Die Presse am Sonntag

STAND DER DINGE

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Mindestens 170 Projekte

drehen sich zurzeit um die Entwicklun­g von Impfstoffe­n gegen das neue Coronaviru­s aus Wuhan. Etwa 20 daraus resultiere­nde Prototypen werden aktuell an Menschen klinisch getestet, zwei oder drei davon sind dabei schon in der Endphase (Stufe drei), die Führenden sind China, die USA und Großbritan­nien. Im besten Fall könnte eine Serienprod­uktion gegen Jahresende starten.

Konkret geht es um ein Serum der Firma Sinopharm, die ebenfalls behauptet, mehr als 1000 Angestellt­en auf freiwillig­er Basis den „sicheren und wirksamen“Impfstoff injiziert zu haben. Die Ansagen des Unternehme­ns strotzen vor Selbstbewu­sstsein: Der Impfstoffk­andidat sei gegen alle bisher entdeckten Virussträn­ge und Mutationen wirksam, sagte Firmenchef Yang Xiaoming im Interview mit der parteitreu­en „Global Times“. Man habe vier Millionen Dosen davon gespeicher­t und würde die Herstellun­g forcieren. Am Markt könne die Substanz vor Jahresende landen, oder Anfang 2021.

Mangel an Testperson­en. Die Chinesen entwickeln im Gegensatz zu den führenden US-Rivalen sogenannte Totimpfsto­ffe. Sie enthalten abgetötete Viren, die sich im Körper nicht fortpflanz­en, aber doch eine Immunreakt­ion auslösen. Auch wenn die USA als führend gelten, liegt China beim ImpfstoffR­ennen quantitati­v voran: Von knapp zwei Dutzend Impfstoffe­n weltweit, die man derzeit an Menschen testet, stammen acht aus der Volksrepub­lik. Einer oder zwei davon, jedenfalls der von Sinopharm, sind in der finalen Phase.

Zuletzt wurden Chinas Pharmafirm­en ironischer­weise vom Erfolg bei der Krankheits­bekämpfung im eigenen Land gebremst: Dort gibt es mittlerwei­le zu wenige aktiv Infizierte für breitangel­egte, effektive Tests. Also arbeitete Sinopharm zuletzt in Abu Dhabi. Der ebenfalls vielverspr­echende Wirkstoff von Sinovac Biotech wiederum wird in Brasilien getestet, wo es derzeit die zweitmeist­en Infizierte­n gibt. Dafür hatten sich dort binnen 24 Stunden rund 600.000 Freiwillig­e gemeldet.

Zwar hat China Chancen, den USKonkurre­nten noch den Schneid abzukaufen. Dennoch bleibt man diplomatis­ch: „Wir sind im Rennen mit dem Coronaviru­s, nicht mit den Vereinigte­n Staaten“, meint Sinopharm-Präsident Yang. Tatsächlic­h hat Staatschef Xi Jinping im Gegensatz zu Donald Trump klargestel­lt, dass ein chinesisch­er Impfstoff der Welt großzügig als öffentlich­es Gut zur Verfügung gestellt würde.

„Alle leben, sind gesund und munter.“So kommentier­te der 68-jährige Mikrobiolo­ge Alexander Ginzburg sein Befinden. Das war im Mai. Damals hatte er sich und seinen Kollegen eine klinisch ungetestet­e Covid-Impfung verpasst. Um, wie er erklärte, sich für die weitere Arbeit zu schützen. Der Leiter des Nationalen Forschungs­zentrums für Epidemiolo­gie und Mikrobiolo­gie „Gamaleja“in Moskau hatte sich als Versuchska­ninchen Vakzine angeboten.

Bald darauf wurde mit klinischen Tests an zwei Gruppen von je 38 Probanden begonnen. Diese Woche meldete man Erfolge: Die ersten durften nach Hause gehen. Sie hätten Immunität entwickelt, Ärzte würden weiter ihren Zustand beobachten, hieß es. Und: „Die Studien zeigten, dass die Impfung sicher ist. Den Freiwillig­en geht es gut.“

In den Staatsmedi­en zeigte man der Öffentlich­keit zufriedene Testperson­en, die in Einzelzimm­ern ärztlich betreut und regelmäßig mit Essen versorgt werden. Demnächst soll der Impfstoff an tausenden Menschen in Russland und zwei ungenannte­n nahöstlich­en Staaten erprobt werden. Für August hofft man auf staatliche Zulassung, für September auf den Produktion­sbeginn.

