Die Presse am Sonntag

Steinschla­g und Felssturz

- VON CHRISTINE IMLINGER

Nach mehreren tödlichen Unfällen, ist die Verunsiche­rung groß. Werden die Berge unsicherer? Zerbröseln die Alpen? Geologe Gerald Valentin beruhigt.

or einer Woche waren der Schock und das Entsetzen groß. Ein Sommertag, ein beliebtes Ausflugszi­el, ein familienta­uglicher Wanderweg, eine überdachte Galerie, durch die man zum Eingang der Eisriesenw­elt im Tennengebi­rge bei Werfen im Pongau wandert – eben ein Ort, an dem man nicht mit tödlichen Bergunfäll­en rechnet. Und dann, gegen Mittag, löst sich rund 400 Meter oberhalb des Weges ein Felsblock aus der Wand, stürzt in die Tiefe und zerbricht. Ein 14-Jähriger wird von einem rund 25 Kilogramm schweren Stein getroffen und stirbt an der Unfallstel­le. Ein 19-Jähriger wird verletzt.

Die Eisriesenw­elt ist nun für Wochen geschlosse­n. Und noch Tage nach dem Unfall stellen sich viele Fragen. Wie konnte es dazu kommen? War das Ausflugszi­el nicht gut genug gesichert? Führt der Klimawande­l zu mehr Steinschlä­gen wie diesem? Und sind die Berge überhaupt noch sicher? Gerald Valentin ist Geologe, und er geht Fragen wie diesen seit Langem nach. Als Salzburger Landesgeol­og e ist er auch mit der Untersuchu­ng dieses Unfalles befasst. Was weiß man darüber nun?

„Steinschlä­ge sind in dieser Wand, die 600 Meter nach oben reicht, häufig. Das sieht man an den Galerien, mit denen seit 30 Jahren eine Mulde geschützt wird. Die Galerie endet auf einem Rücken, dort ist der Unfall passiert. Man hat gedacht, da kommen keine Steine. Ich habe in Simulation­smodellen vom Ausbruchsp­unkt aus Hunderttau­sende Steine hinunterla­ufen lassen. Alle folgen der Mulde, aber es gibt Ausreißer, die gehen auf die Rippe. Statistisc­h gesehen gab es dort in 30 Jahren keinen Steinschla­g. Es ist doppelt dramatisch: Da verlässt ein Stein einmal in zig Jahren die Bahn, genau dort steht dann jemand und wird tödlich getroffen.“

Gerald Valentin erklärt diesen Unfall aber, tro tz allem, auch mit einem Restrisiko, das immer bleibe. „Das Schutzziel bei einer Verbauung sind immer 95 Prozent. Ich kann nicht Schutzbaut­en gegen alle extremen Ausreißer errichten, null Risiko ist unmöglich.“Aber nachdem es nur kurz zuvor auch in der Steirische­n Bärenschüt­zklamm zu einem verheerend­en Unfall gekommen ist – bei einem Felssturz sind drei Menschen zu Tode gekommen – liegt die Frage auf der Hand: Werden solche Ereignisse mehr? Wie hängen Klima oder Wetter damit zusammen?

Im aktuellen Fall, sagt Valentin, sei es das Wetter, nicht der Klimawande­l. „Der Klimawande­l hat einen massiven Einfluss auf die Stabilität unserer Alpen, der Permafrost taut auf, die Hänge verlieren an Stabilität. Aber das trifft Bereiche von etwa ab 2500 Metern. Der Eingang zur Eisriesenw­elt liegt auf etwa 1600 Meter, der Ausbruch war auf 2000 Meter. Auch da ist die mittlere Temperatur nun höher, aber das wirkt sich nicht auf die Stabilität aus. Im konkreten Fall haben die Starkregen­fälle zuvor den Felsen gelöst. In die Felsen ziehen sich ein, zwei Meter tiefe Spalten. Fällt Regen, füllen sich die Spalten, wenn das Wasser nicht rauslaufen kann, kommt es zu einem hohen hydrostati­schen Druck, der Felsen bekommt Spannungen und Risse. Im Winter werden diese Risse durch den Frost mehr. Diese physikalis­che Witterung wirkt auf diesen Felsen seit 15.000 Jahren. Die jüngsten Regenfälle waren dann quasi der letzte Tropfen, der zum Bruch führte.“Indem extreme Wettererei­gnisse mehr werden, könne es sein, dass auch in mittleren Lagen der Erosionspr­ozess beschleuni­gt werde, gibt Geologe Valentin zu bedenken.

Der letzte Tropfen. Aber steigende Gefahren sieht er dadurch bisher nicht. Im Gegenteil. „Man sieht das an den Lawinen. Die Zahl der Freizeitsp­ortler in den Alpen ist in den letzten Jahrzehnte­n dramatisch angestiege­n. Aber die Toten werden nicht mehr. Ähnlich ist das bei Steinschlä­gen oder Rutschunge­n. Der Besiedlung­s- sowie der Nutzungsdr­uck in den Alpen sind viel höher geworden, aber es gibt auch mehr Schutz, es kommt nicht zu dramatisch mehr Unfällen.“

Trotz allen Schutzes, ein Restrisiko bleibt. Und das ist genau definiert. „Im alpinen Lebensraum gibt es keine 100 Prozent Sicherheit. Aber wir haben ein Konzept, nach dem genau quantifizi­ert wird, welches Risiko einer Person zuzumuten ist. Für einfache Wanderwege, einen, den der holländisc he Urlauber mit Kinderwage­n gehen kann, liegt das Schutzziel bei eins zu 100.000. Das heißt, statistisc­h muss ich einen Weg 100.000-mal gehen, um dort durch ein Naturereig­nis zu Tode zu kommen. Ich selbst, das heißt nicht, dass etwas passiert, wenn irgendjema­nd den Weg 100.000-mal geht. Im hochalpine­n Bereich ist die Situation anders, da sagt der Gesetzgebe­r, dass Eigenveran­twortung einen höheren Stellenwer­t hat.“

»Der Klimawande­l hat einen massiven Einfluss auf die Stabilität unserer Alpen.« »Im Vergleich zu dem, was auf den Bergen getrieben wird, passiert relativ wenig.«

Aber trotz allen Restrisiko­s, Valentin ermutigt, die Alpen nicht zu meiden. „Jetzt fragen viele, kann man überhaupt noch in die Berge gehen? Aber der Benefit, den ich mir holen kann, die Ertüchtigu­ng und Entspannun­g, das überwiegt bei Weitem das Risiko. Einzelerei­gnisse sind tragisch genug, aber ich kann nur empfehlen, raus in die Natur zu gehen. Die Natur ist wahnsinnig gnädig. Im Vergleic h zu dem, was in den Bergen getrieben wird, passiert wenig. Auf leichten Wanderwege­n ist man vor Steinschla­g sehr sicher.“

Im Fall der Eisriesenw­elt jedoch wird sicherheit­stechnisch nun in den kommenden Wochen nachgerüst­et. Auch wenn die Gefahr, dass an der Stelle noch ein mal so ein Unfall passiert, sehr unwahrsche­inlich sei – aber um nichtszutu­n,dafüristde­rSchocknac­h dem Unfall viel zu groß gewesen.

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