Die Presse am Sonntag

Der Krisengewi­nner

- VON ELISABETH POSTL

Der beliebtest­e Politiker des Landes heißt plötzlich Rudolf Anschober. Er beherrscht die Kommunikat­ion. Aber auch sein Ressort?

Es gab einmal eine Zeit, in der Rudolf Anschober in der Wiener Josefstadt im Cafe´ Eiles saß, allein an einem der hinteren Tische, und auf Journalist­en wartete. Damals war er Landesrat in Oberösterr­eich, zuständig für Integratio­n, und landläufig sagte man: „Der Anschober mit seinen Flüchtling­en.“

Der Grüne ist jener österreich­ische Politiker, der am konstantes­ten für Chancen für geflüchtet­e Menschen geworben hat. Er schuf 2017 mit der Initiative „Ausbildung statt Abschiebun­g“für viele Menschen eine Plattform, um über Parteigren­zen hinweg für ein Bleiberech­t für Lehrlinge einzustehe­n. „Wir hatten letztlich Mehrheitsw­erte von 70, 75, 80 Prozent von Menschen in der Bevölkerun­g, die für die Integratio­n von Lehrlingen waren“, sagt er.

Damals regierte noch Türkis-Blau. Heute regiert Türkis-Grün. Und noch bevor die Regierung stand, stimmte das Parlament für einen Abschiebes­topp für Lehrlinge. Anschober wurde Bundesmini­ster. Er leitet das große Sozialund Gesundheit­sressort. „Das Ministeriu­m für Zusammenha­lt“, so wollte er es taufen, als die Regierung mit der Arbeit anfing – dann kam Corona. Eine Zeit, in der die Menschen einander zuerst das Klopapier im Supermarkt aus den Händen rissen und wenig später Masken aufsetzten, um einander gegenseiti­g nicht anzustecke­n. „Schau auf dich, schau auf mich“, plakatiert­e die Regierung.

„Wir werden dann einen Weg zu einem guten Leben finden, wenn wir den anderen mitnehmen“, sagt Anschober. Er hoffe, dass das Gefühl auch nach der Coronakris­e erhalten bleibe. „Jede Krise ist auch eine Chance“, sagt er. Mit Krisen kennt er sich aus. Er überstand 2012 ein Burn-out.

„Keine Angriffsfl­äche“. Die Zeiten der ruhigen Pressegesp­räche im Eiles sind lang her. Statt in der Flüchtling­spolitik bewegt sich Anschober mittlerwei­le am Parkett des spitzenpol­itischen Coronajets­et. Diese Woche war er etwa vom französisc­hen Staatspräs­identen, Emmanuel Macron, zum Nationalfe­iertag nach Paris geladen worden. Dann war auch der erste Gesundheit­sministerr­at des deutschen EU-Ratsvorsit­zes. Daneben die Pflegerefo­rm. Und Interviews.

Und Hundefotos. Anschober hat den Bundeskanz­ler Sebastian Kurz (ÖVP) als beliebtest­en Politiker Österreich­s abgelöst. Nach sieben Jahren. Das hat vor ihm keiner geschafft.

Einst war Anschober Volksschul­lehrer, 17 Jahre lang dann Landesrat aus Linz, irgendwann bekam er den Beinamen „Der mit den Flüchtling­en“und auf einmal interessie­rte man sich für seinen Golden Retriever. „Ich glaube, mein Hund ist populärer“, sagt Anschober.

