Lau­ter Op­fer, kei­ne Tä­ter

Wer zu­erst Ent­schul­di­gung sagt, hat of­fen­bar schon ver­lo­ren. Ob im Na­tio­nal­rat oder auf Twit­ter: War­um fällt ein sim­ples »Tut mir leid« ei­gent­lich so schwer?

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON ULRIKE WEISER

Zwi­schen­ru­fe im Na­tio­nal­rat sind so au­ßer­ge­wöhn­lich wie Stau Frei­tag um 17 Uhr. Trotz­dem sorg­te es ver­gan­ge­ne Wo­che für ei­nen Eklat, als Jo­hann Räd­ler (ÖVP) der aus Bos­ni­en stam­men­den Lis­te-Pilz-Man­da­ta­rin Al­ma Za­dic, die ge­ra­de be­klag­te, Ös­ter­reich sei durch die BVT-Af­fä­re un­si­che­rer ge­wor­den, zu­rief: „Sie sind nicht in Bos­ni­en, ver­wech­seln Sie das nicht.“Räd­ler wur­de (ver­spä­tet) ab­ge­mahnt, aber nicht al­le ver­stan­den die Auf­re­gung.

Und ge­nau das ist Teil des Pro­blems. Denn Räd­ler for­mu­lier­te bloß, was vie­le so oft sa­gen, dass die Deut­schen ei­nen Be­griff da­für ha­ben: „ver­ba­les Aus­bür­gern“. Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund wird das Recht ab­ge­spro­chen, ih­re zwei­te Hei­mat ge­nau­so zu kri­ti­sie­ren wie Alt­ein­ge­ses­se­ne. Bei so ei­ner Hal­tung kommt kaum je­mand in der neu­en Hei­mat an – und De­bat­ten in­halt­lich nicht wei­ter. Auch beim zwei­ten Zwi­schen­ruf bei Za­dics Re­de ging es we­ni­ger um Ma­nie­ren als um Prin­zi­pi­el­les. „Al­ma, bei mir bist du si­cher“, ließ der FPÖ-Ab­ge­ord­ne­te Wolf­gang Zan­ger Za­dic wis­sen. Und zwar an dem Tag, als weib­li­che Ab­ge­ord­ne­te von FPÖ und ÖVP (an­de­re Frak­tio­nen schlos­sen sich an) bei der An­ge­lo­bung von Pe­ter Pilz aus Pro­test den Saal ver­lie­ßen. Se­xis­ten, das zeigt Zan­ger plas­tisch, sind im­mer die an­de­ren.

Im Fall Räd­ler und Zan­ger gä­be es frei­lich ei­ne sim­ple Lö­sung: ein „Tut mir leid“. „Pro­fil“-Jour­na­list Ro­bert Treich­ler hat zu­letzt ei­ne Lan­ze für die Ent­schul­di­gung ge­bro­chen. An­lass war Pilz. Für je­ne, de­ren Han­deln nicht recht­lich, aber mo­ra­lisch ver­ur­teilt wer­de, müs­se es ei­nen Aus­weg aus der Äch­tung ge­ben, so Treich­ler. Eben ei­ne auf­rich­ti­ge Ent­schul­di­gung. Was aber, wenn man sich nicht ent­schul­di­gen will? Denn das wol­len we­der Pilz noch Räd­ler oder Zan­ger. Und zwar we­der auf­rich­tig noch als lee­re Ges­te. Im Ge­gen­teil, Räd­ler fin­det, Za­dic müs­se sich ent­schul­di­gen.

War­um fällt die Bit­te um Ver­zei­hung so schwer? Nicht nur hier­zu­lan­de, ge­ne­rell. Von Gau­lands „Vo­gel­schiss“-Sa­ger bis zu den Trump-Tweets: Nichts wird zu­rück­ge­nom­men. Wenn man Po­pu­lis­mus an­ti­plu­ra­lis­tisch ver­steht, könn­te man den Sor­ry-Geiz als Trend deu­ten. Denn wer glaubt, dass (nur) er sagt, was das Volk denkt, nimmt in An­spruch, nie falsch zu lie­gen. Oder, wie Räd­ler meint: „Das ist voll­kom­men in Ord­nung, sonst hät­te ich es nicht ge­sagt.“

Die­ser Lo­gik fol­gend muss man auch nicht – wie es ei­ne Ent­schul­di­gung ver­spre­chen wür­de – sein Ver­hal­ten än­dern. Man macht wei­ter wie bis­her. Und fühlt da­bei prak­ti­scher­wei­se den Zeit­geist auf sei­ner Sei­te. Das deut­sche Feuille­ton war in den letz­ten Jah­ren voll von Ar­ti­keln über die „neue Emp­find­lich­keit“, das „Be­lei­digt-Sein als Volks­sport“. Und ja, da ist et­was dran. Manch­mal fühlt man sich, wie die Ham­bur­ger „Eins, zwo“einst rapp­ten: „Ich sag schon nicht mehr Hal­lo, ich sag im­mer erst Ent­schul­di­gung.“Nur wird da­bei ei­nes aus­ge­blen­det: Je­ne, die am lau­tes­ten das Op­fer­de­n­ken be­kla­gen und sich prin­zi­pi­ell un­gern ent­schul­di­gen, spie­len am al­ler­liebs­ten das Op­fer. Denn sie ver­wei­gern die ba­na­le Ein­sicht, dass wir al­le stän­dig die Rol­le tau­schen. Mal Tä­ter, mal Op­fer. Aber wer nie Feh­ler macht, ist lo­gi­scher­wei­se nie Tä­ter, nur Op­fer. Not­falls halt das un­ver­stan­de­ne.

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