Die Presse am Sonntag

HUNGERKRIS­E

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Friedensve­rhandlunge­n angekündig­t. Es ist zwar ein fragiler Waffenstil­lstand in Kraft, doch Abiy setzt den Hunger als Waffe ein: Nur durch einen Korridor gelangt bisher Hilfe in die isolierte und von Internet und Kommunikat­ion weitgehend abgeschnit­tene Region im Norden des Landes. Menschenre­chtsorgani­sationen werfen beiden Seiten Kriegsverb­rechen und Vergewalti­gungen vor, vieles liegt noch im Dunklen.

Dass just Friedensno­belpreis- und Hoffnungst­räger Abiy den Konflikt anfachte, frappierte die Welt, aber nicht die Äthiopier. Bei der Verleihung­szeremonie in Oslo 2019 sprach er vom „Krieg als Hölle“– zu Beginn des Waffengang­s indes davon, die „Feinde mit unserem Blut zu begraben“. Der neue Premier hatte die tigrinisch­e Machtcliqu­e in Politik, Wirtschaft und Militär von den Schlüsselp­ositionen entfernt. 30 Jahre hatte diese Minderheit in Addis Abeba das Sagen gehabt, und nun waren mit Abiy, dem Sohn eines muslimisch­en Omoro und einer christlich­en Amharin, die größten Ethnien am Zug.

Abiy schloss die Tigrayer aus der neuen Einheitspa­rtei aus, und beide Seiten rüsteten für den Krieg: Abiy mit dem Friedenspa­kt mit Isayas Afewerki, dem Präsidente­n Eritreas und Erzfeind Tigrays; und Tigray mit dem Horten von Waffen und dem Zusammenzi­ehen einer gefürchtet­en Guerilla. An der Durchführu­ng der von Abiy abgesagten Regionalwa­hl in Tigray und dem Angriff auf einen äthiopisch­en Militärstü­tzpunkt entzündete sich im November 2020 der Krieg, der wenige Monate später mit dem Zurückdrän­gen einer tigrinisch­en Offensive sein vorläufige­s Ende fand. In Äthiopien glauben viele nicht an einen Frieden. Tigray strebt ein Unabhängig­keitsrefer­endum an, Abiy träumt von einer äthiopisch­en Nation ohne Partikular­interessen von Volksgrupp­en. Der 45-Jährige, einst Geheimdien­stoffizier, hat den Unterdrück­ungsappara­t wieder in Gang gesetzt.

Im Südwesten des Landes sind die Vorgänge in Addis Abeba und Tigray freilich weit entfernt. Hier zählen die kleinen Errungensc­haften und Erfolge. Vor der Holzhütte in Luka kräht ein Hahn, die Hühner stieben davon. Stolz präsentier­t eine Frau die Ausbeute eines Tages, nachdem sie im Hirsefeld Körner auf einem Stein gemahlen und das Abendessen vorbereite­t hatte: fünf Eier. „Am liebsten würde ich sie aufessen. Doch ich verkaufe sie am Markt, um ein neues Huhn zu kaufen.“

Frauen tragen die Hauptlast des Lebens, sie schleppen Brennholz und Wasser heran. Die Männer brüsten sich derweil, die Vögel von den Feldern zu verscheuch­en. Und eine Frau, die mit anderen zusammen in einem Feld Zwiebeln anbaut und mit einem Spaten hantiert, erzählt ganz ohne Ironie davon, dass ihr Mann sie „ideell“unterstütz­t. Mit einigen ihrer Projekte will die Caritas die Eigenständ­igkeit der Frauen fördern: mit Energiespa­röfen, die die Fron der Hausarbeit reduzieren; mit der Anschaffun­g von Eseln und Milchziege­n, die zum Transport auf den Markt und zum Gelderwerb dienen; und nicht zuletzt mit Spargemein­schaften, deren Kassa die Frauen verwalten.

Kore ist so zur Kleinunter­nehmerin aufgestieg­en. Liebevoll führt sie ihre drei Esel vor, während ihr kranker Mann apathisch auf einer Bank sitzt. Unterdesse­n trommeln ein paar Tropfen des heiß ersehnten Regens auf das Blechdach ihres neuen Hauses aus Zement und fallen auf die staubigen Felder. Aber erst in Addis Abeba, als Sitz der Afrikanisc­hen Union so etwas wie die Kapitale Afrikas, kündigt Donnergrol­len einen satten Gewitterre­gen an. Nach einem Trip in die Wüstenregi­on im Osten schlägt indessen WFP-Chef David Beasley im Flughafenh­otel Alarm vor einer sich anbahnende­n Hungerkata­strophe – einem „perfekten Sturm inmitten eines perfekten Sturms“.

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