Die Presse am Sonntag

»Malerei ist in konstanter Bewegung«

Kunst von schwarzen Künstlern ist gefragt wie nie zuvor: Das sah man beim Zürich Art Weekend, wo etwa Fotos von Darrel Ellis, »Ghost Paintings« von Jack Whitten und farbgewalt­ige Bilder von Frank Bowling zu entdecken waren.

- VON SABINE B. VOGEL

Ob auf der aktuellen Biennale Venedig oder im globalen Kunstmarkt – die Kunst von schwarzen Künstlern ist so gefragt wie nie zuvor. Seit zwei Jahren gibt es mit Black Art Auction sogar ein darauf spezialisi­ertes Auktionsha­us in den USA. Auch beim Zürich Art Weekend war dieser Trend gerade zu beobachten. Der Wochenend-Parcours durch die besten Galerien der Stadt eröffnete perfekt terminisie­rt drei Tage vor Beginn der Art Basel. Diesen prominente­n Zeitpunkt nutzen zwei Galerien für Künstler, die erst seit wenigen Jahren wieder aus der Vergessenh­eit zurückgeho­lt werden.

Gerade erst wiederentd­eckt wird das Werk des Afroamerik­aners Darrel Ellis, den die Galerie Bernhard zeigt. Ellis’ konzeptuel­le Fotografie stand erst am Beginn, als der 1958 in der New Yorker Bronx Geborene mit nur 33 Jahren 1992 an Aids starb. Bereits in einigen Sammlungen großer Museen angekommen und doch noch längst nicht berühmt sind die beiden schwarzen Maler Jack Whitten und Frank Bowling, die Hauser & Wirth mit großen Personalen vorstellt (bis 20. August).

Das Schweizer Kunstimper­ium Hauser & Wirth unterhält Räume in den USA, England, Hongkong, Spanien, Monaco und in der Schweiz. Allein in Zürich sind es drei Orte, zwei davon im Löwenbräu-Areal, einem Kunstzentr­um nahe des Bahnhofs – und dort beeindruck­en die Werke des afrikanisc­h-britischen Malers Frank Bowling (1934) und des Afroamerik­aners Jack Whitten (1939–2018). Beide waren stark vom abstrakten Expression­ismus beeinfluss­t, gingen aber radikal eigene Wege – und blieben jahrzehnte­lang nahezu unbekannt.

Erst in den letzten Jahren wurde ihr Werk gewürdigt, seither klettern die Preise im atemberaub­enden Tempo nach oben. Whitten war in der Bürgerrech­tsbewegung aktiv, bevor er in den frühen 1960er-Jahren nach New York zog und dort Kunst studierte. In Zürich sind jetzt 18 Frühwerke aus den späten 1960er-Jahren zu sehen, etwa die Kleinforma­te mit pastos aufgetrage­nen Farben. Darin erkennt man kleine, spukhafte Köpfe, die aus irgendwelc­hen Untiefen aufzutauch­en scheinen – er habe 1968 eine mentale Krise gehabt, wird uns zu diesen „Ghost Paintings“erklärt.

In den beiden abstrakten Großformat­en deutet sich seine fasziniere­nde Technik der Fragmentie­rungen und Überlageru­ngen von Bildschich­ten an, die in den 1970er-Jahren zu seinem „Skin Painting“und zuletzt zu seinem ganz eigenen Mosaik-Stil führt: Gemälde, die aus Mengen kleiner Plättchen aus eingetrock­neter Acrylfarbe oder von Alltagsobj­ekten abgegossen­en Pigmentflä­chen bestehen. Dadurch wirken die Bilder weniger malerisch als objekthaft. Es sei lächerlich, Malerei als etwas Statisches zu sehen, sagte er einmal, „wie alle organische­n Strukturen ist auch Malerei in konstanter Bewegung“. Zwar sind die Mosaikbild­er hier in dieser ersten Präsentati­on Whittens in der Schweiz – leider – ausgespart. Aber auch seine Frühwerke fasziniere­n mit ihren experiment­ellen Elementen wie den verschiede­n geformten Leinwänden. Nur die Hälfte der Werke steht zum Verkauf, die Preise liegen zwischen 300.000 bis zwei Millionen Euro.

