Wie­der ein Knal­ler zum Auf­takt der Lohn­run­de

Ge­häl­ter. Die Wirt­schaft flaut ab, die In­fla­ti­on sinkt – aber für die Ge­werk­schaft ist „Zeit der Ern­te“. Mit ih­rer For­de­rung nach 4,5 Pro­zent mehr Lohn und ei­nem Recht auf die Vier-Ta­ge-Wo­che ern­tet sie bei den Ar­beit­ge­bern nur Un­ver­ständ­nis.

Die Presse - - ECONOMIST - VON JEANNINE HIERLÄNDER

Die Lohn­run­de ist im­mer auch ein biss­chen po­li­tisch. Das dürf­te er­klä­ren, war­um es zum Auf­takt der heu­ri­gen Me­tal­ler­lohn­run­de zu­nächst ziem­lich ent­spannt zu­ging: kei­ne tür­kis-blaue Re­gie­rung mit un­ter­neh­mer­freund­li­cher Agen­da. Und kei­ne von Haus aus auf­ge­brach­te Ge­werk­schaft, die sich des­halb an den Ar­beit­ge­ber­ver­hand­lern ab­ar­bei­tet. „Wenn sich die Ar­beit­ge­ber auf uns freu­en, freu­en wir uns auch“, sag­te Ar­beit­neh­mer-Chef­ver­hand­ler Rai­ner Wim­mer zur Be­grü­ßung. Nur um sei­nem Ge­gen­über we­nig spä­ter eins vor den Latz zu knal­len: Die For­de­rung der Ge­werk­schaft in der heu­ri­gen Me­tal­ler­lohn­run­de hat es in sich. Sie ver­langt für die 195.000 Be­schäf­tig­ten in der Me­tall­in­dus­trie Lohn- und Ge­halts­er­hö­hun­gen von 4,5 Pro­zent, aber min­des­tens 100 Eu­ro. „Es muss ra­scheln“, teil­ten die Chef­ver­hand­ler Wim­mer von der Pro-Ge und Karl Dürt­scher von der Ge­werk­schaft der Pri­vat­an­ge­stell­ten (GPA) den Ar­beit­ge­bern und der Öf­fent­lich­keit mit. Das ist nicht oh­ne – schließ­lich sind sich al­le Wirt­schafts­for­scher ei­nig, dass es mit den wirt­schaft­li­chen Hö­hen­flü­gen erst ein­mal vor­bei ist. Heu­er sinkt das Wachs­tum laut Pro­gno­se von 2,7 auf 1,5 Pro­zent. Die In­fla­ti­on, die ne­ben der Pro­duk­ti­vi­tät als wich­tigs­te Kenn­zahl für die Lohn­run­de gilt, soll von zwei auf 1,6 Pro­zent zu­rück­ge­hen. Die Ge­werk­schaft wischt das vom Tisch. Für sie ist „nach vie­len gu­ten Jah­ren“nun die „Zeit der Ern­te“da. Von ih­rem Ge­gen­über ern­tet sie da­mit nur Kopf­schüt­teln. „Rea­li­täts­fremd“nann­te die For­de­rung Chris­ti­an Knill, der als Ob­mann der Me­tall­tech­ni­schen In­dus­trie für die Ar­beit­ge­ber spricht.

Und an­ge­sichts des For­de­rungs­ka­ta­logs der Me­tal­ler ist klar, dass den Ar­beit­ge­bern nicht nur die ho­he Pro­zent­zahl zu bei­ßen gibt. Die Ge­werk­schaft will für al­le Be­schäf­tig­ten der Bran­che ein Recht auf die VierTa­ge-Wo­che er­strei­ten. Au­ßer­dem ver­langt sie die leich­te­re Er­reich­bar­keit der sechs­ten Ur­laubs­wo­che. Der­zeit kom­men in der Re­gel nur je­ne in den Ge­nuss ei­ner sechs­ten Ur­laubs­wo­che, die min­des­tens 25 Jah­re im sel­ben Be­trieb ar­bei­ten. Künf­tig sol­len Vor­dienst­zei­ten auch nach dem Job­wech­sel groß­zü­gi­ger an­ge­rech­net wer­den.

Vier-Ta­ge-Wo­che und mehr Ur­laub

Die Ar­beit­ge­ber wol­len da­von nichts wis­sen. Ein ein­sei­ti­ges Recht auf die Vier-Ta­ge-Wo­che wer­de es nicht ge­ben, so Knill. Das stell­te am Mon­tag auch Karl­heinz Kopf, Ge­ne­ral­se­kre­tär der Wirt­schafts­kam­mer, klar: „Über sol­che Din­ge wol­len wir ge­nau­so we­nig re­den wie über die sechs­te Ur­laubs­wo­che für al­le“, sag­te er vor Jour­na­lis­ten. Aber die Ge­werk­schaft hat das un­ter Tür­kis-Blau be­schlos­se­ne Ar­beits­zeit­ge­setz, das fall­wei­se bis zu zwölf St­un­den täg­lich und 60 St­un­den wö­chent­lich an Höchst­ar­beits­zeit er­laubt, noch nicht ver­daut. Sie for­dert ei­nen Aus­gleich. Laut Wirt­schafts­kam­mer ist das nicht not­wen­dig – denn es zei­ge sich, „dass sich an der fak­ti­schen Ar­beits­zeit nichts ge­än­dert hat“, sag­te Kopf und be­rief sich auf ei­ne Um­fra­ge im Auf­trag der Kam­mer. 80 Pro­zent der Ar­beit­neh­mer sei­en dem­nach mit dem Aus­maß ih­rer Ar­beits­zeit zu­frie­den.

Be­vor sie zur Ar­beits­zeit kom­men, müs­sen die Ver­hand­ler die Zah­len au­ßer Streit stel­len. Sie se­hen die Welt wie im­mer sehr un­ter­schied­lich: Die Ge­werk­schaft be­ruft sich auf Er­he­bun­gen der Ar­bei­ter­kam­mer, die laut APA 157 Un­ter­neh­men der Bran­che un­ter­sucht hat und die Ge­win­ne „auf ei­nem sehr ho­hen Ni­veau“sieht. Die Ar­beit­ge­ber spre­chen von ei­ner rück­läu­fi­gen Pro­duk­ti­vi­tät und fürch­ten im Fall ei­nes ho­hen Ab­schlus­ses in Kom­bi­na­ti­on mit dem Ab­schwung die Ge­fahr ei­ner „Voll­brem­sung“.

Das Vor­jah­res­er­geb­nis ist je­den­falls nicht zu top­pen: Da schlug die Ge­werk­schaft – Warn­streiks in­klu­si­ve – mit 3,5 Pro­zent den höchs­ten Ab­schluss seit sie­ben Jah­ren her­aus. Da hel­fen ih­nen auch die 80 Be­triebs­rä­te nicht, die Wim­mer und Dürt­scher zur For­de­rungs­über­ga­be in die Wirt­schafts­kam­mer mit­ge­bracht ha­ben – die Back­ground-Tän­zer in ei­ner gut ein­stu­dier­ten Cho­reo­gra­fie.

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