Drei Räu­me für 100 Jah­re

Ges­tern, Sams­tag, wur­de das Haus der Ge­schich­te fei­er­lich er­öff­net.

Die Presse am Sonntag - - Wien -

bei­ten an der In­stand­hal­tung, im Jahr auf rund 50 Bau­stel­len. Über die Dach­bö­den – die wer­den mehr­mals täg­lich be­gan­gen, seit dem Brand 1992 nimmt man es mit dem Brand­schutz be­son­ders ge­nau –, über das La­by­rinth aus Gän­gen, Holz­bal­ken, Stie­gen und Lei­tern, ge­langt man aufs Dach. Ein ein­zig­ar­ti­ger Blick: Die Stadt liegt vor ei­nem, be­rühm­te An­sich­ten, die Michae­l­er­kup­pel, zum An­grei­fen na­he.

Von oben blickt man in di­ver­se Bau­tei­le, in Be­spre­chungs­räu­me, Gän­ge, Mu­se­en, zu Fens­tern der Woh­nun­gen. 49 Pri­vat­woh­nun­gen gibt es hier noch, sie wer­den zu „üb­li­chen In­nen­stadt­mie­ten“ver­ge­ben, wer in die Hof­burg zie­hen will, kann sich bei der Burg­haupt­mann­schaft mel­den. Es gibt ei­ne War­te­lis­te, aber die ist nicht ein­mal lang. Denn die Woh­nun­gen sei­en nicht sehr zeit­ge­mäß, lan­ge Räu­me, we­nig Licht. Ei­ne der be­kann­tes­ten Be­woh­ne­rin­nen ist Schrift­stel­le­rin Lot­te In­grisch, die in der Stie­ge, die nach ih­rem ver­stor­be­nem Mann Gott­fried von Ei­nem, be­nannt wur­de, wohnt – und die sich schon in Bü­chern den Geis­tern ge­wid­met hat, die sie in der Hof­burg wähnt. Auch Be­su­chern er­zählt sie gern von ei­nem „blau­en Mann“, der vor­bei­kom­me, et­wa. Graf­fi­ti in Strap­sen. Die Hof­burg ist ein Ort, prä­des­ti­niert für Spuk­ge­schich­ten wie we­nig an­de­re. Schließ­lich sind vie­le Ge­heim­nis­se nicht ge­lüf­tet. Wer ei­nes der frü­hen Graf­fi­ti hin­ter­las­sen hat, zum Bei­spiel. Ei­ne Krit­ze­lei un­ter dem Dach, ei­ne di­cke Frau in Strap­sen, Jah­res­zahl 1861 steht da­bei.

Mit Tri­via, Spuk­ge­schich­ten, His­to­ri­sches oder Bau­ge­schicht­li­ches aus der Hof­burg kann man Bi­b­lio­the­ken fül­len. Heu­te, sagt Sahl, ist die Hof­burg das größ­te der­ar­ti­ge En­sem­ble mit ge­misch­ter Nut­zung Eu­ro­pas. 250.000 Qua­drat­me­ter Nutz­flä­che, 2500 bis 2600 Räu­me, dut­zen­de In­sti­tu­tio­nen sind hier be­her­bergt. Ein Bau wie die­ser weckt Be­gehr­lich­kei­ten. Dach­ge­schoß- aus­bau? Lu­xus­woh­nun­gen? An­fra­gen der Art kä­men öf­ter – meis­tens gibt es dar­auf so­fort ein Nein. „Man könn­te vie­les ma­chen“, sagt Sahl, das Dach, die­se spek­ta­ku­lä­re Ku­lis­se, zu­gäng­lich zu ma­chen, ei­ne Aus­sichts­ter­ras­se, ein Lo­kal? Gin­ge, aber mit er­heb­li­chen Um­bau­ten. „Un­ser Grund­prin­zip und Auf­trag ist es, die his­to­ri­sche Sub­stanz zu er­hal­ten. Si­cher könn­ten wir hier bau­en, aber dann wä­re al­les für die Nach­welt ver­lo­ren.“So blei­ben letz­te Win­kel der Hof­burg wei­ter (fast) ver­bor­gen. Es war von ei­nem La­bo­ra­to­ri­um die Re­de, ei­nem Fun­da­ment, teil­wei­se so­gar von ei­nem ge­wis­sen Kom­pro­miss, als ges­tern, Sams­tag, das neue Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich (HDGÖ) fei­er­lich er­öff­net wur­de. Denn ir­gend­wie fehlt noch das na­mens­ge­ben­de Haus des Mu­se­ums, das der­zeit in drei Räu­men der Nationalbibliothek in der Hof­burg un­ter­ge­bracht ist. Dass es of­fen­bar mehr um In­hal­te geht, dar­um, über die Ge­schich­te der die­ser Ta­ge 100 Jah­re fei­ern­den Re­pu­blik nach­zu­den­ken, zu dis­ku­tie­ren und mehr Fra­gen zu stel­len, als Ant­wor­ten zu ge­ben, dar­über wa­ren sich die Red­ner ei­nig. Und, dass es sich um kein Haus „für uns“, al­so die Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft, For­schung und Kunst, hand­le, son­dern für die gan­ze Ge­sell­schaft.

