Das Dschun­gel­buch der For­schung

For­schung. Die Stei­re­rin Il­le C. Ge­beshu­ber sam­mel­te in den Re­gen­wäl­dern und Mee­ren der Welt Ide­en für Ent­wick­lun­gen. Da­für wur­de sie nun als Ös­ter­rei­che­rin des Jah­res ge­ehrt.

Die Presse - - AUSTRIA’16 U 16 - VON ALI­CE GRANCY

Un­ter­was­ser­kle­ber nach dem Vor­bild von Al­gen, Spin­nen­net­ze, die Rad­fah­rer stop­pen und Flug­zeug­ka­bi­nen, die Zi­ka­den nach­emp­fun­den sind, um Ge­räu­sche zu mi­ni­mie­ren. Die Ide­en von Il­le C. Ge­beshu­ber klin­gen fan­tas­tisch – und sind es auch. „Ich war schon im­mer neu­gie­rig“, sagt die Wis­sen­schaft­le­rin. „Nur wuss­te ich da­mals noch nicht, dass man das zum Be­ruf ma­chen kann.“Sie be­wun­der­te früh, wie aus ei­nem Sa­men ei­ne Pflan­ze wur­de. Staun­te, wie sie wuchs und schließ­lich blüh­te. Und konn­te sich zu­nächst kei­nen Reim dar­auf ma­chen, was dann mit der Sa­men­kap­sel pas­sier­te – bis sie ver­stand, wie sich der Kreis­lauf schloss. Heu­te blickt sie als Tech­ni­sche Phy­si­ke­rin auf die Na­tur – und wur­de da­für am Di­ens­tag­abend bei der Aus­tria-Ga­la in der Ka­te­go­rie For­schung aus­ge­zeich­net.

Hei­mat­ha­fen TU Wien

Ge­beshu­ber war die Ers­te in ih­rer Fa­mi­lie mit Ma­tu­ra und Uni­ver­si­täts­stu­di­um. Dass sie sich für Phy­sik ent­schied, war bald klar: „Sie ist für mich die Ba­sis al­ler Na­tur­wis- sen­schaf­ten, egal, in wel­che Rich­tung ich ge­he.“Für die Tech­ni­sche Phy­sik ent­schied sie sich, als sie ei­nen Stu­di­en­füh­rer durch­blät­ter­te. „Ich sah, dass man mit ei­nem Di­plom­in­ge­nieur ab­schließt.“Ge­beshu­ber kommt aus Kind­berg im stei­ri­schen Mürz­tal. „Die Män­ner, die dort am meis­ten ge­ach­tet wur­den, wa­ren die Di­plom­in­ge­nieu­re aus der Voest Al­pi­ne“, er­zählt sie.

Die TU Wien, an der sie stu­dier­te, blieb bis heu­te ihr „wis­sen­schaft­li­cher Hei­mat­ha­fen“. Zu ihr kehr­te sie nach meh­re­ren Aus­lands­auf­ent­hal­ten im­mer wie­der zu­rück: nach nur sechs Mo­na­ten als Post­doc an der Uni­ver­si­tät von Ka­li­for­ni­en in San­ta Bar­ba­ra, weil sie ei­nes der bes­ten Mi­kro­sko­pe zu­rück nach Wien lock­te, und nach sie­ben statt zwei Jah­ren aus Ma­lay­sia.

Dort­hin ging sie mit ih­rem Mann – er hat Berg­bau, Ver­fah­rens­tech­nik, Jus und Wirt­schaft stu­diert und in Kua­la Lum­pur ein sehr gu­tes Jo­b­an­ge­bot be­kom­men. Sie fand ei­ne Stel­le an der Na­tio­na­len Uni­ver­si­tät Ma­lay­sia, ei­ner auf For­schung fo­kus­sier­ten Uni­ver­si­tät: „Dort muss man nur zwei St­un­den im Jahr leh­ren, für die For­schung bleibt al­so sehr viel Zeit“, sagt Ge­beshu­ber. Die Freu­de über den Job war groß, die dar­auf­fol­gen­de Er­nüch­te­rung auch. „Ich dach­te, ich for­sche an den cools­ten Mi­kro­sko­pen der Welt, und dann war dort al­les ka­putt.“Selbst das bil­ligs­te Mi­kro­skop funk­tio­nier­te nicht.

