Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST­PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA STEINER

In der Not­auf­nah­me. Ein jun­ger Mann ver­liert vor Schmer­zen das Be­wusst­sein, ei­ne al­te Frau geis­tert um­her. Und da ist mein Mäd­chen, das in ei­nen Plas­tik­beu­tel kotzt.

Zu­nächst ein­mal: Al­les ist gut aus­ge­gan­gen. Han­nahs Blind­darm ist nicht ent­zün­det. Nein, wir wis­sen im­mer noch nicht, was es ge­nau war. Ja, nicht ein­mal, was es un­ge­fähr ge­we­sen sein könn­te. Han­nah hat­te je­den­falls plötz­lich ste­chen­de Schmer­zen in der Na­bel­ge­gend. Be­gann zu er­bre­chen. Und bei­des so hef­tig, dass uns ban­ge wur­de. So lan­de­ten wir in der Not­auf­nah­me. Wenn man ne­ben sei­ner Toch­ter in der Not­auf­nah­me sitzt, be­merkt man nichts von dem, was rund­her­um pas­siert. Man be­merkt nur, dass das ei­ge­ne Kind schon wie­der er­bricht. Dass ei­ne freund­li­che Schwes­ter mit ei­nem fröh­li­chen Pfer­de­schwanz ei­ne Speib­schüs­sel vor­bei­bringt. Dass wir über­ra­schend schnell dran­kom­men. „Frau Ei­bel“, sagt die Ärz­tin und meint Han­nah. Stellt ih­re Fra­gen. Tas­tet den Bauch ab. Blut wird ab­ge­nom­men, ein Zu­gang wird ge­legt, Han­nah be­kommt Schmerz­mit­tel, wir sol­len noch ei­ne Stun­de da­blei­ben. So lang braucht der Tropf. Nichts Erns­tes, sagt die Ärz­tin. Der War­te­saal. Nichts Erns­tes, hat die Ärz­tin ge­sagt. Schon sind wir wie­der im War­te­saal. Erst jetzt re­gis­trie­re ich die grü­nen Vor­hän­ge. Die gel­ben Plas­tik­ses­seln. Die an­de­ren Not­fäl­le. Sa­ni­tä­ter schie­ben ei­nen Mann vor­bei, ei­lig, aber oh­ne Hek­tik. Ein Ehe­paar starrt vor sich hin. Ein jun­ger Mann ne­ben Han­nah krümmt sich vor Schmer­zen, er stöhnt zwi­schen zu­sam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen her­vor und ver­liert kurz das Be­wusst­sein. Sei­ne Freun­din beugt sich über ihn und weiß sich nicht zu hel­fen. Und ihm na­tür­lich auch nicht.

Ein we­nig ab­ge­schie­den sitzt ei­ne ge­brech­li­che al­te Frau. Sie hat nur ein Un­ter­lei­berl an und Jog­ging­ho­sen. Sie ver­sucht auf­zu­ste­hen. Ein­mal, zwei­mal, drei­mal, bis es ihr ge­lingt. Kurz geis­tert sie her­um, da kommt ein Kran­ken­pfle­ger vor­bei, drückt sie zu­rück in den Ses­sel und eilt wei­ter. Die ge­brech­li­che Frau will das nicht. Sie will nicht blei­ben. Sie will ge­hen, auch wenn sie da­bei fällt. Die Stö­rung. Was ha­be ich ei­gent­lich er­war­tet von ei­ner Not­auf­nah­me? Nicht, dass das Lei­den so groß ist. Nicht, dass das Per­so­nal so knapp ist, zu knapp je­den­falls für die ge­brech­li­che Frau, die kei­ne Zäh­ne mehr im Mund hat, die nach Urin riecht, mei­ne Hand nicht mehr los­lässt und et­was er­zählt, das ich nicht ver­ste­he. Als ich die freund­li­che Schwes­ter mit dem fröh­li­chen Pfer­de­schwanz dar­auf hin­wei­se, wird sie sehr schnell gran­tig. Weil ich den Ablauf stö­re? Weil sie ein schlech­tes Ge­wis­sen hat? Weil sie nichts än­dern kann?

Ir­gend­wann wird die al­te Frau ab­ge­holt. Ir­gend­wann ver­schwin­det der jun­ge Mann hin­ter dem Vor­hang. Ir­gend­wann kön­nen wir ge­hen. Kei­ne Ah­nung, was dort wei­ter ge­schieht.

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