Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Der Rechts­weg – ei­ne Un­sit­te? Ei­ne skan­da­lö­se Fra­ge am Rand des Kopf­tuch­ver­bots: Dür­fen bei uns Mus­li­me Ge­set­ze an­fech­ten, die von der Mehr­heits­ge­sell­schaft gut­ge­hei­ßen wur­den?

In ei­ner Welt, die uns schon in paar St­un­den um die Oh­ren flie­gen kann, ist ei­ne Kopf­tuch­de­bat­te viel­leicht ein fri­vo­ler Lu­xus. Es ist trotz­dem gut, dass es die­se De­bat­te gibt, in all ih­rer Aus­führ­lich­keit. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen ist da­bei zu­ta­ge ge­tre­ten, dass ver­nünf­ti­ge Men­schen aus ver­nünf­ti­gen Grün­den zu ganz un­ter­schied­li­chen Schlüs­sen kom­men kön­nen – so­wohl für als auch ge­gen ein Kopf­tuch­ver­bot in Kin­der­gär­ten und Volks­schu­len.

Ich se­he da­her in ei­nem Ver­bot auch kei­ne Ka­ta­stro­phe, wenn­gleich ich da­ge­gen bin. Die Aus­sa­ge des Bun­des­kanz­lers, „Die­se Form der Dis­kri­mi­nie­rung führt zu Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“, ist für mich nicht schlüs­sig: Sind Kin­der­kopf­tü­cher zwin­gend ei­ne Form von Dis­kri­mi­nie­rung? För­dert ein Ver­bot nicht ge­nau die Par­al­lel­ge­sell­schaft, die es zu ver­hin­dern sucht – wenn ein „Das wol­len wir nicht“viel­leicht nicht ganz un­be­grün­det als ein „Euch wol­len wir nicht“ver­stan­den wird? Gibt es Be­wei­se, dass Kin­der mit Kopf­tuch tat­säch­lich be­nach­tei­ligt sind ge­gen­über Gleich­alt­ri­gen oder auch spä­ter im Leben? Für mich liegt hier nicht ein­deu­tig je­ne er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung des Kin­des­wohls vor, die man als Recht­fer­ti­gung für ei­nen mas­si­ven staat­li­chen Ein­griff in die El­tern­rech­te braucht. Aber viel­leicht ha­be ich ja un­recht.

Was aber gar nicht geht, ist die Kri­tik an der Is­la­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaft für ih­re An­kün­di­gung, auf dem Rechts­weg ge­gen ein Ver­bot an­kämp­fen zu wol­len. FPÖKlub­ob­mann Jo­hann Gu­de­nus hat das „is­la­mis­tisch ge­präg­te Aus­sa­gen“ge­nannt und von den „Wer­ten und Sit­ten“ei­nes „christ­lich ge­präg­ten und auf­ge­klär­ten“Lan­des ge­spro­chen: „Wer das nicht ak­zep­tie­ren möch­te, ist gern ein­ge­la­den, sei­ne Le­bens­for­men in ei­nem is­la­mi­schen Land aus­zu­le­ben.“

Ich bin mir nicht si­cher, ob es zwin­gend zu den Wer­ten und Sit­ten ei­nes christ­lich ge­präg­ten und auf­ge­klär­ten Lan­des ge­hört, dass der Staat sich in die Fra­ge ein­mischt, wel­che Kopf­be­de­ckun­gen El­tern ih­ren Kin­dern auf­set­zen. Et­was an­de­res ge­hört aber ga­ran­tiert zu die­sen Wer­ten und Sit­ten: dass man Ge­set­ze, die ei­nem zu weit ge­hen, auf dem Rechts­weg be­ein­spru­chen darf.

Und in ei­ge­ner Sa­che ge­fragt: Wenn ich die Frei­heit, mei­ne Kin­der so an­zu­zie­hen, wie ich es für gut fin­de, vor dem Ver­fas­sungs­ge­richts­hof wür­de ver­tei­di­gen wol­len, soll ich mich dann bes­ser auch in ei­nem is­la­mi­schen Land aus­le­ben? Oder gilt das nur für Fremd­lin­ge, die frech vor Ge­richt ge­hen wol­len, ob­wohl sie doch de­mü­tig hin­neh­men soll­ten, wie un­se­re Po­li­ti­ker un­se­re Wer­te und Sit­ten in­ter­pre­tie­ren? Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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