En­g­lands Ru­he­pol im rus­si­schen Wald

Der völ­lig un­schein­ba­re Ort Re­pi­no ist die Heim­stät­te En­g­lands wäh­rend der WM. Von rus­si­schen Se­cu­ri­tys und fin­ni­schem Meer­bu­sen – ein Lo­kal­au­gen­schein.

Die Presse am Sonntag - - Fussball-wm 2018 - VON CHRISTOPH GASTINGER

Über 70 Quar­tie­re in Russ­land hat der Fuß­ball­welt­ver­band Fi­fa den 32 WM-Teil­neh­mern für den Zei­t­raum der End­run­de an­ge­bo­ten. Gleich fünf Mann­schaf­ten ha­ben sich rund um Sankt Pe­ters­burg nie­der­ge­las­sen, ne­ben Sau­di­ara­bi­en, Costa Ri­ca, Süd­ko­rea und Kroa­ti­en auch En­g­land. Der Te­am­chef der Three Li­ons, Ga­reth Sou­th­ga­te, ent­schied sich ge­gen ein Camp an der Schwarz­meer­küs­te von Sot­schi oder im Mos­kau­er Groß­raum, statt­des­sen fiel die Wahl des 47-Jäh­ri­gen auf Re­pi­no, ei­ne un­schein­ba­re 2400-See­len-Ge­mein­de. Wer von Sankt Pe­ters­burg nach Re­pi­no möch­te, der bret­tert ent­we­der die Au­to­bahn Rich­tung Nord­wes­ten ent­lang oder aber steigt in den Zug, denn Re­pi­no, das sei­nen Na­men dem rus­sisch-fin­ni­schen Ma­ler Il­ja Je­fi­mo­witsch Re­pin ver­dankt, hat ei­nen ei­ge­nen Bahn­hof. WM-Fie­ber? Kei­nes­wegs. Wer in Re­pi­no Un­ter­hal­tung sucht, der hat den zeit­ge­rech­ten Aus­stieg ver­passt. Ein­ge­bet­tet in ei­nen Misch­wald aus Bir­ken und Kie­fern dürf­ten sich Fuchs und Ha­se hier nicht nur sprich­wört­lich gu­te Nacht sa­gen. Re­pi­no, das ist ein Ort der Ru­he und des Rück­zugs. Auf die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft deu­tet rein gar nichts hin, kein Trans­pa­rent, kein Pla­kat. Wä­re da nicht En­g­lands Na­tio­nal­mann­schaft. Sie re­si­diert im ForRes­tMix Club, der dop­pel­deu­ti­ge Na­me ist Pro­gramm. 107 Zim­mer hat die weit­läu­fi­ge An­la­ge, En­g­lands Ver­band hat sie wäh­rend des Zei­t­raums der WM ex­klu­siv ge­mie­tet.

Spa-Be­reich, Fit­ness­cen­ter, Swim­ming­pool, da­zu Tisch­ten­nis und Bil­lard – das An­ge­bot ist groß. Har­ry Ka­ne und Kol­le­gen wer­den in drei Re­stau­rants ver­wöhnt, auf den Zim­mern wur­den auf Wunsch vier brit­sche TV-Sen­der frei­ge­schal­ten, da­mit die Spie­ler die Par­ti­en wie in ih­rer Hei­mat mit eng­li­schem Kom­men­tar ver­fol­gen kön­nen. Au­ßer­halb der An­la­ge wur­de in Re­pi­no noch kein Spie­ler ge­sich­tet, we­der die Kas­sie­re­rin des Su­per­markts noch der Kell­ner des na­he ge­le­ge­nen Re­stau­rants Schal­ja­pin ist ei­nem der pro­mi­nen­ten Gäs­te bis­her be­geg­net. Tat­säch­lich sind die Spie­ler von der Po­li­zei aus Si­cher­heits­grün­den da­zu an­ge­hal­ten, die An­la­ge nicht zu ver­las­sen, da­bei wä­re ein Spa­zier­gang am nur we­ni­ge Geh­mi­nu­ten ent­fern­ten Strand­ab­schnitt des Fin­ni­schen Meer­bu­sens durch­aus ein­la­dend.

Sämt­li­che Fuß­bal­ler bei die­ser WM ste­hen un­ter stren­ger Be­ob­ach­tung, die eng­li­schen aber ganz be­son­ders. Der Fall Skri­pal hat die La­ge zwi­schen En­g­land und Russ­land zu­sätz­lich ver­schärft, bei der WM soll die Be­zie­hung der bei­den Na­tio­nen durch et­wai­ge Nach­läs­sig­kei­ten in Si­cher­heits­fra­gen kei­nes­falls wei­ter be­las­tet wer­den.

