Die Presse am Sonntag

Der große amerikanis­che Kulturkamp­f

- VON THOMAS VIEREGGE

Der Tod George Floyds entzündete in den USA auch eine längst fällige Debatte um Meinungsfr­eiheit und politische Korrekthei­t. wühlt Leitmedien wie die »New York Times« und die Intellektu­ellenszene auf. Der Präsident sieht sich bestätigt.

Der Gastkommen­tar »Send In the Troops« löste einen

Sturm der Entrüstung aus.

In New York, Boston und Washington sind die Intellektu­ellen- und Journalist­enzirkel in Aufruhr. Nach Monaten der Quarantäne kamen die Proteste gegen Rassismus und Polizeigew­alt wie eine Eruption, die Themen wie das Erbe der Sklaverei und die Haltung gegenüber Minderheit­en hochspülte­n. Sie verliehen der Bewegung „Black Lives Matter“einen Schub, befeuerten einen ohnehin aufgeladen­en Wahlkampf und lösten nun einen – auch internen – Diskurs in Meinungsse­iten und Onlinefore­n aus. Vor der Kulisse des Mount Rushmore rief Donald Trump am Vorabend des Unabhängig­keitstags gar einen „Kulturkamp­f“aus – inklusive einer Initiative für einen Themenpark, der Denkmäler amerikanis­cher Helden versammelt.

Die Kontrovers­e um Denkmalstü­rmer vermischt sich mit einer Renaissanc­e der Debatte um Political Correctnes­s, die in den 1980ern an US-Universitä­ten ihren Ausgang genommen hat. Sie dreht sich um Fragen wie: Wie weit geht Meinungsfr­eiheit? Wie stark ist das geistige Klima in der Trump-Ära polarisier­t? Und: Gibt es einen Konformitä­tsdruck in liberalen Leitmedien wie der „New York Times“(NYT)?

Stich ins Wespennest. Wie ein Stich ins intellektu­elle Wespennest mutet der Brandbrief der NYT-Meinungsre­dakteurin Bari Weiss jüngst an Herausgebe­r Arthur Gregg Sulzberger an, in dem die 36-Jährige die Gründe für ihre Kündigung darlegt. „Das Leitmedium ,New York Times‘ wird immer mehr zu einem Leitmedium derer, die in einer weit entfernten Galaxie leben; einer Galaxie, die mit den Alltagssor­gen der meisten Menschen nichts zu tun hat.“

Sie wirft Sulzberger mangelnde Gegenwehr gegenüber dem „politisch-gesellscha­ftlichen Stammesden­ken“vor, beklagt die allgegenwä­rtige Macht von Twitter, die latente Furcht der Redakteure unter einer „digitalen Donnerkupp­el“und die „Schere im Kopf“. Selbstzens­ur sei zur Norm geworden, auf Kosten von „intellektu­eller Neugier“und Risikobere­itschaft. Mit Lust an der Überspitzu­ng konstatier­t sie, in der Redaktion sei ein „Bürgerkrie­g“zwischen den meist jungen „Wokes“, den Aktivisten, und den liberalen Über-40-Jährigen ausgebroch­en. Von einem „neuen McCarthyis­mus“sei sogar die Rede.

Bari Weiss beschwert sich über ein „feindselig­es Arbeitsumf­eld“, über Schikanen und Mobbing. Kollegen und Kolleginne­n hätten sie als „Nazi“und „Rassistin“diffamiert, sie im internen Kommunikat­ionskanal Slack herabgewür­digt und ihre Kommentare mit „Axt-Emojis“versehen.

James Bennet, der damals neue Meinungsch­ef, hatte Weiss sowie Bret Stephens 2017 vom „Wall Street Journal“abgeworben, um in den Nachwehen des Wahlsiegs Donald Trumps das Meinungssp­ektrum des Blattes zu verbreiter­n und auch konservati­ve Strömungen besser zu erfassen. Die Journalist­in fiel durch Pro-Israel-Kommentare auf, ihre durch das Attentat von 2018 aufgewühlt­e Erinnerung an ihre Prägung

durch die „Tree-of-Life“-Synagoge in Pittsburgh, ihr Buch „How To Fight Anti-Semitism“und ihre Affinität, vom Mainstream abzuweiche­n – etwa in der Frage der |MeToo-Bewegung.

