Begna­det für das Schia­che?

Die Presse - - VORDERSEITE -

Ot­to Bru­sat­ti über die „mo­ra­li­sche An­stalt“Haus der Ge­schich­te.

Zu­ge­ge­ben, es war nach den Que­re­len der ver­gan­ge­nen Jah­re schon ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on, dass die an­geb­li­che Ge­schich­te un­se­res Lan­des heu­te über­haupt ge­zeigt wer­den kann (oder soll). So­wie­so nur ei­ne aus den ver­gan­ge­nen 100 Jah­ren. Denn vor­her gab es of­fen­bar nichts, was als ös­ter­rei­chisch be­zeich­net wer­den kann . . . Al­lein: In kei­nem ei­ge­nen Haus wur­de das mög­lich; nein, man si­tu­ier­te die His­to­rie in der doch et­was be­las­te­ten Hof­burg, al­so dort, wo Ös­ter­reich ei­gent­lich für die nächs­ten 1000 Jah­re aus­ge­löscht wor­den ist. Und lei­der hat man sie, die His­to­rie, dort plat­ziert, wo man in der Wuch­tig­keit des Bau­es eher ab­ge­schreckt wird. Dort pas­siert es nun, wo man ehe­dem Völ­ker er­kun­de­te und bis vor Kur­zem das ös­ter­rei­chi­sche Welt­klein­od der In­stru­men­ten­samm­lung be­gut­ach­ten konn­te. Schwamm drü­ber. Und hin­ein! Ich er­leg­te wohl­fei­le acht Eu­ro und spa­zier­te in den ers­ten re­gu­lä­ren Aus­stel­lungs­ta­gen durch die wür­di­gen Räu­me. Als stau­nen­der, wiss­be­gie­ri­ger Be­su­cher.

Man hat Pro­ble­me zu Be­ginn und muss sei­ne Über­klei­dung ab­ge­ben, weil es sonst dort oben im ers­ten Stock all­zu heiß sein könn­te und die so über­aus pro­mi­nen­ten Leih­ge­ber (die er­schlie­ßen sich spä­ter nicht) das ver­lang­ten. Aber kei­ne Sor­ge, man kann sei­nen Man­tel auch frei ir­gend­wo hin­hän­gen. Ein Uni­kum im welt­wei­ten Aus­stel­lungs­we­sen. Kein Ka­ta­log. Ein paar selt­sa­me Pro­spek­te lie­gen her­um. Det­to zum An­lass er­schie­ne­ne Text­samm­lun­gen. Dann geht es durch et­was lee­re Hal­len und halb vor­bei am fa­bu­lö­sen und fast ganz lee­ren Ephe­sos-Mu­se­um. Aber dann! Es gibt kei­ne gro­ßen Weg­hin­wei­se, hin­ge­gen Leucht­gir­lan­den mit „hdg ö“und „Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich“. Be­schal­lungs­lärm im Hin­ter­grund. Links ein leicht stin­ken­des Ca­fe.´ Gera­de­aus aber: „Auf­bruch ins Un­ge­wis­se“. So steht es in fei­ner Be­find­lich­keits­ro­man­tik über dem in­ne­ren Ein­gang.

Ich bin in ei­ner Flut. Ei­ner aus Pla­ka­ten, Ko­pi­en, Do­ku­fil­men und Be­leh­run­gen. Ich be­we­ge mich in ei­nem gro­ßen, un­ter­teil­ten Raum und dann rech­ter Hand in ei­nem lan­gen, noch mehr un­ter­teil­ten Saal (wie­so die­ser der­art voll­ge­räumt sei­tens der Bau- und Thea­ter­po­li­zei frei­ge­ge­ben wor­den ist, das macht bei mehr als drei ge­führ­ten Grup­pen be­klom­men). Man spa­ziert an Ko­jen, Schau­bän­dern und im­mer häu­fi­ger an be­weg­ten Bil­dern haupt­säch­lich mit Do­kuAus­tria­ca vor­bei, hat ver­blüf­fen­de Wie­der­er­ken­nun­gen und steht dann – na ja, be­reits vor dem En­de des Ge­schich­te­hau­ses. Die­ses prunkt mit ei­ner Zet­tel­wand. Es ist un­klar, ob man da Pos­tings sel­ber hin­pi­cken darf oder ob das ei­ne Art von In­stal­la­ti­on dar­stellt. Die Reiz­wor­te auf den gel­ben Din­gern be­tref­fen vor al­lem An­ge­le­gen­hei­ten wie Frei­heit, Gen­der oder Lohn­ge­rech­tig­keit und rich­ten sich ge­le­gent­lich ge­gen die ak­tu­el­le und bö­se Bun­des­po­li­tik.

Ich stau­ne über die Pla­ka­te

Al­so, ich fan­ge das Gan­ze noch­mals von vorn an, stau­ne über die Pla­ka­te nach dem Ers­ten Welt­krieg, über je­ne vor dem Zwei­ten, über die Sa­chen für die je­wei­li­gen Heim­keh­rer (vor 100 oder eben vor 70 Jah­ren) und über die ge­nuss­voll ze­le­brier­te Ar­mut da­mals. Man kommt sich ein biss­chen vor wie wäh­rend der Hel­de­ne­pen un­se­rer Leh­rer oder im Rah­men von wei­land Ta­gen der Fah­ne. Die­ses Land hat man als ei­ne Ge­schich­te von klei­ne­ren und grö­ße­ren Hel­den­ta­ten (die Be­frei­ung) und Skan­da­len (die NS-Wet­ter­leuch­ten in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren) prä­sen­tiert. Al­les sieht so aus wie ein tol­les, aber un­ge­mein be­müh­tes Ös­ter­reich-Er­folgs­ge­schich­te-Selbst­be­zich­ti­gungs­buch, das man den bra­ven und sau­be­ren Schul­ab­gän­gern in die Hand drückt.

Und ir­gend­wie er­in­nert man sich. Das hab ich doch al­les schon in den aus­fül­len­den ORF-Se­ri­en von „Ös­ter­reich I“und „Ös­ter­reich II“ge­se­hen?

Gleich­viel. Ge­ballt geht es den „An­schluss“rauf und run­ter (wo steht ei­gent­lich: Fast 100 Pro­zent ha­ben da­mals plär­rend für die Aus­lö­schung Ös­ter­reichs vo­tiert?). Die Hei­mat plus die EU kom­men or­dent­lich vor, vie­le Ty­pen aus der jün­ge­ren Po­li­tik­ge­schich­te, die Hel­den im Schnee und auf dem Sport­platz, die Be­mü­hun­gen von Wie­der­gut­ma­chun­gen und bei Re­sti­tu­tio­nen. Ich spa­zie­re zwi­schen löb­li­chen Auf­schrif­ten und ver­kehrt hän­gen­den, ro­ten (Po­li­tik?-)Re­gen­schir­men, le­se, dass man in Zu­kunft nie mehr ver­ges­sen und über­haupt brav sein wird. Ge­he ein drit­tes Mal, in­ter­es­siert am Ein­zel­ob­jekt, durch die zwei Räu­me von den Welt­kriegs­hun­gern­den über Fu­ro­re mach­te. Ich ha­be nun al­so wie in ei­nem bra­ven Ös­ter­reich-Flo­ri­le­gi­um ge­blät­tert, ha­be von dem vor 1918 uns Zu­grun­de­lie­gen­den prak­tisch nichts an­ge­bo­ten be­kom­men, vie­le Er­in­ne­run­gen aber auf­ge­frischt. Wun­der­sam.

Und dann, grü­belnd – das al­so ist die Be­woh­ner­schaft ei­nes „hdg ö“?

Ös­ter­reich ist auch, vor al­lem gar, et­was an­de­res: zu­nächst das Er­geb­nis ei­ner fast 1000-jäh­ri­gen Ge­schich­te Eu­ro­pas. Al­lein dann – nur die jüngs­ten 100 Jah­re? Ba­siert nicht fast al­les auf den Zei­ten da­vor so­wie auf dem Ös­ter­rei­cher­tum an sich als ei­ne skur­ri­le, krea­ti­ve, sich ab­he­ben­de Gestalt in die­sem Eu­ro­pa?

Ich ge­he hin­aus und me­mo­rie­re. Ist je­nes bra­ve Ös­ter­reich nicht viel mehr ein Land für das – die Leu­te zu­nächst auch er­schre­cken­de – künst­le­risch In­no­va­ti­ve? Mei­net­we­gen manch­mal so­gar ein Volk, begna­det für das Schö­ne (ver­wei­len wir halt aus­nahms­wei­se cool bei dem blö­den Wort vom Schö­nen). Wo blie­ben hier die Kunst-, die jüngs­te In­no­va­tions-, vor al­lem die ös­ter­rei­chi­sche Mu­sik­ge­schich­te? Das sind doch ne­ben man­chen Alt-Neu-Fa­schis­men die ein­zi­gen glo­ba­len High­lights, die ge­währ­leis­ten, dass Ös­ter­reich welt­weit (noch) von In­ter­es­se ist?

