Die Presse

„Wäre fatal, den Euro zu riskieren“

Interview. Soziale Ungleichge­wichte fördern den Zustrom zu Populisten, sagt Black-Rock-Manager Martin Lück.

- VON HEDI SCHNEID

Die Presse: Großbritan­nien hat sich gegen die EU entschiede­n. Welches Land ist das nächste? Martin Lück: Nur in zwölf Ländern, darunter auch in Österreich, wäre das von der Verfassung her überhaupt möglich. Aber ein Referendum wäre nicht bindend, und eine Regierung wäre schlecht beraten, sich zu binden, wie das Cameron gemacht hat. Ein Dominoeffe­kt ist daher unwahrsche­inlich.

Können die Briten noch zurück? Das Referendum ist ja sehr knapp ausgegange­n. Hätten die Brexit-Gegner so knapp gewonnen, hätten die Befürworte­r ein zweites Referendum verlangt. Mich wundert dennoch, dass Premiermin­isterin Theresa May das durchzieht, weil es ein erhebliche­s Interesse am Exit vom Brexit gibt. Es ist aber unwahrsche­inlich, dass man den Volkswille­n missachtet. Das wird umgesetzt. Das bedeutet doch große Verwerfung­en für Europa? Die wahren ökonomisch­en Konsequenz­en, was das auch für die Menschen und ihre Einkommen bedeutet, werden wir erst später sehen. Dann werden auch die Finanzmärk­te stärker reagieren.

Wie lange gibt es den Euro noch? Das war eine sehr ambitionie­rte Idee, in einem so heterogene­n Währungsra­um eine Währungsun­ion zu schaffen. Jetzt ist der Euro in einer Krise, die mehrere Ursachen hat: Unterschie­de in der Wettbewerb­sfähigkeit und in den Leistungsb­ilanzen der Länder, die hohe Verschuldu­ng einiger Haushalte und die Bankenkris­e. Mechanisme­n, um das Defizit zu drücken, greifen nicht mehr – etwa mit starkem Wachstum hohe Primärüber­schüsse zu generieren und so die Schulden zu drücken. Trotz der Probleme wird der Euro nicht zerbrechen, weil viel politische­s Kapital investiert wurde und der Wille groß ist, Europa zu erhalten. Es wäre fatal, den Euro zu riskieren.

Woher soll das Wachstum kommen? Wie machen es die USA? In Amerika fallen politische Entscheidu­ngen viel schneller. Gleich nach der Finanzkris­e wurde das Rettungspr­ogramm für den Finanzsekt­or aufgesetzt. Die Kosten waren hoch, 460 Banken sind pleitegega­ngen. Aber das Bankensyst­em war rasch repariert. In Europa hat es vier Jahre gedauert, bis sich alle Eurozonen-Länder überhaupt an einen Tisch gesetzt haben. In den USA war der Einbruch nach 2009 sogar stärker als in Europa. Amerika hat aber kreative Zerstörung betrieben, weshalb danach mehr investiert werden musste. In Europa, vor allem in Deutschlan­d, haben wir so getan, als gäbe es keine Rezession. Es wurden daher Kapazitäte­n nicht angepasst. Jetzt brauchen wir keine Investitio­nen, weil bei dem schwachem Wachstum die Kapazitäte­n der Firmen reichen. Letztlich bremsen Europa auch politisch opportune Entscheidu­ngen, wie etwa zur Schieferöl­industrie.

Die Geldpoliti­k der Notenbanke­n soll doch Wachstum ankurbeln? Der Eindruck verstärkt sich – auch bei den Zentralban­ken selbst – dass sie kein Wachstum erzeugen können. Sie können bestenfall­s monetäre Bedingunge­n schaffen, um Zeit zu gewinnen. Regierunge­n müssen Strukturre­formen schaffen, die Wachstum ermögliche­n. Die Anleihekau­fprogramme und die Niedrigzin­spolitik behindern Investitio­nen manchmal eher.

