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Die Presse - - ECO -

Es war am Nach­mit­tag des 10. De­zem­ber 2008, ein Mitt­woch, als Mark und And­rew Mad­off zum letz­ten Mal mit ih­rem Va­ter spra­chen. Al­les, was die in der New Yor­ker Fi­nanz­sze­ne an­ge­se­he­ne Fa­mi­lie über Jahr­zehn­te auf­ge­baut ha­be, sei ein Schwin­del ge­we­sen, er­klär­te Ber­nie Mad­off den Söh­nen. Die Brü­der wand­ten sich noch in der Nacht an die Markt­auf­sicht. Am nächs­ten Mor­gen klick­ten die Hand­schel­len, und wohl nicht ein­mal Ber­nie Mad­off selbst er­ahn­te, welch mensch­li­che und fi­nan­zi­el­le Dra­men sich in den nächs­ten Mo­na­ten und Jah­ren ab­spie­len wür­den.

Die Ge­schich­te des Zu­sam­men­bruchs des größ­ten Schnee­ball­sys­tems al­ler Zei­ten ist ei­ne trau­ri­ge. Bis heu­te ist nicht völ­lig klar, wer al­ler in die Ma­chen­schaf­ten Mad­offs in­vol­viert war oder zu­min­dest be­wusst die Au­gen ver­schlos­sen hat. Der frü­he­re Chef der Tech­no­lo­gie­bör­se Nas­daq war der Draht­zie­her und Haupt­ver­ant­wort­li­che, so viel steht fest. Aber wer aus sei­ner Fa­mi­lie und sei­nem Um­feld was ge­wusst hat, wird sich nie mehr ein­wand­frei fest­stel­len las­sen. Ei­ni­ge sind tot, man­che wur­den ver­ur­teilt, die meis­ten frei­ge­spro­chen. Klar ist: Mad­off wird als ein­sa­mer Mann im Ge­fäng­nis ster­ben, oh­ne Kon­takt zu sei­ner Fa­mi­lie, ver­ach­tet von ge­prell­ten In­ves­to­ren welt­weit.

Atem­be­rau­ben­der Be­trug. Als am 11. De­zem­ber 2008 die ers­ten Mel­dun­gen der Ver­haf­tung Mad­offs ein­tra­fen, war schnell zu er­ken­nen, dass es sich um ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Fall han­delt. Die Bör­sen­auf­sicht SEC, de­ren Ver­tre­ter mit Su­per­la­ti­ven für ge­wöhn­lich vor­sich­tig um­ge­hen, be­rief ei­ne Pres­se­kon­fe­renz ein. Von ei­nem „atem­be­rau­ben­den Be­trug von epi­schem Aus­maß“, sprach And­rew Ca­la­ma­ri, der ver­ant­wort­li­che Be­am­te. Von 50 Mil­li­ar­den Dol­lar war zu­nächst die Re­de, spä­ter wur­de der Be­trag auf 65 Mil­li­ar­den er­höht. „Al­le bis­he­ri­gen Pon­zi-Sys­te­me se­hen im Ver­gleich da­zu niedlich aus“, soll­te das „Wall Street Jour­nal“am nächs­ten Tag schrei­ben.

Mad­off durf­te zu­nächst noch ge­gen ei­ne Kau­ti­on von zehn Mio. Dol­lar in sei­nem Lu­xus­pent­house blei­ben. Meh- re­re Ner­ven­zu­sam­men­brü­che soll sei­ne Ehe­frau, Ruth, we­gen des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses er­lit­ten ha­ben. Die Nach­rich­ten­sen­der be­setz­ten den Ein­gang zum Wohn­haus an der Up­per East Si­de und über­tru­gen li­ve, wenn Ruth das Haus be­trat oder ver­ließ. Bei­na­he hät­te das Le­ben von Ber­nie und Ruth Mad­off zu Weih­nach­ten 2008 ein En­de ge­fun­den. Ge­mein­sam woll­te sich das Paar um­brin­gen, schluck­te Ta­blet­ten, wur­de aber ge­ret­tet. Im März 2009 wi­der­rief das Ge­richt die Kau­ti­ons­ge­wäh­rung, Mad­off wur­de ins Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis in Man­hat­tans ge­bracht. Er ge­stand und wur­de im Ju­ni zu 150 Jah­ren Haft ver­ur­teilt.