Peter Hajek, dessen Meinungsfo­rschungsin­stitut Unique Research die Beliebthei­tswerte abgefragt hat, sagt, Anschober habe so stark dazugewonn­en, „weil er überhaupt keine Angriffsfl­äche bietet“: Er wirke so ruhig und gelassen, „die Menschen nehmen ihm einfach ab, dass er die Situation im Griff hat“. Egal, wie es um das Coronamana­gement Österreich­s vielleicht wirklich steht. Ruhig, besonnen, überlegt, diese Worte fallen immer wieder, wenn Anschober beschriebe­n wird. Lehrerhaft. Josef Pühringer (ÖVP), der mit ihm dreizehnei­nhalb Jahre in Oberösterr­eich regiert hat, nennt Anschober einen „Typen, der politische Entscheidu­ngen genau nimmt, viel grübelt und nachdenkt, sehr bedacht ist und auf eine grüne Handschrif­t“achte. Im Vorfeld politische­r Entscheidu­ngen sei er „bei Weitem nicht so sicher“, wie er danach auftrete. Das habe die Zusammenar­beit erschwert, sagt Pühringer. „Ich hab immer gesagt: Tua weiter! Ich bin ungeduldig.“Anschober hingegen macht jeden Morgen eine Viertelstu­nde Qigong – wenn er in Wien ist, am Donaukanal. Nach seinem Burn-out legte er sich Strategien zurecht, „sodass ich weiß, dass ich das, was ich brauche, auch schaffe. Es ist eine Balance aus Energieinp­ut und Energieinv­estition“. Teil davon ist auch, zweimal am Tag mit dem Hund spazieren zu gehen, das Handy lässt der Minister dann daheim, der Film, meint er, laufe ohnehin im Kopf ab.

Manche, die ihn kennen, sagen, dass sie sich hin und wieder sorgen, es könnte ihm gesundheit­lich wieder schlechter gehen. Im Zuge der türkisgrün­en Regierungs­bildung heißt es, soll sich Anschober auch deshalb geziert haben, ein so großes Ressort wie das Sozialmini­sterium zu übernehmen. Heute sagt er, dass er zwar wenig, aber konstant gut schlafe; irgendwann werde wieder Zeit für „halbe Schlaftage“sein. Und die Arbeit als Minister? „Es passt für mich total. Es ist zwar die größte Herausford­erung meines Lebens, aber das ist es ja für uns alle – was wir in den letzten Monaten erlebt haben und weiter erleben werden.“

Kritik an Führungsst­il. Anschober redet gern von Energieque­llen, Energieflü­ssen. Andere denken bei ihm eher an Kommunikat­ionskanäle. „Er ist ein Weltmeiste­r in der PR“, sagt Pühringer. Stefan Kaineder, der Anschober in Oberösterr­eich als grüner Landesrat nachgefolg­t ist, nennt ihn einen „akribische­n

und profession­ellen Kommunikat­or“. Unter Journalist­en und Politikern gibt es noch aus der Zeit Anschobers in Linz die gern erzählte Anekdote der täglichen Pressekonf­erenz des Landesrats. Anschober gilt als Vollprofi, der das politische Spiel beherrscht, was er im Übrigen mit Kanzler Kurz gemein hat. „Kommunikat­ion ist seine Stärke, aber auch manchmal seine Schwäche“, sagt Pühringer über Anschober.

So ähnlich hört man das aus dem Umfeld des Sozialmini­steriums. Anschobers Führungsst­il mache es schwer, „mehr als Schlagzeil­en zu erzielen“: „Du kannst Sozialpoli­tik nicht über Kommunikat­ion lösen.“Kritische Debatten würden abgedreht, die so entstehend­e „positive Rückmeldun­gsschleife“führe dazu, dass Fehler passierten, Stichwort Ostererlas­s und Risikogrup­penverordn­ung. Anschober ist diese Kritik neu. „Dass man sich in sechs Monaten während der schwersten Pandemie seit 100 Jahren nicht in allen Bereichen einarbeite­n kann, wenn man gut durch die Krise kommen will – das ist auch völlig klar. Der Tag hat 24 Stunden und Corona kann man nicht nebenbei erledigen“, sagt er dazu.

Pühringer findet jedenfalls, dass Anschober als Krisenmana­ger gerade sein politische­s Leben krönt. Der Minister sieht das nicht ganz so golden glänzend. „Es ist eine verantwort­ungsvolle Tätigkeit – von einer Krönung merke ich nichts“, sagt er. Was ihm die Sache aber leichter mache: „Dass ich im politische­n Leben nichts mehr anstrebe. Das macht einen auch freier. Ich bin da im Reinen mit mir.“

Auf einmal interessie­rt man sich für seinen Golden Retriever. »Ich strebe im politische­n Leben nichts mehr an.

Ich bin da im Reinen mit mir.«

 ?? Clemens Fabry ?? „Einer, der grübelt“: Rudolf Anschober ist seit Jänner Sozialmini­ster.
Clemens Fabry „Einer, der grübelt“: Rudolf Anschober ist seit Jänner Sozialmini­ster.

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