KURIOSES

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Er­nest He­ming­way hat­te das Ge­fühl, dass sein Schrei­ben durch das Tipp­stak­ka­to sei­ner Co­ro­na schär­fer wür­de. Hermann Hes­se lieb­te das Ge­fühl des Pflü­gens da­ran, und für Charles Bu­kow­ski fühl­te sich der Tas­ten­wi­der­stand an, als wür­de man durch Schlamm wa­ten – herr­lich! Die schwe­re me­cha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne gab den Ein­fäl­len Er­den­schwe­re, schien die Wör­ter tief ins Pa­pier zu pflan­zen. Wie die Leer­tas­te klingt. Der heu­te 72-jäh­ri­ge Schwei­zer Au­tor Charles Le­wins­ky hat sich von dem Klang bis heu­te nicht ver­ab­schie­det: Die­ser „Rhyth­mus sagt mir, dass ich mit mei­ner Ar­beit vor­an­kom­me“, schrieb er in ei­nem Essay 2014. „Manch­mal, wenn die letz­te Li­nie ei­nes Ab­sat­zes nur zwei oder drei Wör­ter hat, tip­pe ich wei­ter die Leer­tas­te, nur um das Ge­räusch zu hö­ren. Es ist mei­ne Schreib­ma­schi­ne. Mei­ne, mei­ne.“

Wie vie­le Lap­tops von Au­to­ren wer­den wohl ih­ren Weg ins Museum fin­den? Vie­le Schreib­ma­schi­nen be­rühm­ter Schrift­stel­ler und Schrift­stel­le­rin­nen ha­ben es ge­tan. Auch die ge­kauf­te ver­gol­de­te Roy­al Qu­iet De­lu­xe Por­ta­ble, auf der Ja­mes-Bond-Au­tor Ian Fle­ming seit 1952 schrieb, wä­re dort – hät­te nicht 1995 ein an­ony­mer Bie­ter das Ge­rät auf ei­ner Auk­ti­on ge­kauft. „Bond-Fans, wisst ihr, wer der Be­sit­zer der Schreib­ma­schi­ne ist?“, liest man auf der Bond­sei­te 007.com. „Sind Sie der mys­te­riö­se Käu­fer? Wenn ja, bit­te mel­den Sie sich.“ Mu­ta­ti­on zum Rie­sen­in­sekt. Dass das Schreib­ge­rät sich vom Men­schen be­ein­flus­sen lässt wie ein be­seel­tes We­sen, oder auch, dass es selbst ihn wil­lent­lich be­ein­flusst, ein Ei­gen­le­ben führt – zu die­sem ma­gi­schen Den­ken ha­ben Au­to­ren im­mer gern ge­neigt, ob

CC.

Der E-Mail-Be­griff kommt vom Koh­le­pa­pier-Durch­schlag, den man beim Schreib­ma­sch­in­tip­pen ver­wen­de­te, um Ko­pi­en an­zu­fer­ti­gen.

Ty­pewri­ter.

Auf der eng­li­schen Tas­ta­tur lässt sich das Wort al­lein mit­hil­fe der Tas­ten der obers­ten Zei­le schrei­ben.

Schnell­tip­per.

1906 fan­den in Chi­ca­go die ers­ten Welt­meis­ter­schaf­ten im Schnell­tip­pen statt, Ro­se Fritz ge­wann mit 82 Wör­tern pro Mi­nu­te. 1946 schaff­te Stel­la Pa­ju­nas auf ei­ner elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne 216 Wör­ter pro Mi­nu­te.

33 Wör­ter.

Im Durch­schnitt schaf­fen Com­pu­ter­nut­zer 33 Wör­ter pro Mi­nu­te, pro­fes­sio­nel­le Tip­per an die 80.

Auch der US-Au­tor Paul Aus­ter er­zählt vom Ge­fühl, dass sei­ne Ma­schi­ne ihm et­was sa­gen wol­le. Er schreibt bis heu­te auf sei­ner al­ten deut­schen „Olym­pia“, die er 1974 ge­kauft hat – und ver­meint, un­ter der Me­tall­haut ih­ren „Herz­schlag“zu ver­neh­men. Was hät­te der Phi­lo­soph Mar­tin Hei­deg­ger wohl zu die­ser in­ti­men Be­zie­hung ge­sagt? Er klag­te noch, die Schreib­ma­schi­ne ent­frem­de den Men­schen sich selbst, in der Ma­sch­in­schrift wä­ren ein­an­der al­le Men­schen gleich. Das krea­ti­ve Be­zie­hungs­tier im Au­tor, im Men­schen über­haupt hat Hei­deg­ger un­ter­schätzt. Das Aus für die Se­kre­tä­rin. Sie hie­ßen auch in­tim, die Schreib­ma­schi­nen: Ve­ro­ni­ka und Ga­b­rie­le, Eri­ka oder Mer­ce­des . . . Kein Wun­der, wa­ren sie doch vor al­lem als ma­schi­nel­le Se­kre­tä­rin­nen für den Mann ge­dacht, bzw. als Uten­sil für die rea­le. Und ir­gend­wann wa­ren sie dann al­le weg – die Ma­schi­nen, die Se­kre­tä­rin­nen zu­wei­len gleich mit. US-Au­tor John Up­di­ke kün­dig­te die sei­ne 1983 per (noch) ma­schin­ge­schrie­be­nem Brief – er hat­te gera­de ei­nen Com­pu­ter be­kom­men. Das neue Ge­rät sei wie „ei­ne Se­kre­tä­rin, die nie wi­der­spricht“, staun­te Pri­mo Le­vi 1984.

Die li­te­ra­ri­sche Ar­beit am Text hat der Com­pu­ter mehr ver­än­dert als die Schreib­ma­schi­ne. Kom­po­si­ti­on und Über­ar­bei­tung, um nur ein Bei­spiel zu nen­nen, sind kei­ne ge­trenn­ten Vor­gän­ge mehr, Au­to­ren ha­ben stets un­kom­pli­zier­ten Zu­gang zum ge­sam­ten Tex­t­raum. Es gibt Wer­ke wie das von El­frie­de Je­linek, Com­pu­ter­nut­ze­rin der ers­ten St­un­de, die tief da­von ge­prägt sind: Ihr Ro­man „Neid“ge­hö­re „nicht auf Pa­pier, er ge­hört in den Com­pu­ter hin­ein“, be­ton­te sie et­wa. Doch McLu­hans Satz „The Me­di­um is the Mes­sa­ge“ist den­noch über­trie­ben: Von Grund auf neu ge­formt hat noch kein Me­di­um die Li­te­ra­tur. Mu­sils und Brochs Un­der­wood. Es gibt Au­to­ren, die bis heu­te auf den Stift schwö­ren, wie der Blei­stift­schrei­ber Pe­ter Hand­ke. Doch selbst er war fas­zi­niert von der al­ten „Un­der­wood“Ro­bert Mu­sils, die er im Ro­bert-Mu­sil-Li­te­ra­tur­mu­se­um in Kla­gen­furt sah. Ei­ne Un­der­wood ge­hört auch zu den ra­ren Schreib­ma­schi­nen, die in der Li­te­ra­tur Die­ne­rin zwei­er Her­ren war: Hermann Broch schrieb „Die Schlaf­wand­ler“dar­auf; be­vor er 1938 vor den Na­zis ins US-Exil flüch­te­te, tausch­te er sie ge­gen die Rei­se­schreib­ma­schi­ne sei­nes Kol­le­gen Ge­or­ge Sai­ko. Der schrieb drauf sei­nen Ro­man „Der Mann im Schilf“über den Ju­li­putsch der Na­zis.

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