Auch ei­ne Voll­kas­ko schützt nicht im­mer

Kfz-Ver­si­che­rung. Wer ei­nen Un­fall baut, kann da­nach gleich noch ei­nen Schock er­le­ben: Bei „gro­ber Fahr­läs­sig­keit“bleibt der Len­ker wo­mög­lich auf dem Scha­den sit­zen – je nach­dem, was in den Ver­trags­be­din­gun­gen steht.

Die Presse - - MEIN GELD - VON CHRISTINE KARY

Ein jun­ger Aus­hilfs­len­ker bei ei­nem Wie­ner Le­bens­mit­tel­groß­händ­ler hat Rie­sen­sor­gen. Gleich bei sei­ner drit­ten Lie­fer­fahrt mit ei­nem Klein-Lkw ist ihm ein Miss­ge­schick pas­siert. Bei der UNO-Ci­ty hat er die Hö­hen­be­gren­zung über­se­hen, was dort laut Po­li­zei im­mer wie­der pas­siert. Jetzt sieht er sich mit ei­ner For­de­rung von mehr als 19.000 Eu­ro kon­fron­tiert – ob­wohl der Trans­por­ter kas­ko­ver­si­chert ist.

Ei­nen Mo­ment lang hat er sich nur auf den Weg kon­zen­triert und ver­ges­sen, wie hoch das Fahr­zeug ist – so schil­dert er es. Die Ver­si­che­rung sieht es als gro­be Fahr­läs­sig­keit an. Und hat dem Un­ter­neh­men zwar den Scha­den er­setzt, will nun aber vom Len­ker Re­gress.

Sol­che Fäl­le kom­men im­mer wie­der vor – und re­la­ti­vie­ren den be­ru­hi­gen­den Satz, den man oft zu hö­ren be­kommt, wenn es dar­um geht, ein frem­des Fahr­zeug zu len­ken: „Kei­ne Sor­ge, das Au­to ist so­wie­so kas­ko­ver­si­chert.“Sei es, dass man sich ei­nen Wa­gen aus­borgt, sich auf ei­ner län­ge­ren Fahrt mit dem Be­sit­zer beim Len­ken ab­wech­selt oder als Ar­beit­neh­mer ein Di­enst­fahr­zeug lenkt: Trotz Kas­ko ris­kiert man da­bei mit­un­ter viel – je nach­dem, was ge­nau in der Po­liz­ze steht.

Aber was gilt als gro­be Fahr­läs­sig­keit? „Die Pres­se“frag­te bei der Al­li­anz Ver­si­che­rung nach. Die Ant­wort: Wenn der Len­ker „auf­fal­lend sorg­falts­wid­rig han­delt, so­dass der Ein­tritt ei­nes Scha­dens als ge­ra­de­zu wahr­schein­lich vor­her­seh­bar war“. Nach­satz zum kon­kre­ten Fall: Auf­grund der „deut­lich be­schil­der­ten Durch­fahrts­war­nung“sei sehr klar er­kenn­bar ge­we­sen, „dass ein Durch­fah­ren des Lkw un­ter dem Bal­ken mit Hö­hen­be­schrän­kung nicht mög­lich sein wird“. Bei ei­nem Kas­ko-Scha­dens­fall gel­te dann grund­sätz­lich Fol­gen­des: Ist der Ver­si­che­rungs­neh­mer selbst ge­fah­ren bzw. bei ei­nem Un­ter­neh­men der Ge­schäfts­füh­rer oder ein lei­ten­der An­ge­stell­ter, wird die Ver­si­che­rung leis­tungs­frei. Wird das Fahr­zeug je­doch ei­nem Drit­ten über­las­sen, „sind wir ge­gen­über dem Ver­si­che­rungs­neh­mer leis­tungs­pflich­tig, kön­nen aber beim Len­ker re­gres­sie­ren“.

Wo aber ganz kon­kret die Gren­ze liegt, dar­über lässt sich treff­lich strei­ten. Sol­che Re­gress­fäl­le lan­den denn auch im­mer wie­der vor Ge­richt – mit un­ge­wis­sem Aus­gang. Grund ge­nug, es sich drei­mal zu über­le­gen, ob man sich über­haupt ans Steu­er ei­nes frem­den Au­tos setzt – auch wenn sol­che Re­gress­fäl­le laut Al­li­anz „eher sel­ten“vor­kom­men.

Und jetzt die gu­te Nach­richt: Im­mer mehr Ver­si­che­rer bie­ten auch Po­liz­zen an, bei de­nen (ab­ge­se­hen von ge­wis­sen Aus­nah­men, wie Al­ko­ho­li­sie­rung, Dro­gen, Fah­ren oh­ne Füh­rer­schein) auf die Ein­re­de der gro­ben Fahr­läs­sig­keit ver­zich­tet wird. Das schützt so­wohl den Fahr­zeug­hal­ter, wenn er selbst fährt, als auch Drit­te, die es mit sei­ner Ein­wil­li­gung tun. Bei der Ge­ne­ra­li et­wa ha­ben „so­wohl Pri­vat­per­so­nen als auch Fir­men­kun­den die Mög­lich­keit, gro­be Fahr­läs­sig­keit in der Voll­kas­ko­ver­si­che­rung ein­zu­schlie­ßen“, sagt der zu­stän­di­ge Ab­tei­lungs­lei­ter Ser­gius Kahr. Und zwar bei Pkw und Lkw bis 1,5 Ton­nen Nutz­last und ge­gen ei­nen Prä­mi­en­zu­schlag von fünf Pro­zent.

Bei der Uni­qa wie­der­um kann man zu­sätz­lich zur Kas­ko ei­ne Zu­satz­de­ckung („Top­pa­ket“) ab­schlie­ßen, dann wird im Scha­dens­fall auf den Ein­wand der gro­ben Fahr­läs­sig­keit ver­zich­tet. Auch hier be­trägt der Auf­schlag fünf Pro­zent, oh­ne Un­ter­schied zwi­schen pri­va­ten und ge­werb­li­chen Ver­trä­gen. Und wie hält es die Al­li­anz da­mit? „Frü­her war der Ver­zicht auf den Ein­wand der gro­ben Fahr­läs­sig­keit bei uns kos­ten­pflich­tig und nur bei be­stimm­ten Fahr­zeu­gen mög­lich. Seit 28. 02. 2019 ist er bei Neu­ver­trä­gen oder bei Fahr­zeug­wech­sel bei al­len Fahr­zeu­gen fix und im Preis in­klu­diert“, ver­lau­tet von dort. Wie der ein­gangs er­wähn­te Fall aus­ge­hen wird, ist üb­ri­gens völ­lig of­fen. Von der Fir­men­che­fin be­kommt der Len­ker Un­ter­stüt­zung: „Ge­schäfts­füh­rer kön­nen sich ge­gen Haf­tungs­ris­ken durch ei­ne D&O-Ver­si­che­rung (Ma­na­ger­haft­pflicht) ab­si­chern“, gibt sie zu be­den­ken. „Für ei­nen Di­enst­neh­mer, der oft nur ei­nen Bruch­teil ver­dient, ist das je­doch nicht mög­lich.“Je­den­falls nicht fürs Len­ken ei­nes Kfz. Denn die gän­gi­gen Pri­vat­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen de­cken sol­che Schä­den nicht.

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