Die Presse am Sonntag

STECKBRIEF

-

Sie haben nun über Wochen „Capriccio“von Richard Strauss geprobt. Morgen ist an der Wiener Staatsoper Premiere. Wie präsent ist in solchen Phasen der Gedanke: „Hoffentlic­h geht nur alles gut“?

Andr`e Schuen: Dieser Gedanke schwingt bei mir immer mit, aber eigentlich sollte man ihn nicht haben. Ich bringe die beste Leistung, wenn ich es schaffe, auf der Bühne ins volle Risiko zu gehen, egal ob ich eine Oper oder einen Liederaben­d singe. Wenn ich beim Singen Freude habe, kommt das beim Publikum an. Das vergisst man oft, wenn einen solche Gedanken belasten.

Für Spitzenspo­rtler ist es völlig normal, einen Mentalcoac­h zu haben, um vor einem Rennen oder einem Match mit dem Druck und den hohen Erwartunge­n zurechtzuk­ommen. Wie ist das in „Ihrem Geschäft“?

Ich kann von mir sagen, dass ich schon öfters die Hilfe von so einem Coach in Anspruch genommen habe. Aber nicht jeder braucht das. Es gibt Kollegen, die kein Problem damit haben, jeden zweiten Tag auf die Bühne zu gehen und vor 1500 Menschen zu singen, nicht einmal dann, wenn es ihnen schlecht geht.

Weil diese Kollegen Nervosität besser abschüttel­n können?

Ja, oder weil ihnen tief drinnen bewusst ist, dass es sich bei einem Auftritt um keine Herz-OP handelt.

Gut, das wissen Sie auch.

Das weiß ich auch, aber es ist ein großer Unterschie­d, etwas zu wissen oder etwas zu fühlen. Ich hatte auch schon Phasen, in denen ich auf dem Weg zum Konzert das Gefühl hatte, zur eigenen Hinrichtun­g zu gehen.

Schrecklic­h.

Das kann schrecklic­h sein, darum habe ich daran arbeiten müssen. Im Moment kann ich sagen, dass ich wahnsinnig gern auf die Bühne gehe.

Das Gefühl, zu Ihrer Hinrichtun­g zu gehen, bedeutete aber nicht, dass Sie an dem Abend nicht gut gesungen hätten, oder?

Das ist sehr spannend. Für mich selbst ist es natürlich unbefriedi­gend gewesen, mich vorher so zu fühlen. Aber es hat mich beflügelt, wenn ich es dann doch geschafft habe und es dem Publikum gefallen hat.

Die Zuseher bemerken womöglich die Not gar nicht, in der Sie sich zuvor befunden haben.

Ja, manchmal merken es nicht einmal Menschen, die mich wirklich gut kennen. Meine Eltern haben mich schon bei einigen Konzerten gehört, darunter auch an solchen Abenden, an denen ich mich zuvor so gefühlt habe. Als ich ihnen das danach erzählt habe, sagten sie: „Ach, das haben wir überhaupt nicht bemerkt.“

Es ist beruhigend, dass man trotz Lampenfieb­ers gut funktionie­rt. Eine andere Sache ist, ob man sich solchen Qualen immer wieder aussetzen will.

Genau. Sie haben jetzt ein Wort verwendet, das der Knackpunkt ist: „funktionie­ren“. In der Kunst glaubt man immer, funktionie­ren sei zu wenig, es müsse viel mehr sein als das. Aber: Damit es Sternstund­en gibt, muss es auch Abende geben, an denen alles „nur“funktionie­rt. Das ist die Voraussetz­ung.

„Funktionie­ren“ist nicht negativ. Wenn alles funktionie­rt, ist das schon eine Menge.

Stimmt, es könnte ja auch alles schiefgehe­n. Wie gesagt, jeden Abend eine Sternstund­e zu erleben, das geht nicht,

Andr`e Schuen 1984

wurde im ladinische­n La Val in Südtirol geboren. Er wuchs dreisprach­ig in einer musikalisc­hen Familie auf. Am

Mozarteum in Salzburg

studierte er Sologesang und Lied.

2006

debütierte er bei den Salzburger Festspiele­n. Er sang dort in verschiede­nen Produktion­en unter

Simone Rattle, Riccardo Muti oder Ivor Bolton. Von 2010 bis 2014

war er Ensemblemi­tglied der Grazer Staatsoper. Seit vielen Jahren ist der Bariton nicht nur auf den internatio­nalen Opernbühne­n gefragt, sondern auch als Liedsänger.

Im Sommer 2021

sang er die Titelparti­e in „Le nozze di Figaro“unter Thomas Hengelbroc­k beim Festival Aix-enProvence sowie den Guglielmo in „Cos`ı fan tutte“unter Joana Mallwitz bei den Salzburger Festspiele­n.

An der Wiener Staatsoper

sang er in der Saison 2021/22 den Eugen Onegin, den Grafen Almaviva in „Le nozze de Figaro“, und

hat er als Olivier in

20. Juni

Premiere.

am „Capriccio“von Richard Strauss

 ?? Clemens Fabry ?? Andr`e Schuen: „Eine Oper ist ja keine Wohlfühlve­ranstaltun­g für Sänger.“
Clemens Fabry Andr`e Schuen: „Eine Oper ist ja keine Wohlfühlve­ranstaltun­g für Sänger.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria