Ein Kin­der­traum darf vor­erst wei­ter­le­ben

Der Kett­car-Her­stel­ler Kett­ler kämpft ums Über­le­ben. Die jüngs­te Zeit war von Kri­sen ge­prägt.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON NI­CO­LE STERN

Chris­ti­na hat­te, wo­von vie­le einst nur träu­men konn­ten: ein Kett­car, ein Tre­t­au­to für Kin­der. Denkt sie an die­ses zu­rück, ge­rät sie ins Schwär­men. Auf dem Guts­hof ih­rer Ta­ges­mut­ter sei sie einst da­mit her­um­ge­fah­ren. Sie und ei­ne Hand­voll Bu­ben. „Al­le ha­ben die gan­ze Zeit auf dem Kett­car ver­bracht“, sagt sie. Es war ei­ne schö­ne Zeit.

Doch das ist Ver­gan­gen­heit. Die Kett­car-Mut­ter Kett­ler kämpft ums Über­le­ben. 57 Jah­re nach­dem das mil­lio­nen­fach ver­kauf­te Ge­fährt sei­ne ers­ten Ab­neh­mer fand. Die letz­te Zeit war für den deut­schen Her­stel­ler aus En­sePar­sit im Bun­des­land Nord­rhein-West­fa­len äu­ßerst tur­bu­lent. Der Nie­der­gang kam schlei­chend. Da half auch die Ein­tra­gung im „Du­den“nichts.

Heinz Kett­ler grün­de­te das Un­ter­neh­men im Jahr 1949. Cam­ping­s­tüh­le hat­te man eben­so im Pro­gramm wie Tisch­ten­nis­plat­ten, Heim­trai­ner oder Gar­ten­mö­bel. Das Nach­kriegs­deutsch­land war von Wachs­tum ge­prägt, und Kett­ler schwamm auf der Er­folgs­wel­le mit. Noch in den 1980er- und 1990er­Jah­ren er­freu­ten sich die Pro­duk­te, al­len vor­an das Kett­car, gro­ßer Be­liebt­heit, wenn­gleich es da­mals schon zum ers­ten har­ten Ein­schnitt kam. Kett­lers Sohn, Heinz ju­ni­or, ver­un­glück­te bei ei­nem Au­to­un­fall. Im­mer wie­der lau­te­te der Vor­wurf, dass der Va­ter es ver- ab­säumt ha­be, ei­nen Nach­fol­ger auf­zu­bau­en. Als dann auch Kett­ler se­ni­or, der bis zum Schluss im Un­ter­neh­men ak­tiv war, im Jahr 2005 starb, gin­gen Un­ter­neh­men und Ver­mö­gen auf Toch­ter Ka­rin, ei­ne Bio­lo­gin, über. Ka­rin Kett­ler war zwar Er­bin, aber – so unk­te man – kei­ne Un­ter­neh­me­rin. Ihr feh­le die Stra­te­gie und den teu­er her­ge­stell­ten Pro­duk­ten die In­no­va­ti­on.

Schon bald nach­dem die Fir­ma an Ka­rin Kett­ler ge­gan­gen war, mach­ten Mel­dun­gen die Run­de, dass sich das Un­ter­neh­men in ei­ner Ab­satz­kri­se be­fin­de und man ver­su­chen müs­se, mit Maß­nah­men zur Kos­ten­sen­kung ge­gen­zu­steu­ern. Ei­ne In­sol­venz jagt die nächs­te. Im­mer wie­der soll des­halb Geld aus dem Pri­vat­ver­mö­gen der Er­bin ge­flos­sen sein. Die Struk­tu­ren sei­en ver­wach­sen, man hät­te sie schon vor Jah­ren än­dern müs­sen, kri­ti­sier­te da­mals ein lei­ten­der Mit­ar­bei­ter. Dann kam 2015: Ka­rin Kett­ler schick­te das Un­ter­neh­men ih­res Va­ters in die In­sol­venz, um „die un­ab­ge­stimm­te Über­nah­me durch ei­nen Fi­nanz­in­ves­tor zu ver­mei­den und das Un­ter­neh­men neu aus­zu­rich­ten“.

Der Her­stel­ler von Frei­zeit­ge­rä­ten hat­te zu­vor in­ten­si­ve Ge­sprä­che mit ei­ner US-Be­tei­li­gungs­fir­ma ge­führt, die be­reit war, die Re­struk­tu­rie­rung des Be­triebs in An­griff zu neh­men. Ei­ne Ei­ni­gung schei­ter­te. Der Fi­nanz­in­ves­tor ent­schied sich statt­des­sen da­für, Kett­lers Schul­den von den Ban­ken und

Kett­lers Kin­der star­ben bei­de bei ei­nem Au­to­un­fall – un­ab­hän­gig von­ein­an­der.

so­mit auch die Kon­trol­le über den Be­trieb zu über­neh­men – wes­halb man die In­sol­venz in Ei­gen­ver­wal­tung als ein­zi­gen Aus­weg sah. Man stieß die Fahr­radspar­te ab, ver­such­te, ein neu­es Ka­pi­tel auf­zu­schla­gen, oh­ne Frau Kett­ler an der Fir­men­spit­ze. Rund ein Jahr spä­ter folg­te die nächs­te Tra­gö­die: Ka­rin Kett­ler ver­un­glück­te, wie ihr Bru­der, bei ei­nem Au­to­un­fall.

Im heu­ri­gen Som­mer mel­de­te Kett­ler er­neut In­sol­venz in Ei­gen­ver­wal­tung an. Ge­sprä­che mit ei­nem In­ves­tor platz­ten, weil die Heinz-Kett­lerStif­tung sich nicht be­reit zeig­te, auf des­sen For­de­run­gen ein­zu­ge­hen. So­gar die nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­re­gie­rung fühl­te sich be­mü­ßigt zu in­ter­ve­nie­ren. Ei­ne Brü­cken­fi­nan­zie­rung ver­schaff­te Kett­ler und sei­nen rund 720 Mit­ar­bei­tern in der Vor­wo­che nun Luft, und das in letz­ter Mi­nu­te. Die Stif­tung schoss Geld ein. Nun will man ein neu­es Ka­pi­tel auf­schla­gen. Da­mit die Ge­schich­te noch nicht zu En­de ist.

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1961 brach­te Kett­ler das ers­te Kett­car auf den Markt. Die In­spi­ra­ti­on da­zu fand Grün­der Heinz bei ei­ner Rei­se in die USA.

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