Das Di­lem­ma der Neu­wah­len in der Zei­ten­wen­de

Ei­ne tür­kis-grün-pin­ke Re­gie­rung wä­re für Wis­sen­schaft und Um­welt wohl op­ti­mal, ob sie aber funk­tio­nie­ren kann, darf al­lein ob der Egos der Spit­zen­kan­di­da­ten be­zwei­felt wer­den.

Die Presse - - DEBATTE - Kurt Ko­trschal, Ver­hal­tens­bio­lo­ge i. R. Uni Wien, Wolf Sci­ence Cen­ter Vet-Med-Uni Wien, Spre­cher der AG Wild­tie­re/Fo­rum Wis­sen­schaft & Um­welt. E-Mails an:

W en wäh­len am 29.? Für mich kom­men nur Par­tei­en in Fra­ge, die ei­ne ra­tio­na­le Politik jen­seits von Po­pu­lis­mus und Angst­ma­che be­trei­ben; die Sup­pe ist al­so sehr dünn. Es soll­te ei­ne Par­tei sein, die ver­spricht, viel für die Wis­sen­schaft zu tun und gleich­zei­tig glaub­wür­dig die öko­lo­gi­sche Zei­ten­wen­de ver­kör­pert. Die­se Par­tei gibt es aber nicht.

Wis­sen­schaft und Uni­ver­si­tä­ten düm­pel­ten über die Jahr­zehn­te der schwarz-ro­ten Ko­ali­tio­nen nach dem Mot­to „zu we­nig zum Le­ben, zu viel zum Ster­ben“. Der schwar­zen Reichs­hälf­te un­ter­stel­le ich ein bis heu­te an­dau­ern­des Miss­trau­en ge­gen das freie Den­ken und den Ro­ten blei­ben die eli­tä­ren, ideo­lo­gie­fer­nen Na­tur­wis­sen­schaf­ten schlicht we­sens­fremd. Bru­no Kreis­ky und Her­ta Firn­berg schaff­ten es mit dem UOG 1975, die ver­krus­te­ten Hier­ar­chi­en an den hei­mi­schen Unis auf­zu­bre­chen. Es ging ih­nen da­bei al­ler­dings um ein ge­sell­schafts­po­li­ti­sches Ex­pe­ri­ment mit dem Ziel ei­ner ro­ten Kon­trol­le über die bis­lang schwar­zen Unis. Leis­tungs­ori­en­tie­rung und qua­li­täts­ori­en­tier­te Wis­sen­schaft ent­wi­ckel­ten sich erst Schritt für Schritt mit wei­te­ren Re­for­men an den heu­te teil­rechts­fä­hi­gen Unis. Nüch­tern muss man fest­stel­len, dass die Spit­zen­leis­tun­gen in vie­len Be­rei­chen der hei­mi­schen Wis­sen­schaft schwarz-blau­en Re­gie­run­gen ge­schul­det sind. Ei­nen gro­ßen Sprung nach vorn gab es zu­nächst un­ter Wolf­gang Schüs­sel. Nach ei­nem Jahr­zehnt rot-schwar­zen Still­stands be­gann Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Heinz Faß­mann be­herzt, die größ­ten Lö­cher an den Unis und in der Grund­la­gen­for­schung zu stop­fen. Zu sei­ner für Herbst ge­plan­ten „Ex­zel­lenz­in­itia­ti­ve“kam es dann lei­der nicht mehr. Den­noch kann man auf­grund die­ser Fak­ten nicht emp­feh­len, Blau zu wäh­len, denn mit Schmud­del­kin­dern ist kein Staat zu ma­chen. Viel­ver­spre­chend wä­re Tür­kis in Kom­bi­na­ti­on mit star­ken Ne­os.

Ach ja . . . wa­ren da nicht noch die Er­der­wär­mung, Stick­stoff­kri­se, Ar­ten­ster­ben . . . ? Je­de neue Bun­des­re­gie­rung muss Ös­ter­reich vor al­lem be­herzt in die Öko-Wen­de füh­ren. Ich be­zweif­le aber, ob Tür­kis-Pink dies wol­len und kön­nen. Da­zu brauch­te es die Grü­nen, die sich al­ler­dings in der Ver­gan­gen­heit als Par­tei der klein­li­chen Spaß­brem­sen und lin­ken Bo­bos pro­fi­lier­ten, de­nen Öko-Ro­man­tik, der Kampf ge­gen Adels­ti­tel und in­ter­ne Säu­be­run­gen wich­ti­ger wa­ren als wis­sens­ba­sier­te Ra­tio­na­li­tät, das Ar­ten­ster­ben oder gar die Wis­sen­schaft. Aber viel­leicht än­dert sich das jetzt mit Wer­ner Kog­ler und Co.? War­um die deut­schen Grü­nen er­folg­reich wa­ren, wäh­rend ih­re Kol­le­gen in Ös­ter­reich un­ter­gin­gen? Weil sie kon­se­quent auf Sach­po­li­tik und ex­zel­len­te Man­da­ta­re setz­ten. Das kann doch auch in Ös­ter­reich mög­lich sein.

Ei­ne tür­kis-grün-pin­ke Re­gie­rung wä­re für Wis­sen­schaft und Um­welt op­ti­mal, ob sie aber funk­tio­nie­ren kann, darf al­lein ob der Egos der Spit­zen­kan­di­da­ten be­zwei­felt wer­den. Mitt­ler­wei­le ist die Kli­ma­po­li­tik oh­ne­hin The­ma al­ler Par­tei­en, au­ßer der Blau­en. Ei­gent­lich un­fass­bar, aber die Leu­te wer­den wohl wie­der­um mehr­heit­lich Tür­kis, Rot und Blau wäh­len, ver­spre­chen die­se doch, ih­nen den Kli­ma­pelz zu wa­schen, oh­ne sich da­bei nass zu ma­chen. Ja, al­les muss sich ra­di­kal än­dern, aber bit­te nicht der ei­ge­ne Le­bens­stil. Da­her wer­den wohl die Tritt­brett­fah­rer der Kli­ma­po­li­tik die Mehr­hei­ten be­kom­men. Hof­fent­lich nicht auch noch auf Kos­ten der Wis­sen­schaft.

VON KURT KO­TRSCHAL

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