Das Kind in uns: Wir wol­len doch nur spie­len

Escape the Room, Bag­ger­park oder Bäl­le­bad – Spiel­räu­me für Er­wach­se­ne wer­den im­mer mehr. Die Gro­ßen ma­chen gern Din­ge, die im All­tag ver­pönt oder ver­bo­ten sind: Ge­schirr ab­sicht­lich ka­putt schla­gen oder ech­te Bag­ger be­die­nen.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON EVA WINROITHER AN­NA-MA­RIA WALL­NER

Wie kommt man auf die Idee, ein Ge­schäft zu er­öff­nen, in dem Men­schen Ge­schirr ka­putt schla­gen kön­nen? Bei Kers­tin Eh­ren­gru­ber und Raf­fa­el Tann­hei­mer war es das Fern­se­hen, ge­nau ge­nom­men die Se­rie „Pret­ty Litt­le Li­ars“. In ei­ner Fol­ge der Mys­te­ry­se­rie schenkt die Mut­ter ih­rer Toch­ter Han­na nach ei­ner Tren­nung ei­ne Run­de „Dish Sma­shing“zur Ablen­kung. „Wir ha­ben das ge­se­hen und uns so­fort schlau ge­macht, ob es so ein Ge­schäft in Ös­ter­reich oder Deutsch­land gibt.“Und es gab nicht.

Lang­wie­ri­ger war dann die Su­che nach den pas­sen­den und leist­ba­ren Rä­um­lich­kei­ten für ih­re Idee. Erst der Haus­ver­wal­tung des Zins­hau­ses in der Füch­sel­hof­gas­se ge­fiel ihr Kon­zept. Al­so be­zo­gen sie dort das di­rekt von der Stra­ße aus be­geh­ba­re Kel­ler­lo­kal, ver­klei­de­ten die Wän­de mit Akus­tik­schaum und er­öff­ne­ten im Jän­ner 2018 ihr Hap­py Shards („shards“= Scher­ben). Der Slo­gan „Scher­ben brin­gen Glück“soll von dem doch eher ne­ga­tiv kon­no­tier­ten Ge­schäfts­in­halt des Ka­putt­schla­gens ab­len­ken. Im­mer­hin sind Scher­ben in vie­len Re­gio­nen der Welt ein Glücks­sym­bol, auch bei uns be­müht man bei ei­nem zer­bro­che­nen Glas gern den Glück-Ka­len­der­spruch. Wer will, kann al­so zu Pa­ket­prei­sen von neun bis 45 Eu­ro oder mehr Ge­schirr und Glä­ser kau­fen und zer­dep­pern. Da­zu gibt es ei­ne Schutz­bril­le, Hand­schu­he und auf Wunsch ei­nen Fans der Se­rie „How I Met Your Mo­ther“wis­sen, wo­von die Re­de ist. Dar­in spielt Haupt­fi­gur Bar­ney im­mer wie­der La­ser Tag mit Freun­den – und hat das Spiel so auch in Ös­ter­reich be­kann­ter ge­macht. La­ser Tag funk­tio­niert ähn­lich wie Paint­ball, ist aber nicht schmerz­haft. Wes­halb das Spiel auch gern von Frau­en ge­spielt wird, so lau­tet je­den­falls die The­se di­ver­ser La­ser-Tag-An­bie­ter in Wi­en. Bei La­ser Tag müs­sen die Spie­ler ei­ne Wes­te mit Sen­so­ren an­zie­hen, be­kom­men ei­nen Tag­ger in die Hand und müs­sen an­de­re Men­schen er­wi­schen. Beim größ­ten An­bie­ter in Wi­en, Ma­xx En­ter­tain­ment (mit drei Stand­or­ten, viel­leicht bald ei­nem vier­ten), ist der Spie­ler nach ei­nem Tref­fer für zehn Se­kun­den in­ak­tiv und be­kommt 25 Punk­te Ab­zug, der Schüt­ze da­für 100 Punk­te gut­ge­schrie­ben. Ge­won­nen hat der Spie­ler oder das Team mit den meis­ten Punk­ten. „Im Un­ter­schied zu Paint­ball spielt man das Spiel da­durch schnel­ler und ist ri­si­ko­freu­di­ger“, sagt Or­lan­do Süss von Ma­xx En­ter­tain­ment. Je nach Stand­ort va­ri­iert die Ku­lis­se – vom La­by­rinth bis zur gro­ßen Hal­le. Ge­spielt wird das Spiel – das es üb­ri­gens seit 2012 in Wi­en gibt – laut Süss oft von Stu­den­ten und eher jün­ge­ren Men­schen, aber frei­lich auch äl­te­ren, die ih­ren Spaß ha­ben wol­len. Wie bei den Escape-Rooms fin­den hier Pol­ter­aben­de und Geburtstage statt und Fir­men ma­chen Te­am­buil­ding-Events. Oh­ren­schutz. Die Bi­lanz von Eh­ren­gru­ber und Tann­hei­mer fällt nach ei­nem Jahr äu­ßerst po­si­tiv aus. Bis­her sind 1500 Tel­ler und noch ein­mal so vie­le Wein- und Sekt­glä­ser ge­flo­gen. Es gibt stän­dig neue An­fra­gen für Grup­pen, die zu Ge­burts­ta­gen, Pol­ter­aben­den oder Schei­dungs­par­tys ei­ne Run­de Tel­ler­wer­fen ge­hen wol­len. Ein­ge­sperrt. Der Er­folg der bei­den be­stä­tigt ei­nen Trend, der sich seit ei­ni­gen Jah­ren be­merk­bar macht: Schrä­ge Spiel­plät­ze für Er­wach­se­ne sind ge­fragt, und das An­ge­bot ist breit. Es reicht von Bäl­le­bä­dern über Bag­ge­ro­der Klet­ter­seil­parks bis zu so­ge­nann­ten Escape-Ga­mes oder Escape-theRoom-Spie­len, die seit ei­ni­gen Jah­ren be­son­ders be­liebt und ak­tu­ell wie­der in al­ler Mun­de sind. Wenn auch auf­grund ei­nes trau­ri­gen An­las­ses: Ver­gan­ge­nes Wo­chen­en­de star­ben fünf Mäd­chen bei ei­nem Escape-the-Room-Spiel in Po­len, sie konn­ten sich aus dem ge­schlos­se­nen Raum nicht mehr be­frei­en, als vor der Tü­re ein Feu­er aus­brach. Der Tür­griff war ab­mon­tiert und muss­te als Teil des Spiels ge­sucht wer­den.

