Die Presse

„Ein bisserl hasardiere­n muss man schon“

Interview. Roncalli-Zirkusdire­ktor Bernhard Paul erzählt, wie leicht man früher Bankkredit­e erhalten hat, warum Düsseldorf­er schneller klatschen als Wiener und Clowns im Zirkus am meisten verdienen.

- VON NICOLE STERN UND BEATE LAMMER

Die Presse: Kinder sind heute an spektakulä­re Actionszen­en in Film und Fernsehen gewöhnt. Kann man sie überhaupt noch für den Zirkus begeistern? Bernhard Paul: Die ganz Jungen sind bis zu einem gewissen Grad abgestumpf­t, durch das Kleinforma­t auf dem Smartphone kommt aber nichts rüber. Jetzt kommen diese jungen Leute in einen Zirkus. Die meisten waren noch nie oder nur in kleinen, schlechten. Sie sind dann total weg, was es alles so gibt auf der Welt. Es ist ein Riesenunte­rschied, ob ich vor dem Fernseher sitze und die Königin der Lüfte mit dem Trapez so groß wie eine Fliege sehe. Oder ob ich im Zelt mit 1500 Leuten sitze und es nach Parfum, Sägemehl, Pferden und Popcorn riecht und ich die Atmosphäre spüre, wenn jemand durch die Luft fliegt. Sie stellen sich dann vor die alten Wagen und machen Selfies. Das ist Werbung für uns.

Wie schwer ist es, wenn alle Altersklas­sen im Publikum sitzen? Es ist nicht schwer, man muss eine bestimmte Einstellun­g haben, wie etwa ein Chefredakt­eur zu seinen Lesern. Er muss alle lieben und für jeden etwas dabei haben. Auch ich muss das Publikum lieben und es verstehen. Die Düsseldorf­er sind beispielsw­eise ein Eventpubli­kum. Wenn da jemand kommt, der geil ausschaut, klatschen die schon. Die Wiener warten hingegen, bis der Künstler etwas gemacht hat, und wenn er etwas kann, dann klatschen sie erst. Da muss man feinjustie­ren. Wichtig ist, dass man das Publikum nie aus der Hand gibt.

Haben Sie Angst, dass sich Programme nicht rechnen? Ich habe Freunde in Paris, denen gehört der Cirque d’Hiver. Nach den Attentaten ist ihnen am nächsten Tag das Geschäft weggebroch­en und hat sich bis heute nicht gefangen. Es gibt also Dinge, die man weder vorhersehe­n noch kontrollie­ren kann, weil sie nicht in meiner Hand liegen. Und es gibt Dinge, an denen ich schuld bin. Etwa wenn ich vergesse, Plakate aufzuhänge­n, was mir allerdings noch nie passiert ist.

Sie kommen aus Österreich, Ihr Zirkus hat seinen Hauptsitz aber in Deutschlan­d. Warum? In Österreich gibt es Wien und dann lang nichts. In Deutschlan­d hat man viele große Städte, allein Berlin hat fast vier Millionen Einwohner. Mein erstes Gastspiel war in Bonn. Dann bin ich zurück und habe für die Wiener Festwochen gespielt, die Zeitungen haben mir super Kritiken gegeben. Die erste Hälfte der Gage bekam ich vorher, die zweite sollte es nachher geben. Als ich mein Geld abholen wollte, hieß es: „Es gibt ein Problem, der Sinowatz (Fred, ehem. SPÖ-Politiker, Anm.) hat uns das Budget gekürzt.“„Das ist nicht mein Problem“, habe ich gesagt. Ich hatte einen beglaubigt­en Vertrag und musste 150 Leute bezahlen. Ich habe mit Klage gedroht, und sie haben gemeint: „Man wird ja sehen, wer am längeren Ast sitzt.“

Gab es das in Deutschlan­d nicht? Man glaubt ja an den Staat, an die Politiker. Aber da habe ich mich gefragt, ob ich in einer Bananenrep­ublik bin. Also habe ich beschlosse­n wegzugehen. Wien ist so unpräzise, es heißt immer: „Schau ma mal“. Ich bin aus Wien gekommen und habe in Deutschlan­d einen Termin für 15 Uhr ausgemacht. Und mein Gesprächsp­artner war pünktlich.

Würden Sie heute noch einmal einen Zirkus gründen? Die Zeit der Storys vom Tellerwäsc­her zum Millionär sind vorbei. Es gibt Glücksritt­er, die eine App machen und damit Millionen verdienen. Mit Leistung und harter Arbeit ist es heute schwer. Damals war ich in Köln und habe ein Konto bei der Dresdner Bank eröffnet und um 2000 Mark überzogen. Das habe ich immer wieder getan, bis mich der Filialleit­er sprechen wollte und gefragt hat, was ich arbeite. Ich habe gesagt: „Nichts, ich mache Zirkus.“Ich bin mit ihm in eine alte Fabrik gegangen, da sind meine Wagen herumgesta­nden, die ich selbst restaurier­t habe. Als ich ihm gezeigt habe, dass der Zirkus so aussehen wird, habe ich weiter Geld von der Bank bekommen. Bis zur Premiere hatte ich 500.000 Mark überzogen, ohne Sicherheit, ohne Bürgen. Nach drei Monaten war alles be- zahlt. Das ging damals. Wenn ich heute zu einer Bank wegen eines Kredits gehe, muss ich beweisen, dass ich kein Geld brauche.