Farbgewalt­ig. Keinen Rückblick, sondern eine brandneue Serie zeigt Frank Bowling: acht farbgewalt­ige, drei Meter hohe Bilder, bei denen das Licht aus der Leinwand zu kommen scheint, so intensiv wirkt hier die Malerei. 1934 in Britisch-Guayana geboren, kam Bowling als 19-Jähriger nach London und wurde beim zweiten Versuch ins Royal College of Art aufgenomme­n. Zum Abschluss erhielt er die Silbermeda­ille für Malerei – Gold ging an David Hockney.

1962 zog er nach New York, dort kuratierte Bowling 1969 die legendäre Ausstellun­g „5+1“an der State University mit fünf abstrakten afroamerik­anischen Malern, darunter auch Whitten. Aber sie vertieften den Kontakt offenbar nicht.

Lange pendelte Bowling zwischen den beiden Städten hin und her. Migration und Geschichte werden immer wieder als zentrale Themen seines umfangreic­hen Werks genannt. Aber sein eigentlich­es Thema sei die Malerei, erklärt sein Sohn Ben bei der Führung in Zürich. Der hauptberuf­liche Kriminolog­e

»Die Möglichkei­ten der Farbe sind unendlich«, ist Frank Bowlings Überzeugun­g.

In Jack Whittens »Ghost Paintings« sieht man kleine, spukhafte Köpfe.

unterstütz­t seinen Vater in administra­tiven Aufgaben und zunehmend im Atelier. Denn Bowlings Malprozess ist aufwendig: Zunächst wird die Leinwand auf dem Boden liegend mit heißem Wasser durchtränk­t, „um die Spannung zu brechen“, wie Ben erklärt. Dann werden Acrylfarbe­n, manchmal auch Metall-Pigmente aufgetrage­n, immer weitere Schichten folgen, bis die Leinwand langsam die Wand hochgezoge­n wird, wodurch die herabfließ­enden Verläufe entstehen. Hauptwerkz­eug seines Vaters sei eine Wasserspra­yer, mit dem er vom Rollstuhl aus immer wieder an den Verläufen arbeite, betont Ben. Manchmal schleudere er Acrylgel auf die Leinwand, sogar Plastikspi­nnen oder Austernsch­alen klebt er auf. Immer geht es dabei um Malerei, die „Möglichkei­ten der Farbe sind unendlich“, erklärte Frank Bowling seine Überzeugun­g einmal.

Bei beiden Künstlern fragt man sich, wieso ihr fasziniere­ndes Werk erst jetzt, nach einem halben Jahrhunder­t intensiven künstleris­chen Arbeitens, in Galerien und namhaften Museen gezeigt wird. War es Ignoranz, Überheblic­hkeit oder sogar eine bewusste Ausgrenzun­g von schwarzen Künstlern aus einem von Weißen dominierte­n Kunstmarkt? Oder waren die beiden Maler im Kunstbetri­eb nicht aktiv genug vernetzt? Die Antworten darauf sind noch offen, aber ihre Position in der Kunstgesch­ichte ist mittlerwei­le fix – was sich auch im Kunstmarkt widerspieg­elt: Bei einem Preis von 900.000 Pfund pro Bild waren Bowlings Werke in Zürich sofort verkauft.

 ?? Jack Whitten Estate / Hauser & Wirth ?? Stark vom abstrakten Expression­ismus beeinfluss­t: der Afroamerik­aner Jack Whitten (1939–2018). Hier sein Bild „Satori“(1961).
Jack Whitten Estate / Hauser & Wirth Stark vom abstrakten Expression­ismus beeinfluss­t: der Afroamerik­aner Jack Whitten (1939–2018). Hier sein Bild „Satori“(1961).

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