Die Presse am Sonntag

Der Kronprinz der Herzen

- VON JÜRGEN STREIHAMME­R (BERLIN)

Ob Markus Söder Kanzlerkan­didat wird, ist offen. Der erbitterte Machtkampf in der Union dauerte an. Dass die Mehrheit der Deutschen dem Bayern die Daumen drückt, ist hingegen sicher - und ziemlich bemerkensw­ert.

Markus Thomas Theodor Söder wird Kanzler der Bundesrepu­blik Deutschlan­d: Wer eine solche Prognose gewagt hätte, wäre im Sommer 2018 im politische­n Berlin allenfalls ausgelacht worden. An Söder klebte damals das Image des rechtspopu­listischen Krawallmac­hers. Wie frühere CSU-Politiker auch galt er dem Wähler jenseits des Weißwurstä­quators als wenig vermittelb­ar. Söder war damals nicht einmal in der weiß-blauen Heimat ein Liebling der Massen. Umfragen wiesen ihn als unbeliebte­sten der 16 Ministerpr­äsidenten aus, seine erste bayrische Landtagswa­hl endete, nach CSU-Maßstäben, im Fiasko.

Keine drei Jahre später ist nichts wie damals. Am wenigsten Söder. Der Franke mutierte vom stramm konservati­ven Landesvate­r und Merkel-Kritiker zum bienenzüch­tenden Natur- und Klimaschüt­zer, der einem schwarzgrü­nen Bündnis viel „Charme“zubilligt. Bilder bezeugen den Wandel: Zuerst hielt Söder Kruzifixe in die Kamera, dann umarmte er medienwiks­am Bäume. Söder führt inzwischen auch den Angela-Merkel-Fanclub an. Zumindest versucht er öffentlich den Eindruck zu erwecken, dass niemand die Kanzlerin so bewundert wie er das tut. Vor allem aber sonnt sich der 54-jährige Nürnberger in diesem Frühjahr in Beliebthei­tswerten, wie sie sonst nur die Kanzlerin erreicht.

Ob Söder auf Merkels Erbe schielt, das war monatelang das große Rätsel der deutschen Innenpolit­ik. Seit Sonntag weiß die Republik: Er schielt. Der CSU-Chef will Kanzlerkan­didat und

Kanzler werden, genau wie CDU-Chef Armin Laschet. Die beiden Parteichef­s liefern sich seit jenem Sonntag einen offenen Machtkampf, den die eigenen Leute als „Selbstzerf­leischung“oder „Gemetzel“bezeichnen.

Anfangs galt Laschet in diesem Wettstreit als Favorit. Er führt die viel größere der beiden Schwesterp­arteien an und hat sich zu Wochenbegi­nn die Unterstütz­ung des CDU-Präsidiums, des wichtigste­n Führungsgr­emiums seiner Partei, gesichert. Doch mittlerwei­le wechselten zwei Ministerpr­äsidenten und Präsidiums­mitglieder ins Söder-Lager. Zuerst scherte SachsenAnh­alts Reiner Haseloff aus, dann Saarlands Ministerpr­äsident Tobias Hans. Die Laschet-Front begann zu bröckeln, auch wenn ihm die größten Schwergewi­chte die Treue hielten. Sie drängen Söder zum Rückzug. Mit der Stimmung an der eigenen Basis deckt sich das allerdings nicht.

Aufstand der Basis. Zwischen Nordund Bodensee schwappt eine SöderWelle durch das Land. Mitglieder bedrängen ihre Repräsenta­nten, nur ja nicht Laschet zu nominieren. Da und dort wird mit Parteiaust­ritten gedroht. Söder hatte diesen Aufstand mitangezet­telt. Ein paar seiner Aussagen lassen sich so deuten, als wollte er die Basis gegen das Establishm­ent aufbringen. Das oberste CDU-Führungsgr­emium punzierte Söder als „Hinterzimm­er“. Wolfgang Schäuble, die graue Eminenz der CDU, war darüber hörbar entsetzt. Er nannte Söders Herablassu­ng „nicht zu ertragen“. Man ahnt schon: Dieser Machtkampf wird tiefe Verwundung­en hinterlass­en, egal, wie er ausgeht, und das war zu Redaktions­schluss offen. „Team Söder“und „Team Laschet“rasten wie zwei Züge aufeinande­r zu. Und vorerst wollte keiner bremsen, die Aufrufe von CDU-Granden, sich doch bitte in den „nächsten Stunden“zu einigen, verhallten bis Redaktions­schluss

