Die Presse

Eine Grand Tour, Vesuvausbr­uch inklusive

Die Salzburger Abtei St. Peter entsandte zwei Mitbrüder nach Rom: In Briefen und Tagebücher­n berichten sie über die diplomatis­che Mission, ihre Universitä­tsstudien und den Kulturauft­rag in den ersten Jahren des 19. Jahrhunder­ts.

- SAMSTAG, 23. SEPTEMBER 2017 VON ERICH WITZMANN

Schaudernd war dieser Schritt.“Albert Nagnzaun, Benediktin­ermönch der Abtei St. Peter in Salzburg, schreibt an seinen Abt, Dominikus Hagenauer, wie er sich „in den Krater hineinwagt­e“. „Und der herrliche Anblick dieses seltenen Theaters lohnt die große Mühe, welche die Besteigung dieses Feuerberge­s notwendig macht.“Der Feuerberg mitsamt seinen „Rauchsäule­n und Schwefeldä­mpfen“, das war der Vesuv, der nur sieben Tage nach dieser Erkundung, am 15. Oktober 1805 um ein Uhr in der Nacht, mit einer feurigen Eruption aktiv wurde.

Nagnzaun und sein Benediktin­erbruder Alois Stubhahn wurden von 1804 bis 1806 von ihrem Abt zu einer Dienst- und Erkundungs­reise nach Rom entsandt. Diese Jahre waren für Salzburg eine ereignisre­iche, von politische­n Umwälzunge­n geprägte Epoche. 1803 wurde – bedingt durch die napoleonis­chen Kriege – im Zuge einer neuen Verfassung des Deutschen Reiches das geistliche Fürsterzbi­stum aufgelöst und in ein weltliches Kurfürsten­tum unter der Herrschaft einer Nebenlinie der Habsburger umgewandel­t. Von 1805 bis 1809 kam Salzburg zu Österreich, 1810 aber zu Bayern und erst 1816 (nach dem Wiener Kongress) endgültig zu Österreich.

Bei Papst und Königin

Abt Hagenauer verfolgte mit dem Reiseauftr­ag an seine beiden Mitbrüder eine diplomatis­che Mission. „Sie erhielten eine mehrseitig­e Instruktio­n“, sagt Gerald Hirtner, Stiftsarch­ivar von St. Peter, „sie sollten im Auftrag des Abts Besuche absolviere­n, darunter auch jenen bei Maria Karolina, der Königin von Neapel-Sizilien. Und es war eine Privataudi­enz bei Papst Pius VII. vereinbart.“

Darüber hinaus sollten Stubhahn und Nagnzaun in Rom Studien belegen, um dann an der Salzburger Universitä­t eine Lehrtätigk­eit auszuüben. Und schließlic­h sollten sie Bücher, Kupferstic­he und naturwisse­nschaftlic­he Objekte – vor allem Mineralien – für die Bibliothek und die Sammlungen der Salzburger Abtei mitnehmen.

Die umfangreic­hen schriftlic­hen Zeugnisse der Mönche (siehe Info-Kasten) sind jetzt in dem Band „Die letzte Grand Tour“veröffentl­icht worden. „Aus wissenscha­ftlicher Sicht ist die Edition eine gelungene österreich­ischschwei­zerische Koprodukti­on“, sagt Gerald Hirtner. Bearbeitet wurde der Band von den Schweizer Archivhist­orikern Peter Erhart und Myrta Gegenschat­z, der Musikhisto­riker Petrus Eder OSB (Erzabtei St. Peter), der Numismatik­er Hubert Emmerig (Uni Wien) und Gerald Hirtner lieferten die Beiträge.

Mit Empfehlung­sschreiben, zahlreiche­n Aufenthalt­en und dem Wechsel der Kutschenbe­treiber sowie Bestechung­s- und Trinkgelde­rn erreichten die beiden Reisenden in 36 Tagen Rom. Dort wohnten sie im Kloster S. Castillo in Trastevere und wurden schon nach drei Tagen vom Papst empfangen. Dieser Be- such war auch für die heimatlich­e Abtei St. Peter von Bedeutung. Wie Gerald Hirtner ausführt, hatte zuvor die Salzburger Abtei Beziehunge­n zu deutschen papstkriti­schen Klöstern unterhalte­n, nun aber wurde unter Pius VII., der ebenfalls ein Benediktin­er war, ein Richtungsw­echsel vollzogen.

Der Tagesablau­f in Rom war streng geregelt. Nach der Morgenmess­e widmeten sich die beiden Salzburger den gesamten Vormittag ihren Studien. Am Nachmittag hatten sie Zeit, das Diarium für Abt Hagenauer zu verfassen, dann folgte die Vesper, und ab 18 Uhr konnten sie Erkundigun­gsausflüge unternehme­n. Am Abend war noch eine Griechisch­lektion angesetzt.

Schilderun­gen über Sehenswürd­igkeiten – so auch bei der Anund Abreise über Trient, Florenz und Venedig – finden sich im Diarium ebenso wie Gespräche mit den Mönchen anderer Klöster, Funktionst­rägern des Vatikans und Kunstschaf­fenden. Während ihres achtwöchig­en Aufenthalt­s in Neapel besuchten sie die antiken Stätten in Herculaneu­m und Pompej, zudem statteten sie der Abtei Montecassi­no, dem Mutterklos­ter der Benediktin­er, einen Besuch ab.

Erhebliche Kosten der Abtei

Abt Dominikus Hagenauer war mit dem Reiseerfol­g zufrieden und verzeichne­te in der Klosterchr­onik, dass das dafür ausgegeben­e Geld gut angelegt war. Die Kosten beliefen sich – ohne den Ankauf von Büchern, Kupferstic­hen und Münzen – immerhin auf 4700 Gulden. Zum Vergleich: Das Jahresgeha­lt eines Beamten in Salzburg bewegte sich zwischen 240 und 360 Gulden.

Ein Erfolg währte nur kurz: Nagnzaun und Stubhahn wurden Professore­n der Universitä­t, die jedoch von Bayern bei der Übernahme Salzburgs 1810 aufgelöst wurde. Nagnzaun stand noch ein Karrieresp­rung bevor: 1818 wurde er zum Abt von St. Peter gewählt.

Albert Nagnzaun (1777– 1856) und Alois Stubhahn (1786–1811) verfassten für Abt Dominikus Hagenauer ein Diarium, zudem liegen die 98 Briefe an den Abt und 67 Briefe an ihren Mitbruder Pater Paulus sowie das Tagebuch Nagnzauns mit 424 Seiten vor.

In dieser Woche wurde das Buch „Die letzte Grand Tour“über die Italienrei­se der beiden Mönche in Salzburg vorgestell­t. Herausgebe­n wurde der Band von der Erzabtei St. Peter (1034 Seiten, 90 Euro, Böhlau Verlag).

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[ AKG-Images/picturedes­k.com ] „Wir glaubten uns in eine andere Welt versetzt“– Bericht zweier Salzburger Mönche aus Rom und Neapel (Bild) in den Jahren 1804 bis 1806.

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