rin und be­schreibt die Epi­de­mie auch in ih­ren Aus­wir­kun­gen auf Ge­sell­schaft, Po­li­tik und Kul­tur. Sal­fell­ner ist Me­di­zin­his­to­ri­ker, er lie­fert In­for­ma­tio­nen zum Krank­heits­bild und -ver­lauf. Sein Buch be­sticht zu­dem durch mehr als 250 Hoch­glanz­ab­bil­dun­gen. die ers­te ver­läss­li­che Be­schrei­bung ei­ner In­flu­en­za­epi­de­mie 1557: Sechs Pro­zent der eng­li­schen Be­völ­ke­rung wur­den aus­ge­löscht. Ab nun, im Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen, wur­den Krank­hei­ten durch See­fah­rer ver­brei­tet. 1580 gab es ei­ne Grip­pe­wel­le über den hal­ben Erd­kreis. Ab dem 18. Jahr­hun­dert setz­te sich die Be­zeich­nung In­flu­en­za durch, nach dem al­ten Irr­glau­ben, es hand­le sich um ei­nen Ein­fluss (In­flu­enz) durch die Ge­stir­ne.

Durch die ra­san­te Aus­deh­nung der Städ­te im 19. Jahr­hun­dert wur­den die In­fek­ti­ons­krank­hei­ten im­mer ge­fähr­li­cher. Doch um 1900 glaub­te man fest dar­an, Pan­de­mi­en be­herr­schen zu kön­nen, der Nach­weis zwischen Bak­te­ri­en und Krank­hei­ten war nun all­ge­mein ak­zep­tiert. Doch noch nicht er­forscht war der Krank­heits­er­re­ger, der viel klei­ner war als Bak­te­ri­en, das nicht nach­weis­ba­re Vi­rus. Kei­ner hat­te den Ver­dacht, dass es an der In­flu­en­za Schuld trug. Auch nicht 1918.

Ame­ri­ka war 1917 in den Krieg ein­ge­tre­ten, jun­ge Män­ner wur­den in Camps ein­be­ru­fen und auf den Ein­satz in Eu­ro­pa vor­be­rei­tet. In ei­nem die­ser La­ger in Kan­sas mel­de­te sich am 4. März 1918 ein Mann na­mens Al­bert Git­chell krank, er litt un­ter rau­em Hals, Fie­ber, Kopf­schmer­zen. Noch am sel­ben Tag mel­de­ten sich Hun­der­te Er­krank­te bei dem ge­schock­ten Arzt des Camps. Dies ist die ers­te Spur, der Be­ginn der Er­kran­kungs­wel­le. Die Sol­da- ten wur­den ein­ge­schifft, die Epi­de­mie er­reich­te die Schüt­zen­grä­ben­land­schaft in We­st­eu­ro­pa, gan­ze Trup­pen­ein­hei­ten wur­den kampf­un­fä­hig. Deutsch­land, Frank­reich, En­g­land be­fiel sie, nach Russ­land kam sie, als durch den Frie­dens­schluss in­fi­zier­te rus­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne heim­kehr­ten. Kurz dar­auf war Asi­en er­fasst, Chi­na, In­di­en, Ja­pan, zu­letzt Aus­tra­li­en. In Spa­ni­en be­fiel sie im Mai 1918 so­gar den Kö­nig und die Re­gie­rung. Das Land war neu­tral, es gab kei­ne Zen­sur, so wur­den vie­le Be­rich­te über die Krank­heit, auch im Aus­land, ver­brei­tet: Es ent­stand das Schlag­wort von der Spa­ni­schen Grip­pe. Das war die ers­te – noch schwä­che­re – Wel­le der Pan­de­mie, sie lös­te noch kei­ne Pa­nik aus.

Im Au­gust kehr­te die zwei­te, töd­li­che Wel­le zu­rück, sie ging von den Hä­fen Brest, Bos­ton, Free­town (Sier­ra Leo­ne) aus. Sie war so hef­tig, dass man sich frag­te: Ist das die­sel­be Krank­heit? Es reich­te ein Post­boot mit In­fi­zier­ten, ein Ka­mel­rei­sen­der, ein Mann mit ei­nem Ka­nu, und sie er­reich­te die ent­le­gens­ten Or­te. Das Netz der Flüs­se und Ei­sen­bahn­schie­nen brach­te den Tod. Wur­den auch nur we­ni­ge In­fi­zier­te über­se­hen und nicht ka­ser­niert, wur­de die Epi­de­mie wie­der ver­stärkt, in Süd­ame­ri­ka, in Nor­da­si­en, im süd­li­chen Afri­ka. Als der Krieg zu En­de war, ver­sam­mel­ten sich die ju­beln­den Men­schen zu Mas­sen­kund­ge­bun­gen: Idea­le Be­din­gun­gen für ei­ne ex­plo­si­ve Aus­brei­tung der Grip­pe. Erst im De­zem­ber 1918 en­de­te die­se Wel­le. Au­ßer ei­ni­gen In­seln und der Ant­ark­tis war kei­ne Welt­ge­gend ver­schont ge­blie­ben.

Das 20. Jahr­hun­dert brach­te zwei Ver­nich­tungs­wel­len, die Epi­de­mie und die Welt­krie­ge.

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