»Fans kön­nen nicht mit­be­stim­men«

In­go Petz be­schäf­tigt sich mit Fuß­ball­kul­tur in Ost­eu­ro­pa. Der Fan-Ex­per­te er­klärt, war­um Fuß­ball in den Hän­den des Staa­tes liegt, wie groß Russ­lands Rechts­ex­tre­mis­mus­pro­blem ist und war­um er der WM am­bi­va­lent ge­gen­über­steht.

Die Presse am Sonntag - - Fussball-wm 2018 - VON JUT­TA SOM­MER­BAU­ER

Rund 20.000 Ti­ckets wur­den bei der WM an Deut­sche ver­kauft – im Ver­gleich zu an­de­ren Na­tio­nen ist das nicht viel. War­um kom­men nur we­ni­ge Deut­sche nach Russ­land? In­go Petz: Die ak­ti­ve Fan­sze­ne und die Ul­tra­sze­ne in Deutsch­land fährt nicht zur WM, das hat mit der Kri­tik an Fi­fa und DFB zu tun. Es gibt Kri­tik an der Kom­mer­zia­li­sie­rung und der ge­rin­gen Frei­heit für Fa­n­ent­fal­tung. Die Fans der Na­tio­nal­mann­schaft hat wohl auch die Kri­tik an der WM-Ver­ga­be ab­ge­schreckt. Russ­land gilt als pro­ble­ma­ti­scher Aus­tra­gungs­ort: Anne­xi­on der Krim, Krieg in der Ost­ukrai­ne, Sy­ri­en, die mut­maß­li­che Ein­mi­schung Mos­kaus bei Wah­len in west­li­chen Staa­ten, die Un­ter­stüt­zung rechts­ra­di­ka­ler Par­tei­en in Eu­ro­pa. Das hat wohl ei­ni­ge ab­ge­hal­ten, nach Russ­land zu fah­ren. Bei wel­chen Pro­ble­men hilft die Fan­bot­schaft, bei der Sie in Russ­land mit­ar­bei­ten? Meist sind es ganz prak­ti­sche Din­ge – wie kom­me ich von A nach B, wo krieg ich noch ein Ti­cket für den Son­der­zug nach Sot­schi, was tue ich, wenn ich mei­nen Pass ver­lo­ren ha­be. Auch Mit­ar­bei­ter der deut­schen Bot­schaft sind bei der Fan­bot­schaft da­bei. Nach dem Spiel ge­gen Me­xi­ko kam ein Fan, der sein Ban­ner mit der Auf­schrift sei­ner Hei­mat­stadt wie­der­ha­ben woll­te. Er hat­te es im Sta­di­on auf­ge­hängt, es wur­de kon­fis­ziert. Bei der WM müs­sen Ban­ner an­ge­mel­det wer­den, dür­fen nicht po­li­tisch sein und müs­sen ei­ne be­stimm­te Grö­ße ha­ben. Wir ha­ben das zu­rück­or­ga­ni­siert. All­ge­mein gilt: Es ist wich­tig, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Or­ga­ni­sa­to­ren und Fans auf­recht­zu­er­hal­ten, aus­zu­leuch­ten, ob es Pro­blem­la­gen gibt. Falls ja, steigt schnell die Un­zu­frie­den­heit und mög­li­cher­wei­se die Ag­gres­si­on. Muss denn nicht der Fuß­ball­welt­ver­band ir­gend­wann auch die Ver­ga­be­po­li­tik än­dern? Ei­ner­seits gibt es Kri­tik an der Fi­fa, dass sie staat­li­che Ho­heits­rech­te be­ein­flusst, in­dem Steu­er- oder Grenz­re­ge­lun­gen be­ein­flusst wer­den, und die WM an pro­ble­ma­ti­sche, au­to­kra­ti­sche Staa­ten ver­gibt, wo Men­schen­rech­te ver­letzt wer­den. Es geht nicht nur um Russ­land. In Qa­tar ist das ja ein noch grö­ße­res The­ma – da gibt es ja nicht mal ei­ne Fuß­ballf­an­kul­tur. Es ist kom­plet­ter Wahn­sinn, die WM an so ein Land zu ver­ge­ben. An­de­rer­seits ha­ben vie­le Men­schen im Wes­ten kei­ne Lust mehr auf so gro­ße Ver­an­stal­tun­gen. Doch es kann uns auch nicht ge­fal­len, dass die­se Wett­be­wer­be nur noch an au­to­kra­ti­sche Staa­ten