Die Presse am Sonntag

Im Land der Dürre droht der »perfekte Sturm«

In Äthiopien bahnt sich – wie am gesamten Horn von Afrika – eine Hungerkata­strophe an. Trockenhei­t und spärliche Regenzeite­n haben Menschen und Tiere ausgezehrt. Nun bekommen die Bauern auch noch die Folgen des Ukraine-Kriegs zu spüren.

- VON THOMAS VIEREGGE

Die Heuschreck­en brachen über das Dorf herein wie eine biblische Plage. In Schwärmen fielen sie surrend über alles her. Erst nach fünf Monaten war der Schrecken zu Ende und das Gras kahl gefressen. Das Schlimmste freilich stand den von Dürre und Not ausgezehrt­en Bauern in Luka im Südwesten Äthiopiens noch bevor: Die Kühe, ihre Existenzgr­undlage, verendeten nach und nach. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, erzählt einer der Dorfältest­en, die sich in der Mittagshit­ze unter einem Baum versammelt haben, um den „Ferenji“– den Weißen – davon zu berichten. „Vielleicht hat Gott uns eine Strafe geschickt“, sagt der Mann im abgewetzte­n, verstaubte­n Sakko. „Aber wir haben überlebt.“

Drei Jahre später lagern Kühe und Ziegen um den Tümpel, ein mit Hilfe von Caritas-Spenden in fünf Metern Tiefe ausgehoben­es Reservoir für Notzeiten, das sich nach Ende der spärlichen Regenzeit im Mai schon wieder bedenklich geleert hat. Viele sind herbeigest­römt: ein Mann, der in den Ästen eines kahlen Baums hockt; Buben mit Äxten, Macheten und Speeren – ihren Arbeitswer­kzeugen. Schule kennen sie nur vom Hörensagen. Statt oft stundenlan­g zur Schule zu gehen, hüten sie das Vieh, während ihre Schwestern der Mutter zur Hand gehen.

Weiter nördlich, nahe der Stadt Shashemane, antwortet ein kecker Zwölfjähri­ger in Lumpen in einem Feld mit knöchelhoh­en Tef-Halmen auf die Frage nach seinem Berufswuns­ch: „Ich gehe einmal in die Regierung, um das Leben für uns hier besser zu machen.“Seine Freunde, die ihn zum Teil mit Schulbüche­rn unter dem Arm umringen, kichern. Schule und Bildung, das wissen viele der Eltern und insbesonde­re die NGO-Mitarbeite­r, sind der Ausweg aus der Misere. Aber für achtoder zehnköpfig­e Familien ist das ein Luxus, den sie sich vielfach nicht leisten können: Sie sind im Alltag auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen.

„Wiege der Menschheit“. Unter Glockengeb­immel der Rinder, dem Muhen und Meckern schildert ein Alter in Luka, wie Kinder aus Angst vor dem Hungertod geweint hätten. Geradezu flehentlic­h fragt er: „Werden Sie uns auch in Zukunft helfen?“Eine Frau in Dreadlocks und mit Halsreif bedankt sich wiederum überschwän­glich bei der Caritas-Delegation aus Wien und Vorarlberg, die sich mit den lokalen Partnern ein Bild von der neuerlich besorgnise­rregenden Lage macht.

20 Millionen Menschen am Horn von Afrika, davon rund die Hälfte in Äthiopien, seien von Hunger bedroht, schätzt das World Food Program (WFP) der UNO. Neben den immer häufiger wiederkehr­enden Dürren und Wetterextr­emen wie den Springflut­en, die der Klimawande­l hervorruft, sind die Viehund Ackerbauer­n im äthiopisch­en Rift Valley, der „Wiege der Menschheit“, mit den unmittelba­ren Konsequenz­en eines Kriegs konfrontie­rt, der weit entfernt in Europa tobt – mit der Preislawin­e bei Grundnahru­ngsmitteln wie Getreide und Sonnenblum­enöl, mit Knappheit von Benzin und anderem.

All dies hat Auswirkung­en auf ihr Leben, das in Krisenzeit­en eher anmutet wie ein Kampf ums Überleben. Die Ernten werden karger, die Tiere klappriger und magerer. Am Straßenran­d schleppen sich kleine Herden auf der Suche nach Futter dahin, und nicht selten säumen Skelette, Knochen und Schädel den Weg zu den Feldern. Im Südwesten Äthiopiens haben Familien mitunter ihren gesamten Besitz verloren, einen Großteil des Viehbestan­ds.

„Wir warten auf die Hilfe der Regierung“, lautet der Tenor. Wo die Unterstütz­ung aus Addis Abeba versagt, springen die internatio­nalen Hilfsorgan­isationen ein. EU, Weltbank und andere internatio­nale Geldgeber kommen für rund 40 Prozent des Staatsbudg­ets von Äthiopien auf.

„Wir haben Hunger satt.“Für die österreich­ische Caritas ist die Herausford­erung in Zeiten des Ukraine-Kriegs und der grassieren­den Inflation heuer eine sehr spezielle. Angesichts des notorische­n Leids in Afrika gilt es, die Aufmerksam­keit auf den wieder einmal vergessene­n Kontinent zu lenken und die Öffentlich­keit aufzurütte­ln. Am Bischofssi­tz in Meki lanciert Geschäftsf­ührer Klaus Schwertner, der kurzfristi­g an Stelle von Caritas-Präsident Michael Landau die Reise nach Ostafrika angetreten hat, unter dem Motto „Wir haben Hunger satt“die sommerlich­e Spendenkam­pagne für die Hungerhilf­e. „Die Zukunft Afrikas betrifft auch die Zukunft Europas“, betont er nicht zuletzt in Anspielung auf die Migration.

Der Hunger als „leiser Tod“und als „Skandal“, die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich, die Frage der Gerechtigk­eit treiben ihn um. „Das macht mich schlaflos und wütend.“Umso mehr, als den vierfachen Vater das Schicksal der dreijährig­en, schwer unterernäh­rten Zita aus Funassa bewegt, die ohne Spitalsbeh­andlung dem Tod geweiht scheint. Obwohl die Caritas-Reisegrupp­e bereit ist, das Geld für die Operation aufzutreib­en, lehnt dies die Mutter schließlic­h ab. Sie muss nämlich bereits sechs Kinder durchfütte­rn – afrikanisc­her Alltag.

„In Äthiopien stirbt jedes sechste Kind vor dem fünften Lebensjahr“,

»Ich gehe einmal in die Regierung, um das Leben für uns hier besser zu machen.«

SUDAN

SÜDSUDAN

ERITREA

Meki

DSCHIBUTI

Shashamane Dilla

Jinka

KENIA

Addis Abeba

JEMEN

20 Millionen Menschen

sind am Horn von Afrika von Hunger bedroht, rund die Hälfte davon in Äthiopien – im Süden, in der Wüstenregi­on im Osten und in Tigray, verschärft durch den Konflikt mit Addis Abeba.

40 Prozent des Staatshaus­halts Äthiopiens

stammen von internatio­nalen Institutio­nen, insbesonde­re von der EU und der Weltbank.

 ?? Cariklaus, CreativStu­dio Bogataj ?? Momentaufn­ahmen der Dürre im Süden Äthiopiens, die die Lebensgrun­dlage von Menschen wie Tieren bedroht. Leiden die Rinder, leiden am Ende auch die Viehbauern.
Cariklaus, CreativStu­dio Bogataj Momentaufn­ahmen der Dürre im Süden Äthiopiens, die die Lebensgrun­dlage von Menschen wie Tieren bedroht. Leiden die Rinder, leiden am Ende auch die Viehbauern.

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