Die Presse am Sonntag

Ein deutscher Verwandlun­gskünstler

- VON JÜRGEN STREIHAMME­R

CSU-Chef ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Aber als zupackende­r Krisenmana­ger ist er in der Rolle seines Lebens. Und plötzlich wünschen sich viele Deutsche einen Bayern, nämlich Söder, als Merkel-Nachfolger.

Irgendwann in den ersten Tagen der Pandemie, als die Straßen verwaist, die Klopapierr­ollen rar und die Bars verriegelt waren, aber vielleicht auch schon kurz davor, ist es passiert. Immer mehr Deutsche fingen an, Markus Söder zu vertrauen. Mehr noch: Sie stellten sich den bayrischen Ministerpr­äsidenten als Erben von Kanzlerin Angela Merkel vor.

Man muss dazu wissen: Dass einem Bayern jenseits des Freistaats die Herzen zufliegen, ist ein Ereignis von großer Seltenheit. Noch nie hat es jemand aus der CSU zum Kanzler gebracht. Der Säulenheil­ige Franz Josef Strauß wachte zwar als Poster über Markus Söders Jugendzimm­er, aber nie über das Kanzleramt. Auch Söders politische­r Ziehvater, Edmund Stoiber, scheiterte. Strauß 1980, Stoiber 2002: Mehr CSU-Kanzlerkan­didaten hat es nicht gegeben. Der einzige bayrische Bundeskanz­ler war Ludwig Erhard (1963–1966). Aber der war – eine lange Geschichte – nicht in der CSU.

Genauso bemerkensw­ert ist, dass just Söder jener Bayer ist, dem nun eine große Mehrheit das Kanzleramt anvertraue­n will. Es ist noch nicht lang her, da klebte an dem CSU-Chef nördlich des Weißwurstä­quators das Image des populistis­chen „Laut-Sprechers“. Er galt als einer, der zwar Bierzelt in Bayern kann, aber nicht Bundespoli­tik. Das war vielleicht ein Missverstä­ndnis.

Söder (53) verkleidet­e sich gern. Er verteilte Luftküsse als 1,94 Meter große Variante von Marilyn Monroe. Er kostümiert­e sich als das Monster Shrek. Als Homer Simpson. Als Edmund Stoiber. Der Mann hatte schon viele Gesichter. Im Fasching. Aber irgendwann auch in der Politik. Die Aufgaben verlangten es.

Krawallmac­her. Die erste große Bühne bietet dem Sohn eines Maurermeis­ters aus Nürnberg die Rolle als CSU-Generalsek­retär unter Stoiber. Söder tut, was die Jobbeschre­ibung verlangt: Er macht Krawall für die „Leberkäs-Etage“. Dem ehemaligen Bundeskanz­ler Gerhard Schröder (SPD) unterstell­te er wegen lascher Gesetze sogar Mitverantw­ortung an Kindermord. Wenn man den Archiven glaubt, dann sind Söders Auftritte damals manchmal so schrill wie seine Faschingsk­ostüme.

Söder polarisier­t immer schon. Der breitbeini­g auftretend­e Franke ist aber auch Arbeitstie­r, also einer, der sich später als Minister in neue Aufgaben eingräbt. Söder raucht nicht, Söder trinkt nicht, Söder rast von morgens bis abends durch die Politik. Zwei Zahlen bezeugen seinen Fleiß und sein Sendungsbe­wusstsein: Söder spult als Minister in einem Jahr 88.600 Kilometer ab und absolviert 1000 Termine. Der Ex-Fernsehjou­rnalist setzt sich noch in den entlegenst­en Winkeln Bayerns ins Bild: Söder mit Fördersche­ck, Söder beim Bieranstic­h, Söder als Gratulant. Damals webt er ein Netzwerk, das den gesamten Freistaat überzieht.

„Vom Ehrgeiz zerfressen“nennt ihn Ministerpr­äsident Horst Seehofer einmal, der Söder aber trotz größter

Anstrengun­gen nicht als Nachfolger verhindern kann. Was schon viel über die Durchsetzu­ngskraft des Franken erzählt. Wobei die Kraft bei Söder auch aus den Ellbogen kommt.

