Die Nö­te des klei­nen Toll­patschs

Sie has­sen Son­nen­creme oder um­ar­men an­de­re schmerz­haft fest. Kin­der mit selt­sa­mem Ver­hal­ten lei­den manch­mal an ei­ner Wahr­neh­mungs­stö­rung. Ein Kin­der­buch will auf­klä­ren.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON EVA WINROITHER

Der klei­ne Bär hat sich schon so dar­auf ge­freut. Im­mer wie­der hat er sei­ne Mut­ter ge­fragt: „Wann, Ma­ma, wann?“End­lich ist es so­weit, der klei­ne Bär Bumm­bumm darf in den Kin­der­gar­ten. Aber dort ist auf ein­mal nichts so, wie sich der klei­ne Bär das vor­ge­stellt hat. Bumm­bumm liebt Kin­der, aber die Kin­der lie­ben ihn nicht. Er will sie drü­cken und ih­nen zei­gen, wie sehr er sie mag. Die Kin­der schrei­en, dass er ih­nen weh­tue, und lau­fen da­von. Da weint der klei­ne Bär bit­te­re Trä­nen.

Der klei­ne Bär ist die Haupt­fi­gur in ei­nem Kin­der­buch, aber es gibt ihn wirk­lich. El­tern wer­den Kin­der wie ihn viel­leicht auf dem Spiel­platz ge­trof­fen ha­ben oder selbst ei­nen Bumm­bumm zu Hau­se ha­ben. Das sind Kin­der, die man am ehes­ten als Toll­patsch be­zeich­nen kann. Kin­der, die oft beim Tür­rah­men an­ren­nen oder sich ver­se­hent­lich ne­ben den Ses­sel set­zen. De­nen Din­ge schnell aus der Hand fal­len und die, wenn sie an­de­re um­ar­men, viel zu stark zu­drü­cken. „In je­dem Toll­patsch ist auch im­mer ein klei­ner Gro­bi­an ver­steckt“, er­klärt das ei­ne Hum­mel na­mens Hei­di im Buch.

Ge­schrie­ben ha­ben das Buch Klaus Eben­höh, im Brot­be­ruf bei der NGO Ho­ri­zon 3000 tä­tig, und Er­go­the­ra­peu­tin Isol­de Feh­rin­ger. Die Il­lus­tra­tio­nen stam­men von Da­ni­el Spreit­zer. Die Idee zu dem Buch kam den Au­to­ren, weil sie merk­ten, dass ab­seits von Leh­rern und Kin­der­gar­ten­päd­ago­gen noch im­mer we­ni­ge Er­wach­se­ne über sen­so­ri­sche In­te­gra­ti­ons­stö­run­gen (das sind Wahr­neh­mungs­stö­run­gen) bei Kin­dern Be­scheid wis­sen. Das Kin­der­buch rich­tet sich al­so auch an El­tern, die an ih­rem Nach­wuchs ver­zwei­feln – weil sie nicht ver­ste­hen, was mit ihm los ist. Da­bei zeigt das Buch über den klei­nen Toll­patsch Bumm­bumm nur ei­ne Wahr­neh­mungs­stö­rung – wei­te­re Bü­cher zu an­de­ren Stö­run­gen sind da­her in Pla­nung.

Bei sen­so­ri­schen In­te­gra­ti­ons­stö­run­gen geht man von drei Ba­sis­sin­nen aus, die Be­rüh­rung, Gleich­ge­wicht und die Tie­fen­wahr­neh­mung re­geln. Wenn die­se nicht ganz ent­wi­ckelt sind, kommt es zu ei­ner an­de­ren Reiz­ver­ar­bei­tung. Die Kin­der spü­ren, sa­lopp for­mu­liert, zu viel oder zu we­nig. Das Kind spürt sich nicht. Ein Kind kann et­wa ein klei­ner Bumm­bumm sein, weil es kei­ne gu­te Tie­fen­wahr­neh­mung hat und zu we­nig In­for­ma­tio­nen über Mus­keln, Seh­nen, Fas­zi­en und Or­ga­ne be­kommt. „Die Land­kar­te sei­nes Kör­pers ist da­mit nicht gut aus­ge­bil­det, des­we­gen kann so ein Kind auch Kör­per­gren­zen nicht gut wahr­neh­men“, er­zählt Feh­rin­ger. Wenn so ein Kind ein an­de­res zu fest um­armt, merkt es das nicht – es spürt sich ja selbst nicht ge­nug.