Ab elf Uhr war das neue Mu­se­um für die Öf­fent­lich­keit bei frei­em Ein­tritt zu­gäng­lich (und ist es noch bis Mon­tag). Recht rasch bil­de­ten sich Schlan­gen auf der Ram­pe zur Nationalbibliothek, im­mer­hin hat nur ei­ne ge­wis­se Men­ge an Be­su­chern gleich­zei­tig Platz. Par­al­lel da­zu fand ein Fest­akt im Ca­mi­ne­um der Nationalbibliothek statt, der auf ei­ner Büh­ne auf dem Hel­den­platz über­tra­gen wur­de (auf der an­schlie­ßend u. a. Ernst Mol­den und Si­byl­le Ke­fer, Mie­ze Me­du­sa und Kreis­ky auf­tra­ten).

Mo­de­ra­to­rin In­grid Thurn­her ver­las Gruß­wor­te von Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len, der auf­grund sei­ner Teil­nah­me an den Ge­denk­fei­ern zum En­de des Ers­ten Welt­kriegs in Pa­ris nicht an­we­send sein konn­te. Er er­in­ner­te dar­an, dass die Er­öff­nung die Ein­lö­sung ei­nes Ver­spre­chens be­deu­te, das seit Jahr­zehn­ten in fast al­len Re­gie­rungs­pro­gram­men ent­hal­ten war. Kul­tur­mi­nis­ter Ger­not Blü­mel spann­te den Bo­gen wei­ter: Die Über­le­gun­gen für ein zeit­ge­schicht­li­ches Mu­se­um ge­hen bis ins Jahr 1919 zu­rück. „Da­mals wur­de ei­ne Ge­schichts­kam­mer dis­ku­tiert.“Er be­kräf­tig­te, dass das Bud­get für 2019 und dar­über hin­aus ge­si­chert sei.

Bun­des­prä­si­dent a. D. Heinz Fi­scher be­kam viel Ap­plaus für das State­ment, dass er den Na­men Haus der Ge­schich­te (statt des eben­falls dis­ku­tier­ten „Haus der Re­pu­blik“) be­vor­zu­ge.

Jo­han­na Ra­chin­ger, Ge­ne­ral­di­rek­to­rin der Ös­ter­rei­chi­schen Nationalbibliothek, nann­te das HDGÖ ei­ne In­sti- Der Neu­ro­bio­lo­ge er­in­nert dar­an, dass Ös­ter­reich den ver­trie­be­nen Ju­den die Heim­kehr schwer­ge­macht hat. tu­ti­on, „die sich de­mo­kra­ti­sche Be­wusst­seins­bil­dung auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat“. Di­rek­to­rin Mo­ni­ka Som­mer, die be­son­ders lan­gen Ap­plaus er­hielt, dank­te Blü­mel und Na­tio­nal­rats­prä­si­dent Wolf­gang So­bot­ka für ihr kla­res Be­kennt­nis zum wei­te­ren Aus­bau des HDGÖ. „In Re­kord­zeit ha­ben wir ein so­li­des Fun­da­ment da­für ge­legt. Ös­ter­reich hat jetzt ei­nen Ort, an dem sei­ne jüngs­te Ge­schich­te zu Hau­se ist.“

Die Fe­st­re­de des Neu­ro­bio­lo­gen und No­bel­preis­trä­gers Eric Kan­del wur­de auf­grund ei­ner kurz­fris­ti­gen Er­kran­kung Kan­dels vom His­to­ri­ker Oli­ver Rath­kolb ver­le­sen. Kan­del, der als Zehn­jäh­ri­ger mit sei­ner Fa­mi­lie emi­grie­ren muss­te, sprach in An­leh­nung an Hu­go Bett­au­ers Ro­man „Die Stadt oh­ne Ju­den“über „Aus­tria: A Coun­try wi­thout Jews“. Er sei ent­täuscht dar­über, dass sich Ös­ter­reich (im Ge­gen­satz zu Deutsch­land) in sei­ner Nach­kriegs­po­li­tik nicht dar­um küm­mer­te, ver­trie­be­ne Ju­den zur Rück­kehr ein­zu­la­den, son­dern ih­nen das Heim­kom­men schwer­mach­te. Er kön­ne sich noch gut dar­an er­in­nern, als er als Acht­jäh­ri­ger die „An­schluss“-Re­de Adolf Hit­lers auf dem Hel­den­platz hör­te. Auch des­halb sei es ihm ein An­lie­gen, dass der be­rühm­te Bal­kon in die Aus­stel­lung in­te­griert wer­de. „Ich er­in­ne­re mich le­ben­dig dar­an, wie mein Va­ter da­zu ge­zwun­gen wur­de, die Stra­ße vor sei­nem Ge­schäft mit ei­ner Zahn­bürs­te zu wa­schen.“

Die­ser Ort ist prä­des­ti­niert für Spuk­ge­schich­ten wie kaum ein an­de­rer in Wi­en.

APA

Die Fe­st­re­den wur­den auf dem Hel­den­platz über­tra­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.