Das Kon­zept der Spie­le ist grund­sätz­lich bei al­len ähn­lich – auch wenn man nicht bei al­len ein­ge­sperrt wird. In Escape-Rooms müs­sen die Spie­ler in­ner­halb ei­ner St­un­de ein Rät­sel oder ei­ne Auf­ga­be lö­sen. Frü­her reich­ten da­für Kar­ten oder Kreuz­wort­rät­sel. In jüngs­ter Zeit, er­zählt Lu­kas Rau­scher vom Wie­ner An­bie­ter Cri­me Run­ners, sei die Bran­che deut­lich kom­ple­xer und for­dern­der ge­wor­den: „Es muss ein Er­leb­nis sein.“Bei Time Run in Lon­don reist man durch die Zeit. Die be­rühm­te bri­ti­sche Se­rie „Sher­lock“kann im Escape-Room-Spiel „The Ga­me Is Now“ganz of­fi­zi­ell nach­emp­fun­den wer­den. Bei Cri­me Run­ners muss man in ei­nem Raum ei­nen Mord im Sturm lö­sen, da­bei wird viel mit Spe­cial Ef­fects ge­ar­bei­tet – et­wa Sen­so­ren oder Au­dio­da­tei­en. Je we­ni­ger Zeit die Grup­pe hat, des­to lau­ter wird das Don­nern und um­so stär­ker der Sturm aus der Wind­ma­schi­ne. Für die Ku­lis­se ar­bei­tet Cri­me Run­ners so­gar mit Pro­fis aus dem Film­ge­schäft zu­sam­men. „Nur, dass wir viel sta­bi­ler bau­en müs­sen als die Film­bran­che.“

