Das St.-Pöl­ten-Syn­drom

Nie­der­ös­ter­reichs Lan­des­haupt­frau Jo­han­na Mikl-Leit­ner ruft zum „Mit­ein­an­der“auf. Die an­de­ren Par­tei­en fürch­ten sich vor ei­ner „töd­li­chen Umar­mung“.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON AN­NA THALHAMMER

Mit­ein­an­der. Ge­mein­sam. Mit­ein­an­der. Die­ses Man­tra be­tet die nie­der­ös­ter­rei­chi­sche ÖVP, seit­dem Jo­han­na Mikl-Leit­ner aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um 2016 in ihr Hei­mat­bun­des­land zu­rück­ge­kehrt ist, um in Er­win Prölls Fuß­stap­fen zu tre­ten.

Die stän­di­ge Wie­der­ho­lung die­ses klei­nen Wört­chens „Mit­ein­an­der“kre­ierte in­ner­halb kür­zes­ter Zeit ei­nen völ­lig neu­en My­thos. Es ver­wan­del­te Mikl-Leit­ner von der har­ten In­nen­mi­nis­te­rin in ei­ne lie­ben­de Lan­des­mut­ter. In ei­ne Po­li­ti­ke­rin, die sich auf­op­fernd um die nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Fa­mi­lie küm­mert, die­se zu­sam­men­hält. Und die auch be­reit ist, Par­tei­in­ter­es­sen hint­an­zu­stel­len, wenn es um das Wohl der Be­völ­ke­rung geht.

Die­ser neu­en Er­zäh­lung pass­te sich Mikl-Leit­ner auch op­tisch an. In ihrer Zeit als In­nen­mi­nis­te­rin be­vor­zug­te sie dunk­le Haa­re, dunk­le Far­ben, moch­te Le­der. Die­ser Look soll­te wohl auch ih­re Au­to­ri­tät her­aus­strei­chen. Wäh­rend des Nie­der­ös­ter­reich-Wahl­kampfs wur­de sie blond und trug gern war­me Far­ben. Auch das Blau im blau­gel­ben-Lo­go der nie­der­ös­ter­rei­chi­schen ÖVP wur­de ih­rem neu­en Stil an­ge­passt – und et­was strah­len­der. Die Stra­te­gie der ÖVP-Spin­dok­to­ren ging auf. Mikl-Leit­ner hol­te die Ab­so­lu­te.

Seit dem Wahl­sieg im Jän­ner hält sie an ih­rem Er­folgs­re­zept fest: Es gibt kein In­ter­view, kei­nen öf­fent­li­chen Auf­tritt, kei­ne Aus­sen­dung, wo die­ses „Mit­ein­an­der“nicht be­schwo­ren wird. Ge­ra­de fuh­ren die Re­gie­rungs­mit­glie­der auf ei­ner „Mit­ein­an­der“-Tour in die Re­gio­nen.

Was in Nie­der­ös­ter­reich funk­tio­nier­te, hat Se­bas­ti­an Kurz üb­ri­gens für sei­ne Bun­des­par­tei ab­ge­kup­fert. Er nennt es den „Neu­en Stil“: Tür­kis-Blau hat sich vor­ge­nom­men, zu­min­dest öf­fent­lich nicht zu strei­ten. Ver­hal­tens­re­geln. Ein „Mit­ein­an­der für un­ser Nie­der­ös­ter­reich“, das legt Mik­lLeit­ner auch dem po­li­ti­schen Mit­be­wer­ber und den Re­gie­rungs­mit­glie­dern na­he, un­ter de­nen sich auch blaue und ro­te Ver­tre­ter fin­den. In Nie­der­ös­ter­reich wer­den die Lan­des­rä­te nach Pro­porz ver­teilt. Dar­um ist et­wa SPÖ-Chef Franz Schnabl Lan­des­haupt­frau-Stell­ver­tre­ter oder Gott­fried Wald­häusl von der FPÖ mit In­te­gra­ti­on und Ver­an­stal­tungs­we­sen be­traut.

Die­ses „Mit­ein­an­der“klingt wie ei­ne groß­zü­gi­ge Ein­la­dung an den po­li­ti­schen Mit­be­wer­ber, ist aber gleich­zei­tig auch ei­ne per­fi­de Stra­te­gie. Denn „Mit­ein­an­der“heißt sehr oft, dass man sich doch bit­te den Vor­schlä­gen der ÖVP an­schlie­ßen soll.

