Der ers­te Ge­win­ner die­ser WM

Die Test­läu­fe wa­ren mit­un­ter ka­ta­stro­phal, die WM-Pre­mie­re kam über­stürzt. Doch aus­ge­rech­net auf der größ­ten Fuß­ball­büh­ne der Welt funk­tio­niert der Vi­deo­be­weis plötz­lich.

Die Presse am Sonntag - - Fussball-wm 2018 - VON JO­SEF EB­NER

Sel­ten wur­de ein Su­per­star so bloß­ge­stellt wie der Bra­si­lia­ner Ney­mar im Du­ell mit Costa Ri­ca (1:0). Es war zu­gleich auch der bis­her größ­te Auf­tritt des Vi­deo As­sis­tant Re­fe­ree (VAR), al­so des Vi­deo­be­wei­ses, bei ei­ner Welt­meis­ter­schaft. Ein auf den ers­ten Blick kla­rer Elf­me­ter wur­de von Schieds­rich­ter Björn Kui­pers dank der TV-Bil­der als lu­pen­rei­ne Schwal­be des Selec¸ao-˜An­grei­fers ent­larvt. Denn in ei­ner Hin­sicht ist der VAR er­bar­mungs­los: In der ita­lie­ni­schen Serie A, wo er in der ab­ge­lau­fe­nen Sai­son erst­mals in al­len Spie­len zur Ver­fü­gung stand, gab es um gleich 35 Pro­zent we­ni­ger Schwal­ben als noch im Jahr zu­vor.

Ney­mar wird sich et­was über­le­gen müs­sen, denn der Vi­deo­be­weis legt gera­de ei­nen Sie­ges­zug hin. Das hat er auch die­ser WM zu ver­dan­ken, wo die sonst zu­recht so scharf kri­ti­sier­te Fi­fa mit ih­rem po­si­ti­ven Zwi­schen­fa­zit über die VAR-Pre­mie­re bei ei­ner WM rich­tig liegt. Über­haupt ist an der Spiel­lei­tung in Russ­land kaum et­was aus­zu­set­zen: Wäh­rend die Schieds­rich­ter, die sonst noch bei je­der WM Dau­er­the­ma wa­ren, au­ßer­or­dent­lich gut pfei­fen (auch je­ne, die sonst nur in be­lä­chel­ten Li­gen zum Ein­satz kom­men), sorgt der ver­meint­lich über­stürzt ein­ge­führ­te Vi­deo­be­weis zu­sätz­lich für Fair­ness.

Dis­kus­si­ons­punk­te gibt es im­mer wie­der, ge­nau­so wie Leid­tra­gen­de. Der Dä­ne Yuss­uf Poul­sen et­wa hat nun schon zwei­mal ei­nen Elf­me­ter ver­ur­sacht und wur­de da­bei je­weils vom Vi­deo­schieds­rich­ter über­führt. Un­klar ist, wie­so die Wrest­ling-Ein­la­gen der Tu­ne­si­er mit En­g­lands Har­ry Ka­ne auch den Ex­per­ten hin­ter den Ka­me­ras ver­bor­gen blie­ben. Doch Pier­lu­i­gi Col­li­na, der sechs­fa­che Welt­schieds­rich­ter aus Ita­li­en, Mar­ken­zei­chen Glat­ze und ein­dring­li­cher Blick, hat als Chef der Fi­fa-Re­fe­rees al­les in al­lem be­acht­li­che Ar­beit ge­leis­tet. Auch wenn nie­mand so recht weiß, wie er sei­ne Un­par­tei­ischen auf Kurs ge­bracht hat, Test­pha­se hat es schließ­lich kei­ne ge­ge­ben.

An­ge­sichts der bis­he­ri­gen WM lau­fen die Ar­gu­men­te der VAR-Geg­ner je­den­falls ins Lee­re. Dass der Vi­deo­be­weis den Spiel­fluss un­ter­bin­den wür­de, ist in Russ­land rasch wi­der­legt wor­den. Denn an­statt vor­schnell zu un­ter­bre­chen, las­sen die Schieds­rich­ter wei­ter­spie­len, ein ver­meint­li­ches Ab­seits lässt sich nun ja im Nach­hin­ein kor­ri­gie­ren. Und kom­men die TV-Bil­der dann zum Zug, geht die Ent­schei­dungs­fin­dung flott über die Büh­ne. Be­mer­kens­wert, denn zu­sätz­lich zum fünf­köp­fi­gen Schieds­rich­ter­team im Sta­di­on wer­den pro Par­tie vier Vi­deo­as­sis­ten­ten be­stellt. 13 gibt es ins­ge­samt, sie sind aus­schließ­lich für den Ein­satz im Kon­troll­zen­trum im Moskau vor­ge­se­hen. Dort sit­zen auch noch zahl­rei­che Tech­ni­ker der bri­ti­schen Fir­ma Hawk-Eye In­no­va­tions, die den Groß­teil des Equip­ments stellt.

