1985

Die Presse - - VORDERSEITE -

ob ein Stau­damm ge­bro­chen wä­re, es ver­ur­sach­te mir ei­ne wil­de, bei­na­he sinn­li­che Freu­de, ihm al­les zu er­zäh­len.“

Bis zum Tod ver­bun­den. Kraus ist ei­ner der we­ni­gen Ver­eh­rer Gi­nas, der ihr zwölf Jah­re, bis zu sei­nem Tod – oh­ne se­xu­el­le Avan­cen – ver­bun­den ist. Schmei­chel­haf­te Kom­pli­men­te, be­hut­sa­me Be­rüh­run­gen, nur ein ge­le­gent­li­ches Du, täg­li­che Te­le­fo­na­te, Land­par­ti­en im Ta­tra-Au­to­mo­bil mit ge­mie­te­tem Chauf­feur in die Um­ge­bung Wi­ens soll­ten Kraus ge­nü­gen. Erst „viel spä­ter ha­be ich be­grif­fen“, schreibt die Ge­fähr­tin in ih­ren Me­moi­ren über den vä­ter­li­chen Freund, dass „sei­ne Ero­tik vor­nehm­lich dar­in be­stand, sich Frau­en, an de­nen er in­ter­es­siert war, mit an­de­ren Män­nern vor­zu­stel­len – ei­ne höchst harm­lo­se Per­ver­si­on, die aber sehr stark bei ihm ent­wi­ckelt war“.

Gi­na Kaus ist je­den­falls da­von über­zeugt, dass we­der Mann noch Frau mo­no­gam ver­an­lagt sei und es des­halb rich­tig sei, je­dem sei­ne Frei­heit zu las­sen. Um auch über ei­ne ih­rer vie­len Af­fä­ren zu be­ken­nen: „Ich hat­te ei­nen Ge­lieb­ten, den ich nicht lieb­te [. . .] Es war ei­nes Abends über mich ge­kom­men, wie ein Fie­ber, ei­ne Krank­heit, an der man nicht schuld ist . . .“Für Carl Stern­heim ist Gi­na die „groß­ar­tigs­te Frau Mit­tel­eu­ro­pas“. Auch Broch, Blei, Mu­sil, Wer­fel und Ler­ne­tHo­le­nia zäh­len zu ih­ren Ado­ran­ten.

Als jun­ges Mäd­chen ad­op­tiert sie der von Skan­da­len und Spe­ku­la­tio­nen um­wit­ter­te Jo­sef Kranz, um ih­re Stel­lung als sei­ne Mät­res­se zu ver­ber­gen: „Ei­nes Nachts er­wach­te ich um vier Uhr früh und fand die Lö­sung: Kranz konn­te mich als sei­ne Toch­ter ad­op­tie­ren [. . .] Was wir nachts ta­ten, ging nie­man­den et­was an.“Der Wie­ner Ge­sell­schaft wird reich­lich Ge­sprächs­stoff ge­bo­ten . . .

1926 grün­det sie das Ma­ga­zin „Die Mut­ter“mit Ar­ti­keln über Fra­gen der Schwan­ger­schaft und die Psy­cho­lo­gie des Kin­des. Sie rich­tet ei­ne Frau­en­be­ra­tungs­stel­le ein, Ärz­te und Ju­ris­ten be­ra­ten ver­zwei­fel­te Frau­en. In den Vor­le­sun­gen von Al­f­red Ad­ler lernt sie die von ihm be­grün­de­te In­di­vi­dual­psy­cho­lo­gie ken­nen, die so­wohl ihr Le­ben als auch ih­re Li­te­ra­tur grund­le­gend prägt.

In die­sem Jahr zieht Kaus spä­ter in das sün­di­ge, bro­deln­de Ber­lin. In der ner­vö­sen Me­tro­po­le zwi­schen Glanz und Elend führt sie ein Le­ben vol­ler

Tod.

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