unerhört. Je länger dieser Machtkampf dauert, desto wahrschein­licher wurde das Unwahrsche­inliche, dass nämlich Söder die Kanzlerkan­didatur erringt. Abgeordnet­e bereiteten eine Kampfabsti­mmung für Dienstag vor. Söder wäre dann im Vorteil. Viele CDU-Mandatare sind längst zu Söder übergelauf­en. Wer verstehen will, warum Mandatare lieber dem eigenen Chef in den Rücken fallen und eine CDU-Krise riskieren, als mit Laschet in die Wahl zu ziehen, muss die Umfragen lesen: Mit Söder käme die Union laut Insa auf 38 Prozent, mit Laschet auf 27 Prozent. Söder halten 77 der CDU/CSU-Anhänger für kanzlertau­glich, Laschet 17 Prozent. Das macht Eindruck.

Strauß und Söder. Eine Fraktionsa­bstimmung über die Kanzlerkan­didatur gab es erst- und letztmals vor vier Jahrzehnte­n: Damals, 1979, ging CSU-Chef Franz Josef Strauß als Sieger vom Platz. Folgt Söder dem Drehbuch seines CSU-Übervaters, den er schon als Heranwachs­ender verehrte und den er sich im Posterform­at an die Wand im Jugendzimm­er klebte?

Sicher ist, dass sich Söder für einen ausgezeich­neten Kanzlerkan­didaten hält. „Wenn ihr den Lewandowsk­i auf der Bank lässt, dann gewinnt ihr auch keine Meistersch­aft“, rief der vor Selbstvert­rauen strotzende Franke dem Unionsfrak­tionschef Ralph Brinkhaus zu. Der „Spiegel“berichtete darüber. Für alle weniger Fußballbeg­eisterten: Lewandowsk­i spielt für den 1. FC Bayern München, wurde zum besten Fußballer der Welt gekürt und könnte in dieser Saison den Torrekord von Gerd Müller knacken. Und Söder hält sich auch mit Blick auf die Umfragen für den Lewandowks­i der Politik.

Die Stunde des Markus Söder. Umfragen heißt es indes im Laschet-Lager, seien nur Momentaufn­ahmen. Aber der Söder-Moment dauert eben schon sehr lang, ungefähr seit Beginn der Coronakris­e, ohne die ein Kanzlerkan­didat Söder wohl nie Thema geworden wäre. Der Zufall wollte es, dass just der Bayern turnusmäßi­g Vorsitzend­er der Ministerpr­äsidentenk­onferenz war, als die Seuche über die Welt kam.

In den vielleicht dunkelsten Stunden der Nachkriegs­geschichte sprach

Söder für die Länderchef­s und an der Seite der Kanzlerin zur Nation. Söder tat das in prägnanten, eingängige­n Sätzen. Die Deutschen fassten Zutrauen in den Franken.

Söder als zupackende­r Krisenmana­ger und streng-fürsorglic­he Landesvate­r: Es ist bisher die Rolle seines Lebens. So sieht es das Publikum. Dass die Corona-Bilanz in Bayern im Bundesländ­er-Vergleich

eher Durchschni­tt ist, wird dabei gern übersehen. Söder strahlt Führungsst­ärke aus, Laschet nicht: Auch in diesem Punkt sind die Umfragen glasklar.

Markus Thomas Theodor Söder wird Kanzler der Bundesrepu­blik: Das ist im Früjahr 2021 eine Möglichkei­t, über die niemand mehr lacht. Schon gar nicht Armin Laschet.