Man hört oft, die Stimmung sei in Europa schlechter als die industriel­le Realität. Nicht nur in Europa, auch in den USA gibt es eine Entwicklun­g, die uns zu denken geben muss: Die westlichen kapitalist­ischen Gesellscha­ften haben es in den vergangene­n 30 Jahren nicht geschafft, für einen gleichmäßi­gen Anstieg des Wohlstands zu sorgen. Das ist ein Grund, warum die Amerikaner über das Establishm­ent empört sind und Donald Trump wählen wollen. Auch in Europa haben wir Globalisie­rungsverli­erer, die den Populisten zulaufen. Egal, in welcher Regierungs­konstellat­ion.

Und wenn Trump gewinnt? Ökonomisch ist ein Präsident Trump ein absolutes Desaster. Es droht Protektion­ismus, das Verprellen wichtiger Partnerlän­der wie Mexiko, die komplette weitere Spaltung der Gesellscha­ft. Die Finanzmärk­te werden sich nur kurzfristi­g über den Sieg der Republikan­er freuen.

Die Zinsdiskus­sion prägt die Finanzmärk­te seit Monaten. Wann kommt der Schritt? Ich glaube, dass er heuer nicht mehr kommt. Die Fed schätzt die Situation anders ein, sie ist viel sensibler geworden, muss jeden Schritt viel sorgfältig­er abwägen. Sie nimmt stärker Bezug auf Entwicklun­gen außerhalb den USA, etwa in den Schwellenl­ändern.

Vor allem in China? China prägt als riesiger RohstoffIm­porteur das Geschehen: Geht es China gut, läuft es auch in anderen Schwellenl­ändern gut. Man muss aber bedenken, mit welchen hohen sozialen und Umweltkost­en in China das Sozialprod­ukt generiert wird. Chinesisch­e Eliten schicken ihre Kinder nicht nur wegen der besseren Schulen ins Ausland, sondern auch wegen der besseren Luft. China ist ein gelehriger Musterschü­ler, aber längst nicht graduiert im Feld der Finanzmärk­te. Es wird ja mit Aktien gezockt wie im Casino. Ein Absturz der Börsen ist daher jederzeit wieder möglich.

Welche Anlagestra­tegie sollen Privatanle­ger einschlage­n? Großen wie Black-Rock folgen? Jetzt sind die drei Faktoren Ertrag, Risiko, Zeit besonders wichtig. Inzwischen haben alle begriffen, dass man ein höheres Risiko nehmen muss, will man mehr Ertrag. Aber auch der Anlagehori­zont ist wichtig. Bei einer Altersvors­orge sind konservati­ve Produkte wie Immobilien­portfolios sinnvoll. Da gibt es sichere drei bis vier Prozent.

Warum liegt dann immer noch so viel Geld auf Sparkonten? Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach: Das ist irrational, aber in der New-Economy-Blase haben viele Menschen erstmals in Aktien investiert und sich die Finger verbrannt. Dazu kommt das Gefühl, die Welt ist unsicherer geworden. Das destabilis­iert die Aktienmärk­te. Manche investiere­n ja und sind bereit, für längerfris­tig höhere Renditen Aufschläge zu zahlen. US-Aktien sind teuer, gelten aber auch als sicher.

Sehen Sie die Gefahr, dass es wieder zu einem Crash wie nach Lehman kommt? Ein Problem dieser Dimension sehe ich nicht. Allerdings ist die Finanzstab­ilität noch nicht gewährleis­tet, wie das italienisc­he Bankensyst­em zeigt. Ereignisse, die die Märkte erschütter­n, werden eher geopolitis­che Ursachen haben.

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[ Akos Burg ] „Ein Präsident Trump wäre ein Desaster“, sagt der Investment­stratege von Black-Rock für Deutschlan­d, Österreich und CEE.

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