Wer das nicht tut, wi­der­spricht und kri­ti­siert, wird als Ver­rä­ter hin­ge­stellt. Als je­mand, der das Land an­patzt. Das po­li­ti­sche Kli­ma ver­gif­tet. Un­nö­tig Un­ru­he stif­tet. Das wird dann auch in al­ler Öf­fent­lich­keit the­ma­ti­siert. Nicht von Mikl-Leit­ner selbst. Es passt nicht zur in­sze­nier­ten Groß­zü­gig­keit und Müt­ter­lich­keit. Für Rü­gen ist Lan­des­ge­schäfts­füh­rer Bern­hard Eb­ner zu­stän­dig. Da reich­te es der ÖVP et­wa ir­gend­wann mit den re­bel­li­schen Grü­nen, die un­ter an­de­rem De­mo­kra­tie­man­gel or­te­ten und mehr Rech­te für Klein­par­tei­en ein­for­der­ten. Eb­ner ließ den Grü­nen via Aus­sen­dung aus­rich­ten, dass die­se dar­über nach­den­ken sol­len, „ob man wirk­lich die nächs­ten Jah­re so Po­li­tik ma­chen möch­te“.

Mit SPÖ-Chef Franz Schnabl lie­fer­te sich Eb­ner schon ei­ni­ge Schar­müt­zel. Er wies ihn nun schon mehr­fach öf­fent­lich in die Schran­ken und be­män­gel­te sein auf­müp­fi­ges Ver­hal­ten. Schnabl wie­der­um spiel­te den Ball zu­rück und be­män­gel­te die Ge­sprächs­kul­tur der ÖVP Nie­der­ös­ter­reich, rief die­se da­zu auf, auch an­de­re Mei­nun­gen zu re­spek­tie­ren. Streit­kul­tur. „Hü­te dich vor der töd­li­chen Umar­mung der Jo­han­na Mik­lLeit­ner“, raunt man sich in der nie­der­ös­ter­rei­chi­schen SPÖ zu. Doch wie man die­sem Wür­ge­griff ent­kom­men kann, da­für fehlt die Stra­te­gie. Denn wie will man har­te Op­po­si­ti­on und doch gleich­zei­tig Teil ei­ner Re­gie­rung sein, de­ren Funk­tio­nie­ren man de­mons­trie­ren möch­te? Wie reibt man sich an je­man­dem, der ei­nen stän­dig mit of­fe­nen Ar­men emp­fängt?

Und dann wä­re da noch das schlech­te Ge­wis­sen, das Wi­der­stän­di­ge im ka­tho­lisch ge­präg­ten Bun­des­land of­fen­bar schnell be­schleicht. So er­zählt man sich in der ÖVP gern An­ek­do­ten von po­li­ti­schen Mit­be­wer­bern, die sich nach Ver­hal­tens­maß­re­ge­lun­gen der ÖVP doch zer­knirscht ent­schul­di­gen ka­men.

Ei­ne po­si­ti­ve Streit­kul­tur hat sich in Nie­der­ös­ter­reich nie ent­wi­ckelt. Die ÖVP do­mi­niert das Land seit Jahr­zehn­ten – und auch Ex-Lan­des­haupt­mann Er­win Pröll hat es gut ver­stan­den, Wi­der­stand und Op­po­si­ti­on erst gar nicht auf­kei­men zu las­sen. Mit Au­to­ri­tät und viel Ge­pol­ter wur­den Kri­ti­ker des nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Sys­tems nie­der­ge­bü­gelt – auch in der ei­ge­nen Par­tei.

Dass nun auf Prölls sehr har­te Hand die ex­tre­me Mil­de ei­ner Mik­lLeit­ner folgt, ver­stört die po­li­ti­schen Ak­teu­re Nie­der­ös­ter­reichs aber of­fen­bar min­des­tens ge­nau­so.

Aus der har­ten In­nen­mi­nis­te­rin soll­te ei­ne lie­ben­de Lan­des­mut­ter wer­den.

Cle­mens Fa­b­ry

Be­wusst in freund­li­chen Far­ben: Lan­des­che­fin Mikl-Leit­ner.

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