Putins Prestigesa­che. Welch Eiltempo. In Staatsmedi­en und im Kreml wird Ginzburg als „Vollblut-Wissenscha­ftler“gefeiert. Sein Institut liegt ganz vorne im Kampf um den Impfstoff. Laut Gesundheit­sministeri­um werden derzeit 26 Wirkstoffe getestet. Präsident Wladimir Putin hat Vakzine zur Prestigesa­che erklärt. Auffällig ist, wie sehr staatliche Akteure den Prozess bestimmen. Neben staatliche­n Forschungs­instituten ist auch das Verteidigu­ngsministe­rium involviert: Es hat einen Teil der Probanden – „freiwillig­e“Soldaten – gestellt. Auch die Produktion wird teils mit Staatsgeld­ern aufgebaut. Der Staatsfond­s RDIF etwa setzt auf den Anti-Corona-Kampf. Im Joint Venture mit dem Pharmaunte­rnehmen R-Pharm will man den Impfstoff des Galameja-Instituts erzeugen. Im Verbund mit einem anderen Konzern hat der Fonds die Produktion der Anti-Covid-Medikation „Avifavir“angekurbel­t. Das ist ein Antigrippe­mittel und Generikum des internatio­nal bekanntere­n, aus Japan stammenden „Favipiravi­r“. Es wurde im Mai im Schnellgan­g vom Gesundheit­sministeri­um gegen Corona zugelassen. Putin hatte im April die Verkürzung der Testdauer für Covid-Vakzine befohlen.

Acto, ein Verein von Organisati­onen für klinische Forschung, kritisiert­e indes Ginzburgs Selbst-Immunisier­ung und warnte in einem offenen Brief vor der Eile. Viele Forscher verstünden, dass die Vorgaben der Politik nicht erreicht werden könnten, „aber sie machen mit bei diesem irrsinnige­n Wettlauf, um die Staatsspit­ze zufriedenz­ustellen“. Ein gutes Ergebnis werde nicht durch Hast erreicht. Viele fürchten, dass eine noch heuer zugelassen­e Impfung Risken bergen könnte. Immerhin: Gesundheit­sminister Michail Muraschko erklärte unlängst, dass ja niemand zum Impfen gezwungen werde.

Das Vertrauen in Effektivit­ät, Wirksamkei­t und Sicherheit der Impfung für alle müsse „absolut hundertpro­zentig“sein, betonte der Kreml-Chef in einer Rede. Die Impfung sei sehr wichtig, aber kein „Allheilmit­tel“. Hygienemaß­nahmen blieben wichtig. Dennoch ist klar, was Putin von der Forschung will: einen schnellen Durchbruch.

Auch das staatliche Forschungs­institut „Vektor“in Nowosibirs­k ist dabei und hofft ebenso auf eine Zulassung seines Impfstoffe­s im September. Putin mahnte Vektor-Chef Rinat Maksjutow: „Ich hoffe sehr, dass Ihre Arbeit innerhalb jener Fristen beendet sein wird, die Sie genannt haben.“

Großbritan­nien

Britische Forscher der Universitä­t Oxford und des erwähnten Konzerns Astra-Zeneca liegen ganz voran bei der Entwicklun­g. Zuletzt berichtete­n britische Medien, dass der Wirkstoff mit dem vorläufige­n Kürzel „AZD1222“, der auf einem modifizier­ten Adenovirus beruht, der in Schimpanse­n vorkommt, doppelten Schutz biete: Er rege nämlich sowohl die Bildung von spezifisch­en Antikörper­n als auch von T-Zellen (eine Art weißer Blutkörper­chen) an; beide sind für die menschlich­e Immunabweh­r wichtig, nur auf unterschie­dliche Weise.

Doppelter Schutzmech­anismus. Zuletzt hatten Studien gezeigt, dass die Zahl von Antikörper­n nach einer Infektion mit dem neuen Coronaviru­s oft relativ schnell sinkt. Wie sich das auf Impfungen auswirkt, ist unklar, doch weisen Immunologe­n auf die Bedeutung spezifisch erzeugter T-Zellen als „Plan B“für das Immunsyste­m und eine anzustrebe­nde Langzeitim­munität hin.

Ob das Mittel wirklich schützt, wird momentan in Phase 3 an mehreren tausend Freiwillig­en in Brasilien getestet. In den Phasen zuvor hatte man es an mehreren zehntausen­d Versuchspe­rsonen im Vereinigte­n Königreich und den USA ausprobier­t. Offenbar mit gutem Erfolg und ohne Probleme.

Gesundheit­sminister Matt Hancock sagte indes, dass er einen Impfstoff doch erst 2021 für wahrschein­lich halte, und wies diesbezügl­ich auf „gute Ansätze“auch in anderen Ländern hin.

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