ge­hen. Da sind Re­for­men in der Fi­fa not­wen­dig. Das ist ein lang­wie­ri­ger, schwie­ri­ger Pro­zess. In Deutsch­land wur­de die­se De­bat­te an­ge­sto­ßen, das heißt aber nicht, dass das welt­weit so ist. Mit der WM kom­men Tau­sen­de Aus­län­der in ein sank­tio­nier­tes, sich selbst iso­lie­ren­des Land. Wel­che Dy­na­mik wird da frei? Ich selbst bin mit ei­nem am­bi­va­len­ten Ge­fühl hier. Mir sind Men­schen­rech­te wich­tig, ich ha­be ukrai­ni­sche Freun­de, die nicht gut fin­den, dass die WM in Russ­land statt­fin­det. Das hier herr­schen­de Nar­ra­tiv ist: Wir sind um­zin­gelt von Fein­den, des­halb müs­sen wir uns ver­tei­di­gen, uns will kei­ner, wir kön­nen uns nur noch auf uns selbst ver­las­sen. Die Leu­te glau­ben das, das zei­gen Um­fra­gen. Zu­min­dest für die kur­ze Zeit der WM ist es toll, dass Leu­te aus 31 Na­tio­nen nach Russ­land kom­men, die Bars und Me­tro­sta­tio­nen über­flu­ten, mit den Rus­sen in Kon­takt tre­ten. Moskau ist tou­ris­tisch er­schlos­sen, aber so et­was hat die Stadt noch nicht er­lebt. Und erst die Pro­vinz – 10.000 Bri­ten in Wol­go­grad! Man spürt Neu­gier von rus­si­scher Sei­te: Sin­gen­de und tan­zen­de Me­xi­ka­ner, und die Rus­sen ma­chen mit. Das sind klei­ne Kon­tak­te, aber man kann hof­fen, dass sich mehr Of­fen­heit und In­ter­es­se an­ein­an­der ent­wi­ckelt. Man sieht, dass Rus­sen – und ich mei­ne da­mit die Men­schen selbst – gu­te Gast­ge­ber sein wol­len. Es ist al­so nicht al­les nur Show? Der Fuß­ball hat ei­nen ei­ge­nen Wert. Er bringt Men­schen zu­sam­men, die sich sonst nie­mals tref­fen wür­den. Wann kom­men sonst Ira­ner, Pe­rua­ner oder Aus­tra­li­er nach Russ­land? Dass al­le hier sind, macht et­was mit dem Land. Ei­ne WM ist ei­ne Chan­ce für zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hun­gen. An­de­rer­seits – kann ei­ne ein­mo­na­ti­ge Ver­an­stal­tung na­tio­na­le Nar­ra­ti­ve auf­bre­chen? Man soll­te da nicht zu op­ti­mis­tisch sein. Wenn man sich hier mit Men­schen un­ter­hält, stößt man re­la­tiv schnell an Gren­zen – bei po­li­ti­schen The­men wie der Ukrai­ne, dem Krieg im Don­bass. Da kommt man nicht zu­sam- men. Aber für die Rus­sen kön­nen die­se Tref­fen wich­tig sein: Sie se­hen, dass sie nicht die Wich­tigs­ten auf der Welt sind. Die Selbst­be­zo­gen­heit, die vie­le gro­ßen Län­der bzw. ehe­ma­li­ge Im­pe­ri­en ha­ben, wird ein we­nig auf­ge­bro­chen. Kon­zen­triert sich der rus­si­sche Pro­fi­fuß­ball wie frü­her noch im­mer auf Moskau? Ja, ei­ne Fol­ge des So­wjet­sys­tems. Da sind Spar­tak, ZSKA, Dy­na­mo, Lo­ko­mo­ti­ve; Ze­nit aus St. Pe­ters­burg spielt ei­ne Rol­le, auch Kras­no­dar. Als Fuß­ball­spie­ler musst du nach Moskau kom­men, wenn du was wer­den willst. Wie un­ter­schei­den sich die Fan­struk­tu­ren in Russ­land von je­nen in Ös­ter­reich oder Deutsch­land? Or­ga­ni­sier­te Fans, die sich für Fan­rech­te, ge­gen Ras­sis­mus oder für bes­se­re An­stoß­zei­ten ein­set­zen, gibt es in Russ­land nur we­ni­ge. Das größ­te