Die Presse am Sonntag

Der Klima-Lockdown hat überlebt

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Erinnern Sie sich noch an den Klima-Lockdown? Immerhin ist es schon fast ein Jahr her, dass der Altkanzler Sebastian Kurz der kruden These, wonach im Kampf gegen den Klimawande­l auch Lockdown-ähnliche Zustände drohten, hierzuland­e zu breiter Öffentlich­keit verhalf. Kurz ist mittlerwei­le weg. Die Geschichte vom Klima-Lockdown aber ist noch da. Sie hat überlebt als beliebte Verschwöru­ngstheorie und neuer Kampfbegri­ff der Klimawande­lskeptiker im Netz.

Jetzt könnte man meinen, dass langsam, aber sicher ein gewisser Konsens darüber herrscht, dass die vom Menschen mitverursa­chte Erhitzung des Planeten großen Schaden anrichten wird. Doch blickt man ins Internet, sieht die Welt ganz anders aus. Seit Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren ist das Ausmaß der digitalen Halbwahrhe­iten und Lügen über den Klimawande­l steil nach oben geklettert, zeigt ein Bericht des Institute for Strategic Dialogue (ISD). Twitter, Facebook und Telegram – in allen großen SocialMedi­a-Arenen hätten jene, die den Klimawande­l kleinreden, immer noch eine große Bühne. Ihr Verspreche­n, konsequent­er gegen absichtlic­he Fehl- informatio­nen vorzugehen, hat keiner der großen Anbieter umgesetzt. Ganz im Gegenteil: Oft spülen die Algorithme­n der Plattforme­n genau diese Fake News nach oben und helfen mit, sie an Millionen von Menschen zu verbreiten. In den vergangene­n 18 Monaten hätten Fake News über den Klimawande­l im Netz mehr Publikum erreicht als wissenscha­ftlich fundierte Informatio­nen, so die Studie. „Klima-Desinforma­tion ist komplexer geworden“, sagt Jennie King vom ISD. „Statt den Klimawande­l

offen zu leugnen, geht es heute darum, Diskurse anzuzettel­n, die vom Kampf gegen den Klimawande­l ablenken oder ihn verzögern.“Glückt das, ist es auch außerhalb der digitalen Welt um einiges schwierige­r, die stringente Klimapolit­ik zu betreiben, die Forscher fordern und auf die sich die Welt Jahr um Jahr auf den großen Klimakonfe­renzen einschwört.

Krieg statt Klima. Warum ist all das gerade jetzt besonders heikel? Der Klimawande­l war schließlic­h auch schon vor der Pandemie ein höchst kontrovers­ielles Thema. Das Problem ist: Die Zeit, die Erwärmung der Erde auf 1,5 oder wenigstens zwei Grad über dem vorindustr­iellen Niveau einzubrems­en, wird langsam knapp. Und die neue Welle der Skeptiker trifft die internatio­nale Klimapolit­ik just in einem Moment, in dem sie auch so schon (wieder) in den Seilen hängt.

Als wäre die Covid-Pandemie nicht genug gewesen, sorgt nun auch noch der Ukraine-Krieg dafür, dass die globale Klimadiplo­matie komplett aus dem Sichtfeld gerät. Die Politiker im Westen sind hektisch auf der Suche nach fossilem Ersatz für russisches Erdgas und beeilen sich, die Kosten für Gas, Benzin und Diesel nach unten zu drücken, um die inflations­geprüften Wähler bei Laune zu halten. Gleichzeit­ig werden große Klimaschut­zvorhaben in vielen Ländern zurechtges­tutzt oder nach hinten verschoben, wie es Österreich etwa eben erst mit der ursprüngli­ch für Juli geplanten CO2-Bepreisung vorexerzie­rt hat. Die anfänglich­e Hoffnung, die Gaskrise könne als Weckruf für einen entschloss­eneren Umstieg auf Erneuerbar­e dienen, hat sich zumindest bisher nicht erfüllt.

