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Die Presse - - GLOBUS -

arf ich es ge­ste­hen? In die Stadt Mar­seil­le ha­be ich mich auf den ers­ten Blick ver­liebt. Fast je­de eu­ro­päi­sche Ha­fen­stadt schlägt mich Bin­nen­land­kind mit dem bra­cki­gen Hauch der gro­ßen wei­ten Welt jen­seits der Docks und Wel­len­bre­cher in ih­ren Bann, aber Mar­seil­le hat es mir an die­sem Wo­chen­en­de be­son­ders an­ge­tan. Dies ist die Haupt­stadt der me­di­ter­ra­nen Kul­tur, oh­ne die un­ser heu­ti­ges Selbst­bild als Eu­ro­pä­er schwer denk­bar wä­re, wor­über man sich im sehr ge­lun­ge­nen neu­en Mu­se­um na­mens Mu­cem be­leh­ren las­sen kann.

Doch ab­seits die­ser phi­lo­so­phi­schen Be­trach­tun­gen be­zau­ber­te mich der mor­bi­de Charme ei­ner al­ten Stadt, de­ren Ver­wal­tung nicht sehr viel Auf­wand in die Er­neue­rung der Bau­sub­stanz zu ste­cken scheint. Die ver­wit­ter­ten Fas­sa­den, die soi­gnier­te Pa­ti­na, aus der Tie­fe und Dau­er zu strö­men schei­nen: Das mag ich an Städ­ten, ich bin alt­mo­disch, die Glas­turm­me­ga­lo­po­len Ame­ri­kas und Asi­ens er­schre­cken mich. Zwei Ta­ge nach­dem wir den Zug heim nach Brüs­sel be­stie­gen hat­ten, stürz­ten zwei die­ser ma­le­ri­schen al­ten Wohn­häu­ser ein. Men­schen star­ben, Kin­der wur­den zu Wai­sen.

War mein Ent­zü­cken über die bau­li­che Pa­ti­niert­heit Mar­seil­les im Lich­te die­ser Ent­setz­lich­keit nicht ob­szön? Mag sein, je­den­falls hat mir die Tra­gö­die von der Rue d’Au­ba­gne vom 5. No­vem­ber in Er­in­ne­rung ge­ru­fen, wie dünn das Eis ist, auf dem man als Rei­sen­der wan­delt. Was wir char­mant und ma­le­risch fin­den, macht den Men­schen, die die­se Städ­te be­woh­nen, den All­tag oft zur Qu­al – und manch­mal gar zur To­des­fal­le.

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