Glau­bens­fra­ge

RE­LI­GI­ON RE­FLEK­TIERT – ÜBER LETZ­TE UND VOR­LETZ­TE DIN­GE

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON DIET­MAR NEU­WIRTH

Apo­ka­lyp­ti­ker wer­den gern ge­hört. Das gilt gera­de auch in Be­zug auf Re­li­gio­si­tät. Doch, welch Wun­der: Der Glau­be an ein Le­ben nach dem Tod nimmt nicht ab – son­dern zu.

Al­les geht den Bach hin­un­ter, al­les scheint dem Un­ter­gang ge­weiht. Im­mer we­ni­ger Ös­ter­rei­cher ge­hö­ren der ka­tho­li­schen (und der evan­ge­li­schen) Kir­che an, im­mer we­ni­ger fei­ern re­gel­mä­ßig die Sonn­tags­mes­se mit, im­mer we­ni­ger las­sen sich zum Pries­ter wei­hen, im­mer we­ni­ger le­gen ein Or­dens­ge­lüb­de ab. Im­mer mehr im­mer we­ni­ger al­so.

Apo­ka­lyp­ti­kern wird mit Lei­den­schaft zu­ge­hört. Ob das dem schwer er­klär­ba­ren Sich-ge­nuss­vollin-ein-Ge­fühl-des-Schau­derns-Hin­ge­bens ge­schul­det ist? Oder ob es als Auf­trag ge­se­hen wird, im Sin­ne ei­ner Self­de­s­troy­ing Pro­phe­cy zu han­deln? Un­ter­gangs­pro­phe­ten gibt es auch und gera­de, was die Kir­che im Spe­zi­el­len und Re­li­gio­si­tät im All­ge­mei­nen be­trifft. Mit de­fä­tis­ti­schem Zun­gen­schlag müs­sen Jahr für Jahr von Amts­trä­gern ein­schlä­gi­ge of­fi­zi­el­le Sta­tis­ti­ken kom­men­tiert wer­den.

Die neue Eu­ro­päi­sche Wer­te­stu­die scheint zu­nächst vom sel­ben Te­nor ge­tra­gen zu sein. Da wird nicht zum ers­ten Mal die Ent­kopp­lung von Glau­be und re­li­giö­ser Pra­xis kon­sta­tiert. Zwi­schen den Jah­ren 1990 und 2018 ist die Zahl je­ner Per­so­nen, die an­ge­ben, ein Mal pro Wo­che ei­nen Got­tes­dienst zu be­su­chen, von 19 auf 15 Pro­zent ge­sun­ken. Ja, wir neh­men es zur Kennt­nis. Und was ge­nau sagt uns das? Dass die Ent­christ­li­chung Ös­ter­reichs und Eu­ro­pas wei­ter vor­an­schrei­tet? Kann sein, muss aber nicht sein.

Man kann es auch so se­hen: Durch­aus in­ter­es­sant, dass es ei­ner Groß­or­ga­ni­sa­ti­on ge­lingt, trotz ge­ne­rell ab­neh­men­der Bin­dun­gen und ei­nem grö­ßer ge­wor­de­nen An­ge­bot auch in der Spar­te Spi­ri­tua­li­tät, all­wö­chent­lich 15 Pro­zent der Ös­ter­rei­cher zur Teil­nah­me an Mes­sen bis in den kleins­ten Win­kel des Lan­des zu be­we­gen. Wir spre­chen noch da­zu von ei­ner Ver­an­stal­tung, die in ex­tre­mis ri­tua­li­siert und for­ma­li­siert ist. Man könn­te auch sa­gen, die im Ablauf und der ver­wen­de­ten Spra­che er­starrt ist. Und, sei­en wir ehr­lich, sie hat auf ver­stö­ren­de Wei­se mit der kon­kre­ten Le­bens­welt und -er­fah­rung drau­ßen vor der Kir­chen­tür nicht all­zu viel zu tun.

Trotz­dem und gleich­zei­tig in ei­ner Welt vol­ler ver­wir­ren­der Gleich­zei­tig­kei­ten: Fast zwei Drit­tel der Ös­ter­rei­cher (kon­kret 63 Pro­zent) be­zeich­nen sich heu­te selbst als re­li­gi­ös. Re­li­gi­on als rei­ne Pri­vat­sa­che zu se­hen, die in der Ge­sell­schaft über­haupt kei­ne Rol­le mehr spie­len darf, wä­re an­ge­sichts die­ser Da­ten na­iv bis fahr­läs­sig. Mehr noch, die Zahl de­rer, die aus­drück­lich an ein Le­ben nach dem Tod glau­ben, ist in­ner­halb von fast drei Jahr­zehn­ten ge­stie­gen (!), von 44 auf 53 Pro­zent. Ähn­li­ches gilt für den Glau­ben an ei­nen Him­mel, den ak­tu­ell vier von zehn Ös­ter­rei­chern tei­len (41 Pro­zent nach 39 Pro­zent im Jahr 1990). Es gibt al­so tat­säch­lich ein Le­ben nach dem Tod für die viel­fach tot­ge­sag­ten Re­li­gio­nen.

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