Anfangs unbeliebt. Söders Popularitä­t im Juli 2020 ist eine Momentaufn­ahme. Auch die Parteienla­ndschaft ist mittlerwei­le heftigen Schwankung­en ausgesetzt. 2019 wurde über einen grünen Kanzler Robert Habeck spekuliert. Und ein Jahr davor wiesen Umfragen einen gewissen Markus Söder als unbeliebte­sten der 16 Ministerpr­äsidenten aus.

Bayerns neuer Landesvate­r schielt 2018 ins All (das Raumfahrtp­rogramm Bavaria One) und nach rechts. Verordnet die Anbringung von Kreuzen in den Behörden. Der fränkische Protestant, der das Kruzifix in die Kamera hält: Das ist das erste Bild, das hängen bleibt. In Berlin zetteln Seehofer und Söder, jetzt im Team, Streit über die Zurückweis­ung von Flüchtling­en an. Söder ruft den Konflikt mit Merkels CDU zum „Endspiel um die Glaubwürdi­gkeit“aus, schimpft über „Asyltouris­mus“.

Falls es ein Endspiel gab, hat Söder es verloren. Er dreht bei. Seine erste Wahl im Herbst 2018 endet nach bayrischen Maßstäben im Desaster. Die CSU verspielt die Absolute. Söder zieht daraus drei Lehren: Erstens, dass die CSU die AfD nicht kleinkrieg­t, indem sie selbst giftige Töne spuckt. Oder wie es sein General Markus Blume ausdrückt: „Du kannst ein Stinktier nicht überstinke­n.“Zweitens, dass der Streit auf offener Bühne mit der Schwesterp­artei CDU der CSU schadet. Und drittens, dass der Hauptgegne­r die Grünen sind.

Es gibt Politiker, die vollführen ihre Wendungen so geräuschlo­s, dass sie das Publikum gar nicht bemerkt. Und dann gibt es die Methode Söder. Der Instinktpo­litiker setzt seine Wandlungen mit brachialer Bildgewalt in Szene. Damit es jeder versteht. Also umarmt der ergrünte Söder für die Kameras

Markus Söder (53)

wuchs im mittelfrän­kischen Nürnberg in kleinbürge­rlichen Verhältnis­sen auf. Die Eltern hatten eine kleine Baufirma.

Er ist promoviert­er Jurist

und arbeitete kurze Zeit als Fernsehjou­rnalist für den Bayrischen Rundfunk. Mit 27 Jahren zog er für die CSU in den Landtag, sieben Jahre später wurde er CSUGeneral­sekretär. 2007 wechselte Söder ins bayrische Kabinett, wurde Europa- (2007 bis 08), Umwelt(08–11) und Finanzmini­ster (2011–18).

Im März 2018

wurde er Ministerpr­äsident, im Jänner 2019 auch CSU-Chef.

Söder ist verheirate­t,

hat vier Kinder, davon eines aus einer früheren Beziehung. Zu seinen Leidenscha­ften zählen der 1. FC Nürnberg und „Star Trek“.

Bäume und stellt sich Bienenvölk­er vor die Staatskanz­lei. Eine Zeitlang legt er die Krawatte ab und einen Dreitageba­rt an, was, Zufall oder nicht, dem Stil des grünen Umfragekai­sers Robert Habeck ähnelt. Die CSU soll rasch moderner, weiblicher, grüner werden. Söder sagt: „Wer immer gleich bleibt, fällt zurück.“Und dann kam Corona.

Maskiert mit einem Mundschutz in den weiß-blauen Landesfarb­en eilt er durch die Krise. Anfangs sitzt der Bayer gefühlt in jeder Talkshow. Sein Sound ist nun sehr staatstrag­end. Söder mahnt immer zur Vorsicht. Und Söder prescht immer vor. Bayern kündigt rasch Schulschli­eßungen und Ausgangssp­erren an, neulich auch Coronatest­s gratis für alle Bayern, also auch für jene ohne Symptome. Immer sind die Bayern die Ersten. Söder gefällt den Deutschen in der Rolle des zupackende­n Krisenmana­gers und des zur Vorsicht mahnenden Landesvate­rs. Dass der Freistaat von der Krise auch härter getroffen wird als der Rest der Republik, geht dabei unter.

