Tauch­gang in die Tie­fen New Yorks

Jen­ni­fer Egans mä­an­dern­der Ro­man »Man­hat­tan Beach« nä­hert sich der Me­tro­po­le vom Was­ser. Er taucht in die Un­ter­welt, in die 1940er-Jah­re – und ins Le­ben ei­ner Ma­ri­netau­che­rin.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON THO­MAS VIEREGGE

In Jen­ni­fer Egans vir­tuo­sem Ro­man „Der grö­ße­re Teil der Welt“(„A Vi­sit from the Goon Squad“) steigt ei­ne Fi­gur im Dro­gen­ne­bel in den ei­sig grau­en New Yor­ker East Ri­ver – und taucht nicht wie­der auf. Das ver­schlun­ge­ne Por­trät der Mu­sik­in­dus­trie – ein Ro­man­ex­pe­ri­ment in 13 Skiz­zen – trug der Au­to­rin vom Pu­lit­zer­preis ab­wärts Lo­bes­hym­nen und re­nom­mier­te Kri­ti­ker­aus­zeich­nun­gen ein. Selbst Jo­na­than Fran­zens Meis­ter­werk „Frei­heit“hat­te das Nach­se­hen. Die Ka­li­for­nie­rin, die als Stu­den­tin ein Hei­rats­an­ge­bot des splee­ni­gen App­leG­rün­ders Ste­ve Jobs ab­ge­lehnt hat und die nach wie vor gro­ße So­zi­al­re­por­ta­gen für das Sonn­tags­ma­ga­zin der „New York Ti­mes“schreibt, ist zum Shoo­ting­star der US-Li­te­ra­tur auf­ge­stie­gen.

In „Man­hat­tan Beach“, ih­rem neu­en Ro­man, wähl­te Egan ei­nen kon­ven­tio­nel­le­ren Zu­gang, wenn­gleich die Am­bi­ti­on auf die „Gre­at Ame­ri­can No­vel“sich schon am et­was prä­ten­tiö­sen Zi­tat aus Her­man Mel­vil­les Klas­si­ker „Mo­by Dick“ab­le­sen lässt, das sie dem Buch vor­an­stellt: „Ja, wie je­der weiß, sind Be­sinn­lich­keit und Was­ser auf ewig ver­mählt.“Das Meer als Me­ta­pher hallt bei Egan als Echo wi­der, das selbst in die Li­te­ra­tur­ge­schich­te ein­ge­hen könn­te: „Die See se­hen, die See, die See, die See.“Aus der Tie­fe der See­le kommt die Sehn­sucht von Ly­dia, der schwer be­hin­der­ten Schwes­ter der Prot­ago­nis­tin, als sie erst­mals der Wei­te des Oze­ans an­sich­tig wird. Eman­zi­pa­ti­on in Kriegs­zei­ten. Die 56-Jäh­ri­ge, die wie so vie­le ih­rer Schrift­stel­ler­kol­le­gen in­zwi­schen im Bo­bo-Bio­top Brook­lyn lebt, kehrt in „Man­hat­tan Beach“zu­rück zum East Ri­ver, der prak­tisch vor ih­rer Haus­tür lang­sam und trä­ge in den At­lan­tik strömt. Es ist in­des­sen ein mä­an­dern­der New-York-Ro­man, der sich vom Was­ser her der Me­tro­po­le nä­hert. Und es ist ei­ne viel­schich­ti­ge Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te. Egan taucht da­bei in die Un­ter­welt ein, in die Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs und in die 1940er-Jah­re, als Frau­en für die Kriegs­pro­duk­ti­on un­er­läss­lich wa­ren und toughe Män­ner­jobs wie Schwei­ßen ver­rich­te­ten.

In der Ma­ri­ne­werft in Brook­lyn, in der das Kriegs­schiff USS Mis­sou­ri spä­ter für die Schlacht von Iwo Ji­ma vom Jen­ni­fer Egan „Man­hat­tan Beach“ Über­setzt von Henning Ah­rens S. Fi­scher Ver­lag 496 Sei­ten 22,70 Eu­ro

Pie­ter M. Van Hat­tem

Jen­ni­fer Egan am Ha­fen in Brook­lyn, dem Haupt­schau­platz ih­res Ro­mans „Man­hat­tan Beach“.

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