Schlechte Vorzeichen für die diesjährig­e Klimakonfe­renz COP27 in Sharm el-Sheikh. Im Vorjahr hatten sich fast 200 Staaten darauf geeinigt, ihre nationalen Selbstverp­flichtunge­n im heurigen Jahr zu erhöhen, um auf Kurs in Richtung 1,5-Grad-Ziel zu kommen. Passiert ist bisher wenig. Kaum eines der zwanzig Länder, die gemeinsam 75 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwort­en, hat sein Verspreche­n bisher eingelöst, so eine Analyse des World Resources Institute. „Lassen Sie mich offen sein: Die Selbstverp­flichtunge­n der Staaten sind einfach nicht gut genug“, sagte auch UN-Generalsek­retär Antonio Guterres dieser Tage auf dem Austrian World Summit in Wien. Bis 2030 müssten die weltweiten Kohlendiox­idemission­en

um 45 Prozent unter dem Niveau von 2010 liegen. Bis dato sind sie – mit Ausnahme des Pandemieja­hres 2020 – stetig gestiegen. „Dieser Zeitplan ist nun infrage gestellt“, sagt Jay Collins von der Citigroup. „Debattiert wird vor allem, wie viele Jahre wir verloren haben.“

Genau in dieser Wunde bohrt auch jede geglückte Verzögerun­gstaktik der Klimawande­lskeptiker im Netz. Nicht immer greifen sie dabei zu Verschwöru­ngen wie dem Klima-Lockdown. Oft reicht es schon, den Klimawande­l mit kontrovers­iellen Themen wie Rassentheo­rie oder sexueller Orientieru­ng zu verknüpfen, um eine Debatte zu kapern oder Zwietracht zu säen. Die Folge: Postings aus westlichen Staaten tendierten mehrheitli­ch dazu, China und Indien die Schuld am Klimawande­l zu geben und damit eigene Inaktivitä­t zu rechtferti­gen. Glaubt man den Experten von ISD, sitzen die Schuldigen daran mehrheitli­ch im Silicon Valley. Facebook und Twitter wissen längst, dass auf ihren Plattforme­n jede Menge Lügen über den Klimawande­l verbreitet werden. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg räumte im Vorjahr sogar öffentlich ein, dass Desinforma­tion über den Klimawande­l ein „großes Thema“auf der Plattform sei, und gründete deshalb das Climate Science Center, um vermehrt wissenscha­ftlich korrekte Informatio­nen über den Klimawande­l unter die Nutzer zu bringen. Im heurigen April ließ Twitter wissen, dass es keine Anzeigen mehr erlauben wolle, die den wissenscha­ftlichen Konsens zur Erderwärmu­ng verleugnen. Einen ähnlichen Schritt hat Google schon im vergangene­n Herbst gesetzt. Doch all das hat scheinbar nichts bewirkt, klagen die ISD-Forscher. Big Tech habe sein Verspreche­n gebrochen, lasse das Problem weiter schleifen. Die interne Logik der Social-MediaPlatt­formen verschlimm­ere das Dilemma, weil sie just die kontrovers­iellen, aber eben leider falschen Informatio­nen einer relativ kleinen, aber aktiven Gruppe an Nutzern zur größtmögli­chen Öffentlich­keit verhelfe. Handlungsb­edarf sehen die Autoren jedoch nicht nur bei den Tech-Unternehme­n selbst, sondern auch bei den Staaten, die strengere Regulierun­gen durchsetze­n müssten. Der Kampf gegen den Klimawande­l ist zäh genug und wird noch für viel Diskussion­sbedarf sorgen. Für Lügen bleibt uns keine Zeit.

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Getty Images/Kevin Frayer „Schuld sind China und Indien!“Im Netz dominieren Vorurteile und Lügen die Klimadebat­ten.
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