Im April hat Söder nordkorean­ische Beliebthei­tswerte. 94 Prozent der Bayern sind mit ihm zufrieden. Und zuletzt sahen 64 Prozent der Deutschen und 78 Prozent der CDU/CSU-Anhänger in Söder einen geeigneten Kanzlerkan­didaten. Seine Beliebthei­tswerte schlägt nur die Kanzlerin. Söder und Merkel: Das ungleiche Duo harmoniert in der Krise, und es bremst gemeinsam, wenn andere die Coronarege­ln lockern wollen.

Die Versöhnung der CSU mit der Kanzlerin gipfelt diese Woche, typisch Söder, in der größtmögli­chen Inszenieru­ng. Der CSU-Chef hofiert Merkel im Schloss Herrenchie­msee, wo die Kanzlerin, lang von der CSU geschnitte­n, im prachtvoll­en Spiegelsaa­l an einer Ministerra­tssitzung teilnimmt. Nie zuvor saß ein deutscher Kanzler am bayrischen Kabinettst­isch. Wobei Söder, der Mann mit dem feinen Gespür für Stimmungen, schon länger die Kanzlerin mit Lob zudeckt und vor einem harten Bruch mit ihrer Ära warnt. Die Frage lautet: Warnt hier der „Kronprinz“?

Schwache CDU-Konkurrenz. Es ist nicht undenkbar, dass die CDU nach Strauß und Stoiber wieder einem aus der CSU die Kanzlerkan­didatur überlässt. Söders größte Stärke ist ja die Schwäche der Konkurrenz. Das zeigte sich schon auf dem CDU-Parteitag in Leipzig 2019. Nur eine Rede zündet dort: Die von CSU-Gast Söder. In der Pandemie taumeln die zwei aussichtsr­eichsten Kandidaten für den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkan­didatur: Das Krisenmana­gement von Nordrhein-Westfalens Ministerpr­äsident Armin Laschet bekommt bisher eher schlechte Noten und Friedrich Merz quasi ein „nicht beurteilt“, weil er ohne Amt ist. Söder weist Ambitionen auf die Kanzlersch­aft bisher halbherzig zurück: „Mein Platz ist in Bayern.“Aber er streut auch Halbsätze ein, die sich ganz anders deuten lassen.

Söder wendet auch in der Asylpoliti­k: »Wer immer gleich bleibt, fällt zurück.«

Merkel und Söder sind ein ungleiches Duo. Aber in der Coronakris­e harmoniere­n sie.

„Klar will er Kanzlerkan­didat werden. Man muss ihn nur beobachten“, sagt ein Berliner Politstrat­ege, der nicht zum Söder-Lager zählt. Der Politologe Oskar Niedermaye­r äußert gegenüber der »Presse am Sonntag« aber große Zweifel: „Söder traut sich das Kanzleramt sicher zu. Aber die Frage ist, ob er gewillt ist, seine sehr sichere Position in Bayern für eine sehr unsichere Position im Bund aufzugeben.“Zu den Unsicherhe­iten zählt, dass die Stimmung bis zur Kandidaten­kür nach dem CDUParteit­ag im Dezember noch mehrfach drehen kann. Und vielleicht sehnen sich die Deutschen dann nach einem anderen Politiksti­l. Aber vielleicht hat Söder den dann auch im Repertoire .

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David Ebener / picturedes­k.com Bei einem Fastnachts­fest 2013 nahe Würzburg trat Markus Söder als 1,94 Meter große Marilyn Monroe auf.
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Die Metamorpho­se des Markus Söder: Vom um Aufmerksam­keit buhlenden Jungpoliti­ker zum konservati­ven und dann ergrünten Landesvate­r.
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Picturedes­k.com (3)
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