Wäh­rend das Schick­sal von Ber­nie Mad­off dank der zü­gi­gen Ar­beit der New Yor­ker Jus­tiz schnell fest­stand, soll­te je­nes sei­ner Fa­mi­lie und der vie­len An­le­ger welt­weit erst sei­nen Lauf neh­men. Der vom Ge­richt be­auf­trag­te Sach­wal­ter Ir­ving Pi­card und sei­ne rech­te Hand, Da­vid Shee­han, hat­ten ge­ra­de erst ih­re Ar­beit auf­ge­nom­men. In mo­na­te­lan­ger Klein­ar­beit ver­such­ten die Star­an­wäl­te die Tat zu re­kon­stru­ie­ren. Stück für Stück wur­de klar, dass die 65 Mil­li­ar­den Dol­lar an In­vest­ments nur auf dem Pa­pier be­stan­den. Mit dem Geld neu­er An­le­ger hat­te Mad­off seit den 1980er-Jah­ren al­te aus­be­zahlt. Er galt als Ge­nie, übe­r­all sprach sich her­um, dass es da ei­nen New Yor­ker Su­per­fuz­zi ge­ben soll, der den Markt stets um Wel­ten schlägt.

„Gier macht blind“, wird Pi­card spä­ter sa­gen, und da hat er nicht ganz un­recht. Im­mer wie­der wa­ren Vor­wür­fe auf­ge­taucht, dass das nicht mit rech­ten Din­gen zu­ge­hen kön­ne. Bis kurz vor sei­ner Ver­haf­tung im De­zem­ber 2008 brüs­te­te sich Mad­off da­mit, dass er in je­nem Jahr ein Plus von knapp sechs Pro­zent er­zielt ha­be. Zur Er­in­ne­rung: Das war das Jahr der Ge­met­zel an den Bör­sen, der S&P-500-Ak­ti­en­in­dex stand bei ei­nem Mi­nus von 35 Pro­zent. Über­haupt soll Mad­off im­mer bes­ser als al­le an­de­ren ge­we­sen sein. Im Schnitt stand seit 1990 jähr­lich ein Plus von mehr als zehn Pro­zent zu Bu­che. Je­der Fi­nanz­ex­per­te weiß, dass das prak­tisch un­mög­lich ist. Es war egal, kaum je­mand stell­te Fra­gen, so­lan­ge das Geld floss.

Auch Ruth Mad­off mag kei­ne Fra­gen ge­stellt ha­ben, sie sei auch ein Op­fer, be­haup­te­te sie. Ei­ne Mit­tä­ter­schaft konn­te ihr bis heu­te nicht nach­ge­wie­sen wer­den, zu­min­dest Nai­vi­tät aber auf je­den Fall. Ihr Mann kauf­te ihr Woh­nun­gen in New York, West Palm Beach und im fran­zö­si­schen An­ti­bes für 19 Mil­lio­nen Dol­lar. Ins­ge­samt war die Fa­mi­lie zum Zeit­punkt von Mad­offs Ver­haf­tung ei­ne Mil­li­ar­de Dol­lar schwer, 100 Mil­lio­nen da­von wa­ren Ruth zu­zu­schrei­ben. Die Ge­rich­te brauch­ten nicht lang, um sie zu über­zeu­gen, fast al­les zu­rück­zu­ge­ben. 2,5 Mil­lio­nen durf­te sie be­hal­ten, heu­te lebt sie in ei­ner Ein­zim­mer­woh­nung in Con­nec­ti­cut.

Bru­der im Fo­kus. Tat­säch­lich ist das ein­zi­ge Fa­mi­li­en­mit­glied, dem ei­ne Schuld nach­ge­wie­sen wer­den konn­te, Ber­nies Bru­der Pe­ter. Er war im In­vest­ment­haus Mad­offs als Chief Com­p­li­an­ce Of­fi­cer an­ge­stellt, hät­te al­so si­cher­stel­len sol­len, dass die re­gu­la­to­ri­schen Vor­schrif­ten ein­ge­hal­ten wer­den. 2012 wur­de er zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Mad­offs Kin­der, Mark und And­rew, wur­den nie ver­ur­teilt, aber stets ver­däch­tigt — ei­ne Last, die ih­nen am En­de zu schwer wur­de. „Nie­mand mag die Wahr­heit glau­ben“, schrieb Mark in sei­nem Ab­schieds­brief, ehe er sich in sei­ner Woh­nung mit ei­ner Hun­de­lei­ne

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