Hin­ter mir prun­ken Mas­sen an in­for­ma­ti­vem Pa­pier und Wo­chen­schau-Aus­schnit­ten mit Leh­re und Be­leh­rung, prall­voll mit Er­in­ne­rungs- und schlim­mem Wie­der­er­ken­nungs­wert für bö­se Ur­zei­ten (100, 84, 75 Jah­re ent­fernt). Vor mir aber was?

Wo ist ein ad­äqua­ter no­bler Raum für Ar­nold Schön­berg plus An­ton We­bern im Schlepp­tau, ei­ner für die Ko­di­fi­zie­rung des­sen, was tat­säch­li­che Neue Mu­sik ist? Wo ei­ner für den „Wozz­eck“des Al­ban Berg, ei­ner für Ernst Kre­neks „Rei­se­buch aus den ös­ter­rei­chi­schen Al­pen“, ei­ner für un­se­re Pro­pa­gan­da­fes­ti­vals fürs Zeit­ge­nös­si­sche (bis heu­te mehr­fach jähr­lich), zu­gleich für das (kann man nix ma­chen, ist aber so) un­ser Ös­ter­reich welt­weit be­stim­men­de Neu­jahrs­kon­zert flan­kiert von jähr­li­chen rund 350 Fest­spie­len im Land, was zur welt­weit größ­ten Fest­spiel­dich­te pro Qua­drat­ki­lo­me­ter führt. Wo sind die – apro­pos Dich­te – Kom­po­nis­ten und Schrei­ben­den und Gestal­ten­den son­der Zahl? Wo auch Le­har,´ Kalm´an,´ Be­natz­ky (al­le Welt­hit­kom­po­nis­ten), wo die fa­bu­lö­sen Da­men und Her­ren aus Ös­ter­reich, die in Staats­oper und bei Fes­ti­vals re­üs­sie­ren? Und – frech jetzt – wa­ren Her­mann Leo­pol­di oder Fried­rich Gul­da wirk­lich we­ni­ger wich­tig als so man­che, bunt prä­sen­tier­te Bun­des­mi­nis­ter?

So­dann stel­le ich mir noch, die­se jetzt schon schmerz­voll ver­mis­send, ei­ne Ge­mäl­de­samm­lung vor. Ja, die be­ginnt mei­net­we­gen 1918 und mit den da­mals da­hin ge­raff­ten Schie­le oder Klimt und führt über Lass­nig, Rai­ner, Fan­tas­ten, Gi­ron­co­li, selbst Hun­dert­was­ser, Ko­kosch­ka und Dut­zen­de mehr. Und soll­te man in solch ei­nem lä­cher­li­chen Spin­ti­sie­ren dann nicht zu­dem ins bil­den­de Fach, zu den Bau­ten und Me­di­en aus­wei­chen?

Oder. Wir ge­stal­ten für uns und für un­se­re be­son­de­re Ös­ter­reich-His­to­rie im Hun­der­ter nun noch ei­nen wei­te­ren vir­tu­el­len Wan­del­gang, ei­nen zwi­schen Schnitz­ler, Ca­net­ti, Mu­sil, Bach­mann, Ce­lan, Bay­er, Bern­hard, Je­linek, May­rö­cker, Jandl, Hand­ke und (bit­te um Un­voll­stän­dig­keits­nach­sicht) Dut­zen­den an Krea­ti­ven, die, oh­ne ei­nen Welt­ver­gleich scheu­en zu müs­sen, Ös­ter­reich­aus­sa­ge­kräf­ti­ger ar­bei­te­ten als leicht dump­fe, hier mit Bil­dern ab­ge­fei­er­te Ty­pen des Stän­de- und heu­ti­gen Re­pu­blik­staa­tes.

Vom Trau­ri­gen in der hier un­be­dankt, aber in­ad­äquat dar­ge­stell­ten Wis­sen­schaft wol­len wir lie­ber nicht re­den. Bloß ein Bei­spiel nur, das ei­nen fast zum Heu­len bringt. Sig­mund Freud wur­de kei­nes Bil­des für wür­dig be­fun­den; ös­ter­rei­chi­sche Fuß­bal­ler, wel­che die Bun­des­hym­ne stot­tern, krieg­ten gan­ze Film­stre­cken. Ja!