Pro­blem ist, dass die au­to­ri­tä­ren Struk­tu­ren in Staat, Ver­bän­den und Ver­ei­nen ih­nen kei­nen Frei­raum ge­ben, son­dern Fans im­mer noch als Pro­blem wahr­neh­men. Das hat auch Fol­gen, wenn es um Ras­sis­mus und Rechts­ra­di­ka­lis­mus bei den Ul­tras hier geht. Den Leu­ten, die et­was da­ge­gen un­ter­neh­men wol­len, wird kei­ne Platt­form ge­bo­ten – we­der von den Ver­ei­nen noch vom Staat. Die Fuß­ball­ver­ei­ne wer­den in Russ­land im­mer noch weit­ge­hend über den Staats­haus­halt fi­nan­ziert. Ver­ei­ne wur­den zur So­wjet­zeit von staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen oder Un­ter­neh­men ge­grün­det. Mit­glie­der­ver­ei­ne sind in Russ­land nicht üb­lich. Fuß­ball von Men­schen für Men­schen, mit Be­tei­li­gung und Ei­gen­in­itia­ti­ve, gibt es nicht. So­mit gibt es ei­ne grund­sätz­lich an­de­re Kul­tur, in der sich Mit­be­stim­mung und Par­ti­zi­pa­ti­on nicht ent­wi­ckeln kön­nen. Die or­ga­ni­sier­ten Fans ha­ben in Russ­land ei­nen schlech­ten Ruf. Wie groß ist das Rechts­ex­tre­mis­mus­pro­blem? Es exis­tiert, aber ich wür­de es nicht dä­mo­ni­sie­ren. Der Fuß­ball hier be­nö­tigt noch viel mehr nor­ma­le Leu­te – nor­ma­le Fans und Men­schen, die sich im Po­si­ti­ven für ih­ren Klub ein­set­zen, die et­was ge­gen Ras­sis­mus tun, die für die ei­ge­nen Fan­in­ter­es­sen auf­ste­hen. Die WM könn­te hier po­si­tiv wir­ken. Es gibt nun ei­nen An­ti­ras­sis­mus­be­auf­trag­ten, Ale­xej Smer­tin, Ex-Chel­sea-Spie­ler. Man wird se­hen, wie viel der tun kann. Im Vor­feld der WM wur­de vor Zu­sam­men­stö­ßen zwi­schen ge­walt­be­rei­ten Fans bzw. An­grif­fen rus­si­scher Hoo­li­gans ge­warnt. Bis jetzt ge­schah ab­so­lut gar nichts. Wie hoch ist al­so tat­säch­lich das Ri­si­ko? Das wird von Me­di­en sehr sen­sa­tio­na­lis­tisch be­han­delt. Die Ge­fahr wird eher her­bei­ge­re­det. Der Staat hat „auf­ge­räumt“. Das geht in ei­ner Au­to­kra­tie, weil man de­mo­kra­ti­sche Grund­rech­te leich­ter aus­he­beln kann, lei­der viel leich­ter. Man hat über 400 Hoo­li­gans auf ei­ne Schwar­ze Lis­te ge­setzt, sie ha­ben Haus­be­su­che vom FSB er­hal­ten, und man hat ih­nen deut­lich ge­macht, dass sie sich ru­hig ver­hal­ten sol­len. Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin hat na­tür­lich kein In­ter­es­se, sich den Glanz der WM von den ei­ge­nen Hoo­li­gans rui­nie­ren zu las­sen. War­um hei­ßen die rus­si­schen Fans Bo­lel­schi­ki? Das Wort kommt vom Verb „bo­let“. Das heißt: lei­den, krank sein. Bo­lel­schi­ki ist der Ober­be­griff für al­le, die für ir­gend­et­was fie­bern. Wer Fan ist, der hat auch mal Schmer­zen, der lei­det sehr viel, er fie­bert – aus Vorfreude, vor Auf­re­gung. Ul­tras und or­ga­ni­sier­te Fans, so­ge­nann­te Fa­na­ty, leh­nen den Be­griff ab, da sie sich selbst für lei­den­schaft­li­cher hal­ten, ih­rem Team bei den Spie­len hin­ter­her­fah­ren und eben mehr am Le­ben ih­res Ver­ei­nes An­teil neh­men.

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