Die jü­di­sche Kom­pli­zin der Na­zis

Der »Spie­gel«-Au­tor Ta­kis Wür­ger er­zählt in sei­nem zwei­ten Ro­man »Stel­la« die Ge­schich­te der jü­di­schen »Grei­fe­rin« Stel­la Gold­schlag. Das ge­lingt nur teil­wei­se.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON AN­NA-MA­RIA WALL­NER

Ta­kis Wür­ger hat ein Pech. Es ist nicht der bes­te Zeit­punkt für die Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Ro­mans. Nur drei Wo­chen nach dem Be­kannt­wer­den des Be­trugs­falls Claas Re­lo­ti­us ist sein zwei­ter Ro­man „Stel­la“er­schie­nen. Und die Här­te der Kri­ti­ker (die „Süd­deut­sche“ti­tel­te mit „Ein Är­ger­nis, ei­ne Be­lei­di­gung, ein Ver­ge­hen“) lässt dar­auf schlie­ßen, dass der „Spie­gel“-Re­dak­teur Ta­kis Wür­ger auch ein biss­chen für die Ta­ten des „Spie­gel“-Re­dak­teurs Claas Re­lo­ti­us bü­ßen muss. Denn Wür­gers Buch kommt zwar bei Wei­tem nicht an sein De­büt „Der Club“her­an, ist aber so schlecht auch wie­der nicht.

Zu­nächst ist ihm da­für zu dan­ken, dass er sich über­haupt an die­se Ge­schich­te ge­wagt hat, wenn auch viel­leicht nicht auf die bes­te Wei­se. „Stel­la“han­delt von der wah­ren jü­di­schen „Grei­fe­rin“Stel­la Gold­schlag. Je­ner Frau, die wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in Ber­lin ge­schätzt 3000 Ju­den an die Na­zis ver­ra­ten und so­mit in den Tod ge­schickt hat, um sich selbst vor der De­por­ta­ti­on zu schüt­zen. Pro­ble­ma­tisch ist al­ler­dings, dass der Le­ser bis zum kur­zen Epi­log nicht weiß, dass es sich bei Prot­ago­nis­tin Stel­la, so wie bei den meis­ten an­de­ren Fi­gu­ren im Ro­man, um rea­le Per­so­nen han­delt. Ein Hin­weis im Klap­pen­text, Ju­bel­zi­tat von Da­ni­el Kehl­mann oder zu Be­ginn der Ge­schich­te wä­re hilf­reich ge­we­sen. Ei­ne Lie­bes­ge­schich­te? Wür­ger er­zählt die Ge­schich­te von Stel­la Gold­schlag, die nach Kriegs­en­de we­gen Bei­hil­fe zum Mord zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de, ih­re Stra­fe ab­saß und sich 1994 das Le­ben nahm, aus der Sicht der fik­ti­ven Per­son Fried­rich. „Ein jun­ger Mann mit Geld und ei­nem Schwei­zer Pass, der ge­dacht hat­te, in die­sem Krieg le­ben zu kön­nen, oh­ne et­was mit ihm zu tun zu ha­ben.“So be­schreibt er sich selbst. Fried­rich ist aus wohl­ha­ben­dem, aber schwie­ri­gem Haus. Der Va­ter, ei­gent­lich Kos­mo­po­lit und welt­of­fen, läuft vor sei­ner Frau da­von. Die Mut­ter Al­ko­ho­li­ke­rin, glü­hen­de Hit­lerVer­eh­re­rin und Na­zi-An­hän­ge­rin, die den Sohn schlägt. Fried­rich zieht es im Jän­ner 1942 nach Ber­lin, wo er an ei­ner Kunst­schu­le zu stu­die­ren be­ginnt, ob­wohl er seit ei­nem Un­fall far­ben­blind ist. Er be­geg­net ei­ner ge­heim­nis­vol­len Ta­kis Wür­ger, „Stel­la“ Han­ser-Ver­lag, 220 Sei­ten, 22,70 Eu­ro

Sven Dö­ring / Agen­tur Fo­cus

Ta­kis Wür­ger ist im Brot­be­ruf „Spie­gel“-Re­dak­teur, „Stel­la“ist sein zwei­ter Ro­man.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.