Wo blieb der ad­äqua­te Aus­stel­lungs­al­tar für den Witt­gen­stein-„Trac­ta­tus“, für die Frank-Häu­ser­rei­hen, die Schrö­din­ger-Kat­ze, für die Volks­mu­sik, vor al­lem aber für die Wie­ner­lie­der, die­se Spie­gel des auch ge­mei­nen Ös­ter­rei­chi­schen? Sie wer­den höchs­tens als Or­na­ment ver­wen­det. Die Tat­sa­che, dass Ös­ter­reich ei­nen ge­wal­ti­gen Bei­trag leis­te­te für die welt­wei­te Ent­wick­lung des U-Mu­sik-Ma­nage­ments, fällt un­ter den Tisch. (Und, nur noch so, wä­re es in ei­nem ähn­li­chen Haus für Spa­ni­en oder Frank­reich denk­bar, dass dort Pi­cas­so oder Ra­vel un­ter­ge­hen?)

Angst vor dem Gro­ßen

Das Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich be­weist, dass die pro­fes­sio­nel­le His­to­rie im­mer noch Angst vor dem Gro­ßen hat und das Bö­se und Sen­ti­men­ta­le viel mehr liebt. Man hat in die Aus­stel­lung bloß als mo­ra­li­sche An­stalt zu schlei­chen. Um ei­nem „hdg ö“ge­recht zu wer­den, müss­te man Mo­zarts „Zau­ber­flö­te“, Beet­ho­vens, Bruck­ners und Mah­lers Ne­un­te, vor al­lem aber et­wa Schu­berts „Un­voll­ende­te“und sei­ne „Win­ter­rei­se“als ein­fach nicht zu ver­leug­nen­den Aus­gangs­punkt ak­zep­tie­ren, hin­le­gen, vor­füh­ren, zum ju­belnd-be­klom­me­nen Stau­nen den Be­su­chern im Ori­gi­nal vor den Latz knal­len. Man müss­te, ja, ich weiß, das ist nun et­was ganz Ver­pön­tes, aber man müss­te wer­ten, end­lich Ös­ter­reich be­wer­ten, die üb­li­che His­to­ri­k­er­feig­heit über­win­den und das Ge­nie in den Leu­ten ak­zep­tie­ren im mu­ti­gen Aus­stel­len, auch das bö­se Ge­nie.

Ich mar­schie­re zu­rück über Prunk­stie­gen und vor­bei an al­ten, fal­schen Hin­weis­be­schrif­tun­gen, un­ter ei­ner Son­der­schau für ei­ne Gei­ge­rin, flan­kiert von bun­ten Fi­gu­ren aus der na­hen Rüst­kam­mer und oben um­hüllt wie­der von un­pas­sen­den Mu­sik­wol­ken. Es geht un­ter selt­sa­men Auf­schrif­ten hin­durch. In der Hand hal­te ich noch im­mer die „hdg-ö“-Ein­tritts­kar­te, wo die­se Ab­kür­zung an­ders for­mu­liert ist als auf den Trans­pa­ren­ten, und auf der man – selt­sam sich an­bie­dernd – per du an­ge­spro­chen wird. „Auf­bruch ins Un­ge­wis­se – Ös­ter­reich seit 1918“. Lie­be Leu­te, wir bre­chen 2018 doch nicht ins Un­ge­wis­se auf, das ist sen­ti­men­ta­les Sci­ence-Fic­tion-Ge­plap­pe­re. Q

Ich er­le­ge wohl­fei­le acht Eu­ro, spa­zie­re in die wür­di­gen Räu­me. Als stau­nen­der, wiss­be­gie­ri­ger Be­su­cher. Und fin­de mich in ei­ner mo­ra­li­schen An­stalt wie­der. „Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich“: Vi­si­te ei­nes Skep­ti­kers. Von Ot­to Bru­sat­ti

OT­TO BRU­SAT­TI Ge­bo­ren 1948 in Zell am See. Dr. phil. Sen­dungs­ge­stal­ter, Mo­de­ra­tor im ORF-Hör­funk, Au­tor Re­gis­seur Aus­stel­lungs­ma­cher Zu­letzt

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