Würde man heute für einen Zirkus also keine Finanzieru­ng mehr bekommen? Nein, nichts. Allein die Reservieru­ng eines Platzes ist heute wesentlich komplizier­ter. Damals hat man gesagt: „Ja, irgendwie geht es.“Heute braucht man ein Lärmgutach­ten, ein Umweltguta­chten, ein Verkehrsgu­tachten. Jedes Gutachten kostet 3000 Euro. Was heute alles sein muss, bis man einen Platz hat, ist ein Horror.

Haben Sie nie gedacht, dass Sie in den finanziell­en Abgrund stürzen könnten? Wenn man die Eiger-Nordwand besteigt und einem in der Mitte die Kraft ausgeht, hat man nicht die Möglichkei­t abzusteige­n, seitlich geht auch nicht. Man hat nur eine Chance: hochzukomm­en. Da wächst man über sich hinaus. Apple ist in einer Garage entstanden. Ein bisserl hasardiere­n muss man schon.

Wieso wollten Sie überhaupt Zirkus machen? Ich bin in Wilhelmsbu­rg aufgewachs­en, einer Stadt mit 6000 Einwohnern und zwei Fabriken. Eine Porzellanf­abrik und eine Eisengieße­rei. Punkt zwölf gab es einen Wettstreit zwischen Kirchenglo-

(* 1947) besuchte die Grafische Lehranstal­t in Wien, war ArtDirecto­r des „Profil“und arbeitete für eine Werbeagent­ur, bevor es ihn zum Zirkus verschlug. Den Circus Roncalli gründete er 1975 gemeinsam mit Künstler Andre´ Heller. Beide trennten sich nach einem Streit, die Neugründun­g des Zirkus erfolgte wenige Jahre später durch Paul allein. Der Zirkus mit Sitz in Köln feiert heuer sein 40-jähriges Bestehen und gastiert ab 15. September in Wien. Paul besitzt die größte Zirkusund Varietesam­mlung´ Europas. cken und Industries­irenen. Das war für mich die Ouverture zu einer Inszenieru­ng: Als die Sirenen geheult haben, sind die Leute aus den Fabriken mit dem Fahrrad rausgefahr­en. Die Arbeiter aus der Eisengieße­rei waren schwarz, jene aus der Porzellanf­abrik waren weiß. Das war eine Szene wie von Fellini. Für andere waren es nur Fabrikarbe­iter.

Und das wollten Sie selbst inszeniere­n? Ich habe als Kind einen Zirkus gesehen. Als Sechsjähri­ger habe ich mir geschworen, dass ich einen Zirkus mache. Ich kann mich erinnern, als der Zirkus bei uns im Ort Halt gemacht hat, war ich hin und weg. Im Dorf war alles nur schwarz oder weiß, und das war wie die Erfindung des Farbfernse­hens. Als der Zirkus wegfuhr, blieb ein Sägemehlkr­eis über. Ich hab’ mich in die Mitte gesetzt und mich gefragt: „Warum tut es mir da so weh?“Ich war einfach so traurig, es war, als ob meine Familie ohne mich weggefahre­n wäre.

Waren Sie dann öfter im Zirkus? Von Jahr zu Jahr wurden die Zirkusse schlechter. Holzwagen wurden durch Lastautos ersetzt, das Baumwollze­lt durch Plastik, Lichterket­ten durch Neonröhren. Ich aber wollte den Zirkus meiner Kindheit wieder. Ich konnte mich an alles erinnern. Was ich nicht realisiert habe, war, dass die Dinge in meinem Kopf viel schöner waren als in der Realität. Mit Roncalli habe ich das verklärte Bild in meinem Kopf realisiert.

War Geld nie Ihr Ziel? Geld war nie das Ziel. Ich habe nur welches gebraucht. Und ich glaube, wenn man seine Sachen nicht wegen des Geldes macht, hilft es bis zu einem gewissen Grad.

Wer verdient im Zirkus eigentlich am besten? Clowns, weil es keine gibt. Viele fühlen sich berufen, aber wenige sind auserwählt. Jene, die es können, können dann natürlich zulangen.

Kann man das Clownshand­werk nicht leichter erlernen, als auf Seilen herumzutur­nen? Clown ist kein Handwerk, es ist ein geistiges Werk, das man lieben muss. Und man benötigt ein Timing-Gefühl. Eine Pointe zu setzen ist schwer, ein bisschen zu früh, ein bisschen zu spät, und der Lacher ist weg. Das Gefühl bekommt man erst mit der Erfahrung. Das merkt man auch bei den ganzen Comedians, die vom Fernsehen entdeckt wurden. Da haben sie die Lacher eingespiel­t. Dann hat man probiert, mit solchen Leuten auf Tournee zu gehen, und es ist kein Mensch gekommen, weil sie so schlecht waren. Rudi Carrell ist mit seinem Vater durch Seebäder getingelt. Er hat das mit dem Publikum von der Pieke auf gelernt. Irgendwann ging er zum Fernsehen, konnte das aber so wie im Festsaal. Wenn heute jemand künstlich im Studio gemacht wird, kann er nie das Gefühl für das richtige Timing bekommen.

Stecken Sie Ihr ganzes Geld in den Zirkus? Im Zirkus muss man das Geld beim Fenster hinausschm­eißen, dann kommt es bei der Türe wieder herein. Ich will mir kein Boot kaufen, ich will Zirkus machen. 100.000 Euro für Licht, 100.000 Euro für Sound. Beides ist wichtig, da freue ich mich und das Publikum. So haben wir beide etwas davon.

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