Um­ge­kehrt, er­zählt Feh­rin­ger, ge­be es Kin­der, die ei­ne Ab­nei­gung ge­gen Be­rüh­run­gen ha­ben. „Die­se Kin­der has­sen et­wa Son­nen­creme. Das ist so, als hät­ten sie ein Sand­korn im Au­ge. Sie mö­gen meis­tens auch kei­ne Eti­ket­ten im Lei­berl.“Das al­les wä­re kein Pro­blem, wenn nicht die­se Kin­der oft ge­ne­rell Din­ge un­gern an­grei­fen wür­den. In­fol­ge­des­sen et­wa mit Baustei­nen kei­ne Tür­me bau­en. Das wirkt sich frei­lich auf die Ent­wick­lung aus. „Weil die­se Kin­der viel we­ni­ger aus­pro­bie­ren und dann nicht auf das glei­che Er­fah­rungs­re­per­toire zu­rück­grei­fen kön­nen.“

An­de­re Kin­der ha­ben wie­der­um ei­ne Gleich­ge­wichts- oder Schwer­kraf­t­un­si­cher­heit. Bei Ers­te­rer wol­len Kin­der et­wa kei­ne Schau­kel­rei­ze. Ba­bys mö­gen es nicht, wenn sie nach hin­ten auf den Wi­ckel­tisch ge­legt wer­den, oder schrei­en, wenn sie im Au­to ge­gen die Fahrt­rich­tung im Kin­der­sitz sit­zen – wäh­rend es mit Blick nach vorn bes­ser funk­tio­niert. Sind sie in Hin­blick auf Gleich­ge­wicht hin­ge­gen un­ter­emp­find­lich, kön­nen sie sich zu Ad­re­na­lin­jun­kies ent­wi­ckeln, die Ex­trem­sport­ar­ten wie Ba­se-Jum­ping lie­ben. Be­rüh­rungs­un­emp­find­li­che Kin­der spü­ren Rei­ze wie­der­um nicht gut. Sie er­le­ben die Welt, „als wür­de man mit ei­nem Hand­schuh in der Ta­sche nach sei­nem Au­to­schlüs­sel su­chen“, sagt Feh­rin­ger. Für sie al­le gibt es Übun­gen, mit de­nen die

Kin­der­buch:

„Der klei­ne Toll­patsch Bumm­bumm“ Von Isol­de Feh­rin­ger und Klaus Eben­höh Il­lus­tra­tio­nen von Da­ni­el Spreit­zer Bi­b­lio­thek der Pro­vinz 44 Sei­ten 20 Eu­ro Rei­ze trai­niert und nor­ma­li­siert wer­den kön­nen. Ma­len mit Ra­sier­schaum auf dem Spie­gel, zum Bei­spiel. Das Wüh­len in Raps oder Lin­sen, Schmin­ken, auch das An­grei­fen mit ei­nem si­che­ren Griff kann hel­fen.

Man­che Kin­der mö­gen kei­ne Be­rüh­run­gen, sie grei­fen auch Spiel­zeug nicht gern an. Wenn sich Kin­der wei­gern, Din­ge an­zu­grei­fen, ma­chen sie auch we­ni­ge Er­fah­run­gen.

Bis man dort­hin kom­me, daue­re es, warnt die Ex­per­tin. Feh­rin­gers Ar­beit als Er­go­the­ra­peu­tin gleicht in ih­ren Er­zäh­lun­gen ein biss­chen der ei­nes De­tek­tivs – muss sie doch An­hand von Mi­mik und Kör­per­re­ak­tio­nen er­ken­nen, in wel­che Rich­tung der The­ra­pie­weg ge­hen soll. So wie bei je­nem klei­nen Bu­ben, der mit 4,5 Jah­ren kaum sprach, völ­lig hy­per­ak­tiv war „und viel­leicht bei ei­nem Arzt auf ADHS dia­gnos­ti­ziert wor­den wä­re“. Durch Feh­rin­gers Ar­beit stell­te sich her­aus, dass bei dem Bu­ben zwei Wir­bel ver­scho­ben wa­ren, die auf das Rü­cken­mark drück­ten. Als die­se wie­der ge­rich­tet wa­ren, be­gann der Bub zu ler­nen – und wur­de ru­hi­ger. Je­der Mensch hat Vor­lie­ben. Trotz­dem müs­sen El­tern nicht so­fort zum The­ra­peu­ten lau­fen, wenn sie mer­ken, dass ihr Kind et­wa kei­ne Eti­ket­ten im Lei­berl mag. „Je­der Mensch hat ge­wis­se Be­son­der­hei­ten“, sagt Feh­rin­ger. Wäh­rend die ei­nen gern Men­schen an­grei­fen, tun es die an­de­ren nicht. „Nur dann, wenn et­was zu ei­nem All­tags­pro­blem wird, ist je­mand ein The­ra­pie­fall.“Wenn Kin­der kei­ne Freun­de fin­den zum Bei­spiel, wenn sie nicht spie­len oder wenn Ba­bys bei Kör­per­kon­takt stän­dig schrei­en. War­um sich die­se Rei­ze bei man­chen Kin­dern nicht so ent­wi­ckeln wie bei an­de­ren, kön­ne man üb­ri­gens nicht sa­gen. In der Li­te­ra­tur ge­he man von Sau­er­stoff­man­gel bei der Ge­burt, Trau­ma, Um­welt­ein­flüs­sen oder Ver­er­bung aus.

Wich­ti­ger sei es oh­ne­hin, mit den Kin­dern zu ar­bei­ten, fin­det Feh­rin­ger – und auf­zu­klä­ren. Da­mit auch an­de­re El­tern im Kin­der­gar­ten er­ken­nen, wenn in der Grup­pe ih­res Kin­des viel­leicht ein klei­ner Bumm­bumm ist.

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