Was al­so un­ter­neh­men? „Ich hat­te gera­de erst mei­ne bei­den Grau­pa­pa­gei­en um­ge­sie­delt. In Zei­ten der Vo­gel­grip­pe konn­te ich nicht ein­fach re­tour.“Schließ­lich folg­te sie dem Rat zu tun, wo­für Ma­lay­sia be­rühmt ist: in den Dschun­gel zu ge­hen und die Na­tur zu be­ob­ach­ten. Sie be­glei­te­te zu­nächst Fo­to­gra­fen, die sich für ih­re Bil­der sehr viel Zeit nah­men. „Sie brauch­ten vier St­un­den, um ei­ne Amei­se zu fo­to­gra­fie­ren.“

Ge­beshu­ber nutz­te die Zeit, um die Na­tur zu be­trach­ten. Sie be­ob­ach­te­te Pflan­zen und Tie­re mit den Au­gen ei­ner Phy­si­ke­rin. „Da­bei sieht man manch­mal et­was, was man gar nicht er­war­tet hät­te“, er­zählt sie. Und das lässt sich mit­un­ter für die Ma­te­ri­al­wis­sen­schaf­ten nut­zen. Imi­tiert man et­wa die Struk­tu­ren bun­ter Schmet­ter­lings­flü­gel und bringt sie auf ein Fens­ter auf, könn­te das et­wa be­wir­ken, dass sich die­ses bei Re­gen qua­si selbst putzt.

Zeit zum Nach­den­ken zählt

Ob sie sich im Dschun­gel nie­mals fürch­te­te? In Ma­lay­sia nicht, aber in Cos­ta Ri­ca, wo sie eben­falls forsch­te, sei­en ihr die rie­si­gen Schlan­gen und Spinnen schon un­heim­lich ge­we­sen. Ei­ner ih­rer ers­ten gro­ßen Er­fol­ge ge­lang aber oh­ne­hin in den ei­ge­nen vier Wän­den: in Ka­li­for­ni­en, wo ih­re aus der Lo­bau mit­ge­brach­ten Was­ser­schne­cken die an sich für Ex­pe­ri­men­te vor­ge­se­he­nen Kie­sel­al­gen ver­tilg­ten. Ge­beshu­ber ver­mu­te­te, dass die Al­gen, die auf den rau­en Ras­pel­zun­gen der Schne­cken über­lebt hat­ten, be­son­ders gut haf­ten – und ent­deck­te da­mit ei­nen Un­ter­was­ser­kle­ber, der sich so­gar selbst re­pa­rie­ren kann.

Seit dem Vor­jahr ist sie wie­der re­tour an der TU Wien. Was ihr wei­ter wich­tig ist: dass For­schung Zeit zum Nach­den­ken braucht. Nur so kön­ne man wich­ti­ge Trends und Ent­wick­lun­gen er­ken­nen.

Ex­pe­ri­men­tal­phy­si­ke­rin und Ös­ter­rei­che­rin des Jah­res Il­le C. Ge\eshu\er mit den FFG-Ge­schäfts­füh­rern Klaus Ps­ei­ner und Hen­ri­et­ta Egerth (r.).

[ Fa­b­ry, Roß­both, Ru­dolph ]

Links: Mo­de­ra­to­rin Clau­dia Rei­te­rer. Rechts o\en: Bil­dungs­psy­cho­lo­gin Christiane Spiel (l.) mit His­to­ri­ker Ro­man Sand­gru\er und Ehe­frau Mar­git. Rechts un­ten: Kris­ti­na Spren­ger mit ih­rem Ehe­mann, Ge­rald Gerst\au­er (l.), und Max Koch (SOS Mit­mensch).

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.