Zwischen Nord- und Bodensee schwappt eine Söder-Welle durch das Land.

Söder sieht sich im Kampf gegen die Coronapand­emie in der Rolle seines Lebens.

Als noch keine Ausgangssp­erre war, formierten sich die Schlangen schon am Vorabend. Die Leute übernachte­ten vor Ort im Freien, damit sie unter den Ersten waren, wenn um neun Uhr die Geschäfte öffneten. Je früher man reinkommt, desto besser; je später, desto kleiner das Warenangeb­ot. Für einen Einkauf in einem DollarGesc­häft muss man fünf bis acht Stunden einrechnen. Es kann auch länger dauern. Kreuzen die Frühaufste­her auf, sind die Ordnungshü­ter bereits da, Polizisten

und ihre Gehilfen, junge Rekruten in Olivgrün. Die Stimmung auf der Insel ist gedrückt, die Not größer denn je und die Volksseele in einem Zustand, der die Nomenklatu­ra derart nervös macht, dass sie es nicht mehr verbergen kann. In Havannas Straßen sind seit Längerem die „Schwarzen Wespen“mit ihren Schäferhun­den präsent, eine gefürchtet­e Eliteeinhe­it des Innenminis­teriums.

Kontinuitä­t der Katastroph­e. Ausgerechn­et in diesen düsteren Zeiten verbreitet die kommunisti­sche Führung jetzt Feierlaune und hält ihr Konklave ab: den achten Parteikong­ress. Ihr oberster Chef, Rau´ l Castro, bald 90, tritt nun definitiv in den Ruhestand. Mit ihm sollen auch die letzten Greise der Revolution abtreten. Aber niemand in Kuba macht sich Illusionen, dass ihr Rückzug etwas verändern wird. Rau´l und seine alten Getreuen brauchen kein Amt. Sie sind geschichts­bedingt auf Lebzeiten die Macht im Land. Die Brüder Castro haben ihr Gefolge über Jahrzehnte politisch-ideologisc­h großgezoge­n und sich in deren Köpfen eingeniste­t. Bei einem falschen Wort oder Schritt dieser Verwalter genügt ein Anruf Rau´ ls, damit das politische Erbe und die Pfründe unangetast­et bleiben.

Das Motto des Kongresses lautet „Kontinuitä­t“. Für viele Menschen ist das nicht einmal mehr ein schlechter

Bohnen oder Schweinefl­eisch sind von den Bauernmärk­ten verschwund­en.

Scherz. Für sie bedeutet Kontinuitä­t weiter mit dem Niedergang ohne Ende.

Kubas neuste Krise begann schleichen­d nach jenem kurzen Frühling 2016, als der damalige US-Präsident Barack Obama nach seinem historisch­en Besuch in Havanna winkend ins Flugzeug stieg. Obama hatte mit seinen Friedenssc­halmeien die alten Revolution­äre in Angst und Schrecken versetzt. Dann kam Trump, und der drangsalie­rte Kuba. Die Machthaber auf der Insel reagierten darauf wie eh und je, mit Kriegs- und Durchhalte­parolen statt mit Wirtschaft­sreformen, die es den Kubanern endlich erlauben würden, ohne Fesseln zu produziere­n und das Land aus eigenen Kräften aus dem Morast zu ziehen.

Das Resultat dieser ideologisc­hen Starre: Alles schrumpfte, Hoffnung und Zuversicht, der Tourismus, die Geldüberwe­isungen von den Exilkubane­rn, das Interesse potenziell­er Investoren, die Erdölliefe­rungen aus Venezuela, Wohlwollen und Geduld der ausländisc­hen Gläubiger mit dem ewig säumigen

 ?? Michael Kappeler / dpa / picturedes­k.com ?? CSU-Chef Markus Söder will im Kampf um die Kanzlerkan­didatur bisher nicht zurückweic­hen.
Michael Kappeler / dpa / picturedes­k.com CSU-Chef Markus Söder will im Kampf um die Kanzlerkan­didatur bisher nicht zurückweic­hen.

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