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Die Presse - - LEBEN -

Bis zu ei­nem be­stimm­ten Tag dei­nes Le­bens“, be­kennt Com­mis­sa­rio Mon­tal­ba­no in Andrea Ca­mil­le­ris „Die dunk­le Wahr­heit des Mon­des“(2005), „rutschst du aus, stürzt, stehst auf und hast dir nichts ge­tan. Aber dann kommt der Tag, da rutschst du aus, stürzt und kannst nicht mehr auf­ste­hen, weil du dir den Ober­schen­kel­hals ge­bro­chen hast. Was ist pas­siert? Pas­siert ist, dass du die un­sicht­ba­re Gren­ze von ei­nem Le­bens­ab­schnitt zum an­de­ren über­schrit­ten hast.“Was der Com­mis­sa­rio in die­sem Ro­man so tref­fend be­schreibt, ist ei­ne un­an­ge­neh­me Rea­li­tät, die nur all­zu gern ver­drängt wird – von der Ge­sell­schaft eben­so wie von der Po­li­tik: Fra­gi­li­tät im Al­ter. Je­ne Ge­brech­lich­keit, die ei­ne man­geln­de Ro­bust­heit und An­pas­sungs­fä­hig­keit äl­te­rer bzw. (chro­nisch) kran­ker Men­schen ge­gen­über den Her­aus­for­de­run­gen des All­tags be­schreibt und die zum schlei­chen­den Ver­lust der phy­sio­lo­gi­schen so­wie sen­so­mo­to­ri­schen Re­ser­ven führt.

Be­trof­fe­ne sind rasch er­schöpft, nur be­grenzt leis­tungs­fä­hig und vor al- lem in ih­rer Mo­bi­li­tät (stark) ein­ge­schränkt. Die­se Fak­to­ren füh­ren bei vie­len Men­schen häu­fig zu dra­ma­ti­schem Ge­wichts­ver­lust mit ei­nem mas­si­ven Ab­bau der Mus­ku­la­tur, so­dass sie kaum ge­gen aku­te Er­kran­kun­gen ge­rüs­tet sind.

Teu­fels­kreis. Üb­li­cher­wei­se wer­den fünf Ka­te­go­ri­en der Fra­gi­li­tät un­ter­schie­den: ra­sche Er­schöpf­bar­keit, kör­per­lich so­wie geis­tig; un­ge­woll­ter Ge­wichts­ver­lust als Fol­ge man­geln­den Ap­pe­tits; mus­ku­lä­re Schwä­che – al­so der er­wähn­te Mus­kelab­bau durch zu ge­rin­ge All­tags­ak­ti­vi­tä­ten und na­tür­lich durch bio­lo­gi­sche Al­te­rungs­pro­zes­se; deut­lich lang­sa­me­res Fort­be­we­gen, weil der An­trieb bzw. die Mo­ti­va­ti­on feh­len oder auch aus Un­si­cher­heit; und ei­ne stark re­du­zier­te Ak­ti­vi­tät im All­tag oh­ne so­zia­le Teil­ha­be, die zu Iso­la­ti­on, Ver­ein­sa­mung – und wie­der­um wei­te­rem Mus­kelab­bau führt.

„Ein Teu­fels­kreis al­so“, sagt Chris­toph Gi­sin­ger, Pro­fes­sor für Ger­ia­trie und In­sti­tuts­di­rek­tor im Haus der Barm­her­zig­keit in Wi­en. Er be­schäf­tigt sich in­ten­siv mit Ge­brech­lich­keit im Al­ter so­wie ih­ren Fol­gen und or­ga­ni­siert re­gel­mä­ßig Se­mi­na­re und Kon­gres­se zu die­sem The­ma. Im Zu­ge der Be­treu­ung sei­ner Pa­ti­en­ten ha­be er wie­der­holt be­ob­ach­tet, dass Fra­gi­li­tät oft als nor­ma­ler, all­mäh­li­cher Al­te­rungs­pro­zess er­lebt und von den Be­trof­fe­nen so­wie ih­ren Fa­mi­li­en als un- Be­trof­fe­nen nicht mehr tun kön­nen“, so Gi­sin­ger. „Je­man­den im­mer nur zu scho­nen ist ganz si­cher der fal­sche Weg. Da­mit macht man es ih­nen nur schwie­ri­ger, aus dem Teu­fels­kreis – al­so Mus­kel­schwä­che, ge­rin­ge­re Ak­ti­vi­tät, wei­te­rer Mus­kelab­bau, ent­spre­chen­de ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf An­trieb und Le­bens­freu­de – aus­zubre-

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