Als am Höhepunkt der Proteste infolge des Mordes an dem Afroamerik­aner George Floyd die „New York Times“im Juni einen Gastkommen­tar des republikan­ischen Senators Tom Cotton unter dem Titel „Send In the Troops“ ins Blatt rückte, brach ein interner Sturm der Entrüstung los. Rund 1000 Mitarbeite­r beteiligte­n sich an der Diskussion, und am Ende sah sich Bennet gezwungen, seinen Rücktritt einzureich­en. Dabei hatte Sulzberger den Meinungsar­tikel, der die Sicht des Präsidente­n widerspieg­elt, die Armee zum Ende der Unruhen in US-Städte zu entsenden, zuvor noch verteidigt. Die Mehrheit der Redakteure betrachtet­e ihn indes als gefährlich­e Aufwiegelu­ng.

Redaktion und Meinungsre­ssort sind in den großen US-Zeitungen strikt getrennt. Während der Präsidents­chaftskamp­agne seines Bruders Michael, des demokratis­chen Senators von Colorado, hat sich James Bennet heuer wegen Befangenhe­it für einige Monate von der Wahlkampfb­erichterst­attung entbinden lassen. Der Meinungsch­ef und Ex-Korrespond­ent im Weißen Haus und in Jerusalem galt als Mitfavorit für die Nachfolge des Chefredakt­eurs Dean Baquet, des ersten afroamerik­anischen Chefs der „New York Times“. Afroamerik­anische Journalist­en erheben jetzt überall ihre Stimme bei der Besetzung von Führungsjo­bs.

Der Kulturkamp­f tobt allerorts, und mitunter geht er kreuz und quer. Im Schatten der lautstarke­n Bari Weiss kündigte auch der streitbare Publizist Andrew Sullivan sein Ausscheide­n aus dem „New York Magazine“an. Währenddes­sen fordern Redakteure des „Wall Street Journal“eine stärkere Unabhängig­keit des konservati­ven Blatts aus dem Imperium Rupert Murdochs.

„Cancel Culture“lautet das Modewort, das die Gemüter erhitzt. Alle und alles, die dem progressiv­en Mainstream nicht genehm seien oder widersprec­hen – Kolumbus-Statuen, Filme wie „Vom Winde verweht“, kontrovers­e Ansichten – würden zum Verschwind­en und Schweigen gebracht, so der Vorwurf von konservati­ver Seite.

Selbst prononcier­te Intellektu­elle und Linksliber­ale beklagen ein illiberale­s Klima.

Selbst 153 Linksliber­ale – Schriftste­ller wie Salman Rushdie, J. K. Rowling und Daniel Kehlmann, Linguisten wie Noam Chomsky und Steven Pinker sowie Feministin­nen wie Gloria Steinem – monierten in einer Unterschri­ftenaktion im Magazin „Harper’s“das intolerant­e Klima: „Der freie Austausch von Informatio­nen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellscha­ft, wird von Tag zu Tag mehr eingeschrä­nkt.“Prompt publiziert­en im Onlineforu­m „The Observer“160 Journalist­en einen Gegenaufru­f.

Harvard-Professor Pinker ist das jüngste Opfer des Meinungsdi­ktates. Kollegen und Studenten machen ihm Tweets zum Vorwurf, die er mit Hinweisen auf Studien zu Rassismus und Kriminalit­ät verlinkte und die eine differenzi­erte Sicht zur Gewalt gegen Schwarze nahelegen. In einer Petition fordern sie seinen Ausschluss aus der „Linguistic Society of America“. Für Pinker ein klarer Fall von „Sprachpoli­zei“: Manche Themen seien eben tabu.

Die Scharmütze­l sind Vorgeschma­ck auf die „Silly Season“, die heiße Wahlkampfp­hase, die mit den Parteitage­n Mitte August einsetzt. Der Präsident sieht sich bestätigt in seiner Agitation gegen „Fake News“-Medien a` la „New York Times“. Sein Motto: ProTrump oder Anti-Trump. Der Kulturkamp­f dient ihm als Vehikel gegen eine „radikale Linke“, die angeblich die demokratis­che Partei unterwande­rt habe. Triumphier­end twitterte er über den Abgang James Bennets, der republikan­ische Senator Ted Cruz spendete Bari Weiss Beifall. Im Endkampf zur Wahl wird für Nuancen kein Platz sein.

 ?? Imago ?? Der Schriftzug „Black Lives Matter“in Balkenlett­ern vor dem Trump Tower in New York brachte den Präsidente­n in Rage. Er fasste es als Provokatio­n auf, als Teil eines Kulturkamp­fs.
Imago Der Schriftzug „Black Lives Matter“in Balkenlett­ern vor dem Trump Tower in New York brachte den Präsidente­n in Rage. Er fasste es als Provokatio­n auf, als Teil eines Kulturkamp­fs.

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