WIL­HELM SEPER,

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Pass­wör­ter, ab­ge­saug­te Kun­den­da­ten­ban­ken und Schad­soft­ware auf den Han­dels­plät­zen des Dar­knet an­zu­bie­ten, die­sem an­ony­men Teil des In­ter­nets, in dem es vor Ver­bre­chern wim­melt. „Das führt da­zu, dass wir IT-Tä­ter ha­ben, die null Ah­nung von IT ha­ben“, sagt Wil­helm Seper, der im C4 die Er­mitt­lun­gen lei­tet. Heu­te kön­ne je­der oh­ne viel Auf­wand zum An­grei­fer wer­den. Ei­ne Zei­ten­wen­de.

Der zwei­te gro­ße Trend ist das „In­ter­net der Din­ge“(IoT) das sich in ra­sen­dem Tem­po aus­brei­tet und al­les mit al­lem ver­netzt. Es lässt smarte Kühl­schrän­ke, Wasch­ma­schi­nen, Hei­zun­gen, Alarm­an­la­gen aus der Fer­ne steu­ern. Der neue Kom­fort wird zur Ge­fahr, auch aus Be­quem­lich­keit. Es gibt Such­ma­schi­nen, die an­zei­gen, wo ein IoTGe­rät noch un­ter dem vor­ein­ge­stell­ten Stan­dard­pass­wort läuft. Es sol­len ziem­lich vie­le sein. „Das Pa­ra­de­bei­spiel ist dann der Ein­bre­cher, der an­stel­le von Schrau­ben­zie­her und Brech­stan­ge mit dem Ta­blet vor dem Haus steht und sich ins WLAN hackt, die Alarm­an­la­ge de­ak­ti­viert, das Schloss auf­sper­ren lässt“, sa­gen die Er­mitt­ler. Das klingt nach Zu­kunfts­mu­sik, ist aber schon Ge­gen­wart. Die Schwach­stel­le. Im­mer su­chen die An­grei­fer das schwächs­te Glied. In den meis­ten Fäl­len ist es der Mensch, in Fir­men der Mit­ar­bei­ter, die Se­kre­tä­rin et­wa, die auf den an­geb­li­chen An­ru­fer von Mi­cro­soft her­ein­fällt, der we­gen ei­nes „Si­cher­heits­pro­blems“Zu­griff auf den Com­pu­ter ver­langt, oder der Kol­le­ge, der sein pri­va­tes, ver­seuch­tes Han­dy ans Fir­men­netz­werk hängt.

Zu den gro­ßen Pro­ble­men in der Pri­vat­wirt­schaft zählt die „man­geln­de Feh­ler­kul­tur“, sagt der re­nom­mier­te Da­ten­schutz­ex­per­te und Wirt­schafts­an­walt Axel An­derl. Vie­le wür­den ei­nen Ha­cker­an­griff nicht of­fen­le­gen. Aus Scham. Aus Angst um die Re­pu­ta­ti­on: „und in der Hoff­nung: Wird schon kei- ner mer­ken.“Die Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung, die­ses Wor­t­un­ge­tüm, än­de­re das lang­sam, weil nun ho­he Geld­stra­fen ver­hängt wer­den kön­nen, wenn Fir­men ih­re IT nicht aus­rei­chend schüt­zen oder ei­nen Cy­ber­an­griff ver­heim­li­chen.

An­derl ist seit mehr als 13 Jah­ren An­walt. In die­ser Zeit ha­be er kei­ne zehn Mails mit ei­ner di­gi­ta­len Si­gna­tur er­hal­ten, die die Echt­heit des Ab­sen­ders be­stä­tigt. Der Da­ten­schutz­ex­per­te glaubt nicht, dass es an Pro­blem­be­wusst­sein man­gelt. Die Leu­te wüss­ten schon ganz gut über die Ris­ken im In­ter­net Be­scheid. Sie näh­men sie nur in Kauf: „Life­style“schlägt Si­cher­heit.

Tat­säch­lich gibt es schon viel di­gi­ta­le Auf­klä­rung. Auch in den Schu­len. Die jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen – die „di­gi­tal na­ti­ves“– schla­fen zwar, zu­ge­spitzt, mit dem Smart­pho­ne ne­ben dem Kopf­pols­ter ein. Dass sie die Ge­fah­ren des Net­zes des­halb bes­ser ver­ste­hen, zählt aber zu den gro­ßen My­then. Da ist man sich im Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um si­cher. Di­gi­ta­le Grund­bil­dung steht seit die­sem Jahr im Lehr­plan der Se­kun­dar­stu­fe. Der Schutz von Pass­wör­tern ist schon in Volks­schu­len The­ma.

Aber war­um sind wir Er­wach­se­nen so sorg­los? „Die vir­tu­el­le Welt ist schwer greif­bar. Vie­le kön­nen sich die Di­men­sio­nen nicht vor­stel­len“, sagt der deut­sche Si­cher­heits­ex­per­te Jan Bin­dig. Es daue­re, bis sich der Mensch für die­ses Reich aus Nul­len und Ein­sen ad­ap­tiert hat. Doch die Di­gi­ta­li­sie­rung war­tet nicht. Pau­sen­los bringt sie neue Chan­cen und Be­dro­hun­gen her­vor. Bin­dig nennt es „ein Katz-und-MausSpiel“. Man müs­se im­mer auf dem neu­es­ten Stand sein. Das ist müh­sam, Lei­ter des Re­fe­rats Er­mitt­lun­gen im Cy­ber­cri­meKom­pe­tenz­zen­trum des Bun­des­kri­mi­nal­amts. an­stren­gend. Zu­dem ge­be es die ver­brei­te­te Hal­tung, man ha­be nichts zu ver­ber­gen. Bin­dig: „Das än­dert sich schnell, wenn nachts das Ein­satz­kom­man­do im Schlaf­zim­mer steht, weil je­mand die ei­ge­ne Iden­ti­tät ge­stoh­len und da­mit Ver­bre­chen be­gan­gen hat.“

Die meis­ten Fäl­le sind klein und un­spek­ta­ku­lär, wie je­ner ei­nes Wie­ners (36), des­sen E-Mail-Kon­to ge­hackt wur­de. Bald ka­per­te der Ha­cker auch sein Face­book-Pro­fil. Freun­de mel­de­ten sich te­le­fo­nisch bei dem 36-Jäh­ri­gen, er ha­be ih­nen auf Face­book ge­schrie­ben, dass er Geld brau­che: Was denn los sei? „Du fühlst dich plötz­lich hilf­los. Ganz schnell er­reicht dich das Vir­tu­el­le in der ana­lo­gen Welt“, sagt er. Der Zwi­schen­fall en­det schein­bar glimpf­lich. Kurz dar­auf fliegt er nach Ja­pan. In sei­ner Ab­we­sen­heit wird in sei­ne Woh­nung ein­ge­bro­chen. Das pas­siert in sei­ner Ge­gend eher sel­ten, sagt er. Sei­ne Flug­da­ten la­gen im ge­hack­ten E-Mail-Post­fach. Zu­fall?

Der Ein­bre­cher kommt nicht mehr mit der Brech­stan­ge. Son­dern mit dem Ta­blet. Die di­gi­ta­le Unacht­sam­keit bleibt ein Mas­sen­phä­no­men. Auch in Ös­ter­reich.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.