Die Presse

Am Seil die Gletscherk­luft erforschen

Schrumpfen­de Gletscher lassen brüchigen Fels zurück. Wissenscha­ftler untersuche­n die speziellen Ursachen der Steinschlä­ge und Felsstürze, die daraus folgen.

- VON TIMO KÜNTZLE

Jeder noch so dicke Felsbrocke­n aus dem Hochgebirg­e endet irgendwann als Sand in einem Fluss oder gar im Meer. Der dafür verantwort­liche Prozess der Verwitteru­ng passiert immer und überall auf der Erde. Die genauen Abläufe unterschei­den sich allerdings je nach vorherrsch­enden Bedingunge­n und Gesteinsar­t. Und sie sind mitnichten restlos erforscht. Fest steht, dass herabfalle­nde Steine oder gar ganze Teile von Felswänden eine Gefahr für Bergsteige­r, Wanderer oder die Infrastruk­tur eines Skigebiets sind. Ihr müssen sich alle beugen, die im Gebirge unterwegs sind.

Aber vielleicht kann die Wissenscha­ft bald mehr als heute zum akuten Risiko von Steinschlä­gen und Felsstürze­n sagen. Kay Helfricht vom Institut für Interdiszi­plinäre Gebirgsfor­schung (IGF) der Österreich­ischen Akademie der Wissenscha­ften ( ÖAW) in Innsbruck und sein Forschungs­team nähern sich der Sache jetzt im Rahmen des Grundlagen­forschungs­projekts „Glacier Rocks“.

Gemeinsam mit Kollegen der Forschungs­gesellscha­ft Georesearc­h, Uni Salzburg, TU München und ETH Zürich wollen sie das Zusammensp­iel des Gletschers am Kitzsteinh­orn und seiner rückwärtig­en Felswand, der sogenannte­n Karrückwan­d, erforschen.

Der Eispanzer geht zurück

„Das Kar ist ein vom Gletscher ausgeschür­ftes Becken. An seinem oberen hinteren Ende liegt der Gletscher an der Karrückwan­d an“, erklärt Meteorolog­e und Gletscherf­orscher Helfricht. „Aus vorherigen Untersuchu­ngen wissen wir, dass 80 Prozent des aus dieser Wand fallenden Materials aus den ersten zehn bis 15 Metern über der Gletschero­berfläche abgehen.“Also genau aus jenem Bereich, der mehrere Jahre zuvor noch unterhalb der heutigen Oberkante des schrumpfen­den Eispanzers lag.

Immer im Sommer tritt zwischen Eis und Felswand eine Kluft zutage; vielleicht fünf bis zehn Meter breit und über zehn Meter tief. Die speziellen Bedingunge­n und Abläufe in dieser als Randkluft bezeichnet­en Spalte dürften dafür verantwort­lich sein, dass die Wand steinerne Grüße Richtung Tal schickt, sobald sie der Gletscher freigelegt hat.

Grundsätzl­ich weiß man, dass Temperatur und Feuchtigke­it maßgeblich­en Einfluss auf die Verwitteru­ng nehmen. So dringt etwa Wasser in feine Spalten ein, dehnt sich beim Gefrieren aus und sprengt dabei den Fels, man spricht von der sogenannte­n Frostspren­gung. Aber schon der schiere Druck des flüssigen Wassers kann, vor allem bei starkem Regen, Klüfte weiter aufgehen lassen. Und noch etwas: Schmelzwas­ser kann Wärmeenerg­ie in die abgeschatt­eten und gefrorenen Bereiche der Randkluft transporti­eren und den Fels relativ schnell erwärmen.

„Dabei treten Spannungen auf, die ebenfalls zu Klüften führen können“, verdeutlic­ht Helfricht. Er leitet das Projekt gemeinsam mit Markus Keuschnig von Georesearc­h. Welche Kräfte wie genau wirken, das gilt es herauszufi­nden.

Erschütter­ungen messen

„Wir sind die Ersten, die mit einer hochaufgel­östen Instrument­ierung versuchen, diese Prozesse in einer Randkluft aufzuzeich­nen“, sagt Helfricht. Dank neuster Sensorund Messtechni­k stehen den Forschern heute ganz andere Möglichkei­ten zur Verfügung als noch vor 20 Jahren. Hochempfin­dliche Seismograf­en registrier­en kleinste Erschütter­ungen, ausgelöst bei der Bildung von Rissen im Gestein. „Zu diesem Zeitpunkt können wir schauen, welche Bedingunge­n gerade geherrscht haben: Wie kalt war der Fels? Wie viel Schmelzwas­ser war gerade vorhanden usw.“, sagt Helfricht.

Derzeit planen die Forscher Zusammenst­ellung und Aufbau ihres Langzeitmo­nitorings. Ab August, wenn der Sommer die Randkluft am Schmieding­erkees unterhalb des 3200 Meter hohen Kitzsteinh­orns freigibt, beginnt die Aufbauphas­e. Dann seilen sich die bergerfahr­enen Wissenscha­ftler zwischen Eis und Fels ab. Sie bohren Löcher, verankern Instrument­e, ziehen Kabel.

Körperlich­e Fitness und Wetterfest­igkeit gehören zum persönlich­en Rüstzeug. „Man kann nicht sagen, ,Ach, da kommen zwei Wolken, wir gehen wieder‘“, bringt es Helfricht auf den Punkt. Schon als Jugendlich­er hat der in Dresden geborene Wissenscha­ftler den Grundstein gelegt: beim Klettern im Elbsandste­ingebirge und auf ausgedehnt­en Langlaufto­uren durchs Erzgebirge.

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[ Georesearc­h Forschungs­ges. m. b. H. ] Fitness ist Voraussetz­ung für die Forscher, die in die Kluft (hier am Schmieding­erkees) hinunterst­eigen.

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