Weil die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Moskau und den Un­par­tei­ischen in den zwölf Sta­di­en funk­tio­niert, wird der Vi­deo­be­weis auch nur ein­ge­setzt, wie es von Be­ginn an vor­ge­se­hen war. Näm­lich bei gra­vie­ren­den Fehl­ent­schei­dun­gen. Zu­dem gibt es kla­re Vor­ga­ben, wann der Mann vor den Mo­ni­to­ren das letz­te Wort hat und wann der Schieds­rich­ter selbst ei­nen Blick auf die Ka­me­ra­bil­der wirft. Ös­ter­reich folgt. Al­so kei­ne Spur vom Cha­os, wie es zu­letzt in der deut­schen Bun­des­li­ga herrsch­te, als sich zu­sätz­lich zur all­ge­mei­nen Ver­wir­rung auch noch tech­ni­sche Pan­nen an­ein­an­der­reih­ten und Kri­sen­sit­zun­gen ein­be­ru­fen wur­den. Aber nicht nur im deut­schen Ober­haus und in Ita­li­en, auch in der por­tu­gie­si­schen Pri­mei­ra Li­ga, der ame­ri­ka­ni­sche Ma­jor Le­ague Soc­cer, der K Le­ague 1 in Süd­ko­rea und der

Schieds­rich­ter

sind pro WM-Par­tie im Ein­satz. Zu­sätz­lich zum fünf­köp­fi­gen Team im Sta­di­on sit­zen vier Vi­deoRe­fe­rees in der Zen­tra­le in Moskau.

Un­par­tei­ische

sind aus­schließ­lich für die Un­ter­stüt­zung hin­ter den Mo­ni­to­ren zu­stän­dig.

Fouls

wur­den im Schnitt pro WM-Spiel bis­her ge­pfif­fen. Et­wa zehn Pro­zent wur­den mit ei­ner Gel­ben Kar­te be­straft. A-Le­ague in Aus­tra­li­en ist der Vi­deo­be­weis be­reits Fuß­ballall­tag. Die Ent­wick­lun­gen in die­sen Län­dern stim­men für die wei­te­re WM po­si­tiv. So hat sich in der Serie A die rei­ne Spiel­zeit er­höht. Das liegt vor al­lem an den ob­so­let ge­wor­de­nen Sze­nen, in de­nen pro­tes­tie­ren­de Spie­ler den Schieds­rich­tern zu Lei­be rü­cken. Was gibt es bei ei­ner VAR-Ent­schei­dung schließ­lich noch zu dis­ku­tie­ren? In der Fol­ge ist auch die Zahl der Ro­ten Kar­ten we­gen Re­kla­mie­rens zu­rück­ge­gan­gen.

Die spa­ni­sche Pri­me­ra Di­vi­si­on wird ab der kom­men­den Sai­son auf den Zug auf­sprin­gen und den Vi­deo­be­weis ein­füh­ren. Die eng­li­sche Pre­mier Le­ague, die bes­te Li­ga der Welt, ver­wei­gert sich der Tech­no­lo­gie aber wei­ter­hin hart­nä­ckig, eben­so der eu­ro­päi­sche Fuß­ball­ver­band und da­mit auch die Cham­pi­ons Le­ague. Hier­zu­lan­de heißt es eben­falls noch war­ten. In der ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­li­ga wird der Vi­deo­be­weis frü­hes­tens in der Spiel­zeit

Pier­lu­i­gi Col­li­na hat als Schieds­rich­ter-Chef der Fi­fa be­acht­li­che Ar­beit ge­leis­tet. Nie­mand ver­steht noch, wie­so die Re­fe­rees we­ni­ger Au­gen ha­ben sol­len als die Zu­schau­er.

2020/21 ein­ge­setzt wer­den, der­zeit wer­de in­ten­siv eva­lu­iert, heißt es von­sei­ten der Li­ga. Der Preis der Ge­rech­tig­keit. Fakt ist mitt­ler­wei­le, dass sich dank VAR die Fehl­ent­schei­dun­gen ver­rin­gert ha­ben. Von knapp sechs auf un­ter ein Pro­zent in der ita­lie­ni­schen Meis­ter­schaft in der ab­ge­lau­fe­nen Sai­son. Nie­mand ver­steht ob die­ser Zah­len noch, wie­so ein Schieds­rich­ter we­ni­ger Au­gen zur Ver­fü­gung ha­ben soll­te als der Zu­schau­er. Den Re­fe­rees bei die­ser WM ist zu wün­schen, dass sie wei­ter­hin so un­auf­fäl­lig blei­ben. Der Preis für das Plus an Ge­rech­tig­keit: Gro­ße Ka­pi­tel der WM-His­to­rie wie das „Wem­bley­Tor“oder die „Hand Got­tes“wird es so aber nie mehr ge­ben.

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