Beim Lo­kal­au­gen­schein der „Pres­se am Sonn­tag“in Re­pi­no wird deut­lich, dass Spa­zier­gän­ger wie Jour­na­lis­ten rund um den ForRes­tMix Club glei­cher­ma­ßen un­er­wünscht sind. Rus­si- sche Si­cher­heits­kräf­te in Zi­vil un­ter­sa­gen Fo­to­auf­nah­men des Ho­tels von au­ßen in stren­gem Ton. Be­grün­dung? „Njet!“Po­li­zis­ten ver­lan­gen oh­ne er­sicht­li­chen Grund den Vor­weis des Rei­se­pas­ses, die Me­di­en­ak­kre­di­tie­rung ist nicht aus­rei­chend. „Aw­s­tri­ja?“Die Auf­for­de­rung, bes­ser wei­ter­zu­ge­hen, ver­steht man auch oh­ne Rus­sisch­kennt­nis­se.

Doch viel gibt es in Re­pi­no nicht zu se­hen. Der Orts­kern um­fasst ne­ben Su­per­markt und Re­stau­rant noch vier Mi­ni-Märk­te und ei­ne Apo­the­ke, die so groß ist, dass man sie eher in St. Pe­ters­burg als in Re­pi­no er­war­tet. Lan­ge­wei­le soll bei En­g­lands Team­spie­lern bis­lang den­noch kei­ne auf­ge­kom­men sein. „Sie ge­nie­ßen die Ru­he wirk­lich“, be­rich­tet ein Re­por­ter von Sky Sports, der die Mann­schaft seit de­ren An­kunft in Russ­land be­glei­tet. Den­noch, et­was Ablen­kung brauch­te es am bis­lang ein­zi­gen frei­en Tag dann doch. Ver­gan­ge­nen Mitt­woch tra­fen die Spie­ler in St. Pe­ters­burg ih­re Fa­mi­li­en, vie­le be­such­ten die Ere­mi­ta­ge.

Als Trai­nings­zen­trum ha­ben die En­g­län­der das Spar­tak-Sta­di­on in Ze­leno­gorsk, zehn Ki­lo­me­ter von Re­pi­no ent­fernt, aus­ge­wählt. Da­bei han­delt es sich nicht wirk­lich um ein Sta­di­on, son­dern eher um ein groß an­ge­leg­tes und En­de 2017 er­öff­ne­tes Trai­nings­ge­län­de. Am Sams­tag ist das Trai­ning der Three Li­ons für Me­di­en zu­gäng­lich. In der Ru­he liegt die Kraft. 15 Mi­nu­ten darf of­fi­zi­ell ge­filmt und be­ob­ach­tet wer­den. Zu­nächst ab­sol­viert das Tor­hü­ter-Trio ei­ni­ge Übun­gen, et­was spä­ter be­tritt der Rest der Mann­schaft, an­ge­führt von Ka­pi­tän Har­ry Ka­ne, den fein ge­pfleg­ten Ra­sen. Aus 15 Mi­nu­ten wer­den 30 Mi­nu­ten, ehe die Roll­bal­ken her­un­ter­ge­fah­ren wer­den und gut 70 Jour­na­lis­ten das Ge­län­de ver­las­sen müs­sen. Die Stim­mung im Team der En­g­län­der wirkt ge­las­sen, der Auf­takt­sieg ge­gen Tu­ne­si­en hat ge­wiss da­zu bei­ge­tra­gen. Glaubt man bri­ti­schen In­si­dern, dann gibt es heu­er erst­mals seit lan­ger Zeit bei ei­nem Groß­er­eig­nis kei­ne Grüpp­chen­bil­dung.

In der Ver­gan­gen­heit hat­ten oft­mals et­wa Spie­ler von Manchester Uni­ted ge­gen je­ne von Li­ver­pool ge­ätzt, und um­ge­kehrt. Mit ei­nem Sieg ge­gen Pa­na­ma am Sonn­tag wä­re En­g­lands Ein­zug ins Ach­tel­fi­na­le be­reits fi­xiert. Die Ru­he von Re­pi­no könn­te aber zu noch Hö­he­rem be­flü­geln.

Su­per­markt, vier Mi­ni­märk­te, Re­stau­rant, Apo­the­ke: Re­pi­no punk­tet durch Ru­he und Na­tur.

Imago/Fo­cus Images

Bei der An­kunft des eng­li­schen Teams in Re­pi­no am 12. Ju­ni herrsch­te zwar mehr Tru­bel, die La­ge war aber noch ent­spann­ter.

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