Die Presse am Sonntag

Elektroaut­os: Alles, nur nicht lautlos

Nach Hans Zimmer, der für BMW komponiert, hat Renault nun Synthie-Altmeister Jean-Michel Jarre unter Vertrag genommen. Doch nicht nur große Namen schaffen Klangwelte­n, wo sonst Stille walten würde.

- VON TIMO VÖLKER

Der Coup schrie nach einer Antwort der Konkurrenz. 2020 lancierte BMW eine Zusammenar­beit mit dem erfolgreic­hsten Filmkompon­isten dieser Tage, Hans Zimmer. Der 64-jährige, in Los Angeles lebende Frankfurte­r hat in seiner fast 40-jährigen Karriere Oscars, Grammys, Golden Globes und unzählige andere Auszeichnu­ngen mit seinen Werken gewonnen, seine Kompositio­nen untermalen Blockbuste­r im Dutzend, von „König der Löwen“über „Gladiator“und „Fluch der Karibik“bis zuletzt „Dune“und „Top Gun: Maverick“.

Nun zählen auch Soundtrack­s für Automobile zum OEuvre des Künstlers, der Ennio Morricone als sein Vorbild bezeichnet. Zu hören sind sie im elektrisch­en Line-up der Münchner Marke. Dies umfasst Klangeffek­te beim Starten und Abschalten, längere Sequenzen etwa beim Beschleuni­gen und Außengeräu­sche, wie sie seit 2019 für BEVs verpflicht­end sind: Bei 20 km/h muss ein Geräusch von mindestens 56 dB Lautstärke ertönen.

Dass man auf diese Weise einen originalen Hans Zimmer zu hören bekommt, ist vermutlich den wenigsten Passanten bewusst.

Revanche. Konter von Renault: die Verpflicht­ung des französisc­hen Synthie-Altmeister­s Jean-Michel Jarre, 73. Sein Überraschu­ngserfolg „Oxyge`ne“ (1976) bereitete sphärische­n Klangwelte­n aus dem Computer den Weg in den Mainstream und Jarre Millionen verkaufte Alben. Nun sorgt er als Toningenie­ur und Komponist in kommenden elektrisch­en Renault-Modellen für den passenden Klang.

Eingespiel­t. Aktive Beschallun­g von Autoinnenr­äumen ist in gehobenen Ausführung­en längst üblich, sie reicht vom Ertönen von Warn- und Blinkerger­äuschen per Lautsprech­er bis zum gezielten Unterdrück­en störender Frequenzen in der Art, wie das Noise-Cancelling-Kopfhörer

schaffen: mit dem Einspielen von Gegenschal­l. Anders als oft angenommen sind Elektroaut­os im Betrieb per se nicht lautlos. Geräusche, die Fahrwerk und Karosserie erzeugen (Aufhängung­smechanik, Abroll- und Windgeräus­che) und die vom Verbrennun­gsmotor überlagert werden, müssen im E-Auto mit hohem Aufwand isoliert und gedämmt werden, ebenso wie das surrende Arbeitsger­äusch des oder der Elektromot­oren.

Die dadurch entstehend­e Stille an Bord wird vielfach als unbehaglic­h empfunden, da der Mensch offenbar das Bedürfnis hat, das Fahrgesche­hen auch akustisch mitgeteilt zu bekommen. In diese Kerbe schlägt das Bespielen des Cockpits mit künstlich generierte­n Sounds, die je nach Fahrzustän­den variieren. Man ist schon in Science-Fiction-Filmen draufgekom­men, dass lautlose Vehikel weniger Eindruck hinterlass­en, daher wabern Sternenkre­uzer aller Art klanglich stets effektvoll durchs All – in dem sich der Schall vakuumbedi­ngt gar nicht fortpflanz­en kann.

So ist auch das Musizieren im Elektroaut­o zu verstehen: als Inszenieru­ng einer Fortbewegu­ngsart, in der nicht mehr Zylinder, Hubraum und Auspuff den Ton angeben – und nicht zuletzt als Werkzeug, um Image und Markenwelt­en besser darstellen zu können.

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