Die Nach­fra­ge ist un­ge­bro­chen, erst im Herbst dräng­ten wie­der neue An­bie­ter auf den Markt. Of­fi­zi­el­le Zah­len gibt es nicht, aber in Wi­en gibt es der­zeit ge­schätzt 24 An­bie­ter mit 64 Räu- Es gibt die­ses Kli­schee, dass Vä­ter für ih­re Kin­der di­ver­ses tech­ni­sches Spiel­zeug kau­fen, nur um am En­de selbst da­mit zu spie­len. Und ja, ein biss­chen Spiel­trieb ist im­mer da­bei, so­bald man ein Match­box-Au­to oder ein Spiel­zeug­flug­zeug in der Hand hat – und plötz­lich an­fängt, da­mit die glei­chen Be­we­gun­gen zu ma­chen, die man auch schon als Kind ge­macht hat. Und ja, ein et­was ko­mi­sches Ge­fühl ist da­bei, wenn man sich plötz­lich selbst in der Kin­der­rol­le er­tappt. Das pas­siert eher sel­ten, wenn man es um­ge­kehrt macht – wenn man mit ei­nem Kind in ei­nem le­bens­gro­ßen „Spiel­zeug“sitzt. Ei­nem Bag­ger zum Bei­spiel. Da fällt die in­ne­re Schran­ke weg, dass man als Er­wach­se­ner ja nicht mit Kin­der­spiel­zeug han­tie­ren soll­te – denn das hier ist kein Spiel­zeug. Das ist echt. Der Bag­ger­park in Wi­en Sim­me­ring hat sich als Spiel­wie­se eta­bliert, auf der Kin­der ab dem sechs­ten Le­bens­jahr mit ech­ten Bau­ma­schi­nen han­tie­ren kön­nen. Es be­ginnt mit ei­nem 1,5-Ton­nen-Bag­ger, von dem man sich bis zum gro­ßen Ko­loss mit bis zu 26 Ton­nen hoch­ar­bei­ten kann. Schutt, Er­de und Ge­röll kann mit den Schau­feln be­wegt, Hau­fen kön­nen ab­ge­tra­gen und wie­der auf­ge­schich­tet wer­den. Und das al­les oh­ne all­zu gro­ße Kraft­an­stren­gung mit dem Joy­stick – wie ech­te Bag­ger­fah­rer es auch ma­chen. Und ja, Er­wach­se­ne dür­fen auch mit­spie­len. Ganz oh­ne blö­des Ge­fühl, dass das hier ei­gent­lich nur für Kin­der ge­dacht sein könn­te. men; 13 wei­te­re Räu­me sol­len dem­nächst er­öff­nen, so Rau­scher. Be­kannt aus dem Fern­se­hen. Ei­ne wei­te­re Se­rie ist üb­ri­gens für die Po­pu­la­ri­tät ei­nes an­de­ren Er­wach­se­nen­spiels ver­ant­wort­lich: In „How I Met Your Mo­ther“ist es Prot­ago­nist Bar­ney, der im­mer wie­der mit sei­nen Freun­den La­ser Tag spielt. An­geb­lich hat das zum Boom von La­ser Tag in Eu­ro­pa und auch Ös­ter­reich bei­ge­tra­gen. Ähn­lich wie das Tel­ler­wer­fen bei Hap­py Shards funk­tio­nie­ren Wu­träu­me. Kürz­lich hat in Wi­en der ers­te er­öff­net ( sie­he rechts), in dem man et­wa ka­put­te Fern­se­her mit ei­nem Base­ball­schlä­ger oder Vor­schlag­ham­mer zer­le­gen kann.

Mit die­sen Spie­len tref­fen die An­bie­ter je­den­falls den Zeit­geist in ei­ner Welt, die im­mer ver­spiel­ter wird. Er­wach­se­ne wol­len bis ins ho­he Al­ter ih­re kind­li­che Sei­te aus­le­ben – der äl­tes­te Sie tau­chen seit ei­ni­gen Jah­ren stän­dig auf und er­zeu­gen meist sehr schnell leuch­ten­de Au­gen bei Er­wach­se­nen. So war das zu­letzt im ver­gan­ge­nen Som­mer beim Eu­ro­päi­schen Fo­rum Alp­bach zu be­ob­ach­ten. Auf dem Dach des Con­gress Cen­trums wur­de ein Bäl­le­bad mit schwar­zen Ku­geln ein­ge­rich­tet, auf de­nen in­spi­rie­ren­de oder lus­ti­ge Sprü­che von Stoi­kern zu le­sen wa­ren, wie et­wa: „Die Un­ter­hal­tung muss lo­cker sein wie die Klei­dung.“Die In­stal­la­ti­on der bel­gisch-fran­zö­si­schen Künst­ler­grup­pe Fran­ce Distrac­tion hat­te ih­re Pre­mie­re be­reits zwei Jah­re zu­vor bei den Wie­ner Fest­wo­chen im Schau­spiel­haus er­lebt. Im ver­gan­ge­nen Früh­ling hat auf der Di­gi­tal­mes­se Re­pu­bli­ca in Ber­lin ein Bäl­le­bad mit knall­grü­nen Ku­geln die Be­su­cher al­ler Al­ters­klas­sen er­freut. Und auch das bis­her an­geb­lich größ­te Bäl­le­bad Wi­ens, das im Sep­tem­ber zwei Wo­chen lang auf rund 100 m2 im Wie­ner Shop­ping­cen­ter Hu­ma Ele­ven auf­ge­baut war, hät­ten Er­wach­se­ne mit Be­geis­te­rung be­nützt, sagt Cen­ter-Ma­na­ger Ste­phan Kalt­eis.

Die Fas­zi­na­ti­on für das Bad im Plas­tik­ku­gel­meer ist wohl die glei­che, die Kin­der emp­fin­den. Nur durf­ten Er­wach­se­ne bis­lang in her­kömm­li­che Bäl­le­bä­der von schwe­di­schen Mö­bel­rie­sen oder auf In­door-Spiel­plät­zen meist ge­nau­so we­nig hin­ein wie auf Hüpf­bur­gen bei Kir­ta­gen. Es war al­so nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis es auch Bäl­le­bä­der für Er­wach­se­ne gibt.

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