Der Wunsch vom frei wähl­ba­ren Ko­ali­ti­ons­part­ner

Re­form. Die ÖVP ent­deckt das Mehr­heits­wahl­recht wie­der. Se­bas­ti­an Kurz hat­te schon in der Ver­gan­gen­heit da­für ge­kämpft, dass die stärks­te Par­tei ei­nen Bo­nus er­hält. Das könn­te ne­ben dem Wahl­sie­ger auch klei­ne Par­tei­en stär­ken.

Die Presse - - INLAND - VON PHILIPP AICHINGER

„Oh­ne uns kippt Kurz nach links“, pla­ka­tiert die FPÖ. Grü­ne und Ne­os war­nen hin­ge­gen vor ei­ner Neu­auf­la­ge von Tür­kis-Blau, die SPÖ so­wie­so. Da fast al­le da­von aus­ge­hen, dass Se­bas­ti­an Kurz die Wahl oh­ne­dies ge­win­nen wird, ist be­reits vor dem Ur­nen­gang ein Ren­nen um den Ko­ali­ti­ons­part­ner aus­ge­bro­chen.

Der ÖVP kann das nicht recht sein. Denn so könn­ten Wäh­ler ge­neigt sein, ih­re Stim­me lie­ber ei­ner klei­ne­ren Par­tei zu ge­ben, um so über die Ko­ali­ti­on und die Rich­tung der künf­ti­gen Re­gie­rung mit­zu­ent­schei­den. Es ist al­so vi­el­leicht kein Zu­fall, dass die ÖVP die­ser Ta­ge die Idee des Mehr­heits­wahl­rechts wie­der für sich ent­deckt.

Kurz be­ton­te in der TV-Ele­fan­ten­run­de am Sonn­tag, für ein Mehr­heits­wahl­recht zu sein. Kon­kret wur­de er nicht. Aber ein Blick ins Jahr 2015 zeigt, in wel­che Rich­tung Kurz ge­hen möch­te. Be­reits da­mals woll­te er – noch als Au­ßen­mi­nis­ter und als Ob­mann der Jun­gen ÖVP – das Par­tei­pro­gramm än­dern. Kurz und sei­ne jun­gen Mit­strei­ter plan­ten, die ÖVP vom „min­der­hei­ten­freund­li­chen Mehr­heits­wahl­recht“zu über­zeu­gen.

Die stim­men­stärks­te Par­tei, so die Idee, soll au­to­ma­tisch 91 Man­da­te (ei­nes we­ni­ger als die ab­so­lu­te Mehr­heit) er­hal­ten. Die üb­ri­gen Man­da­te wür­den auf die an­de­ren Par­tei­en, die den Par­la­ment­s­ein­zug ge­schafft ha­ben, nach dem Stimm­ver­hält­nis auf­ge­teilt wer­den. Das hät­te den Vor­teil, dass der Wahl­sie­ger sich je­de an­de­re Frak­ti­on als Ko­ali­ti­ons­part­ner aus­su­chen kann. „Das jet­zi­ge Wahl­recht neigt da­zu, dass Ko­ali­ti­ons­va­ri­an­ten ent­ste­hen, die sich ge­gen­sei­tig blo­ckie­ren“, hat­te Kurz da­mals den Plan be­grün­det.

Doch um die­ses Wahl­recht im ÖVP-Pro­gramm zu ver­an­kern, hät­te es am Par­tei­tag ei­ner Zwei-Drit­tel-Mehr­heit be­durft. Die­se ver­fehl­te Kurz um ei­ne ein­zi­ge Stim­me. Als sein Kon­tra­red­ner war der frü­he­re Na­tio­nal­rats­prä­si­dent Andreas Khol auf­ge­tre­ten, der die Idee zu we­nig de­mo­kra­tisch fand. Denn Par­tei­en müss­ten sich ih­re Man­da­te bei den Wäh­lern ver­die­nen, ap­pel­lier­te er. Über­dies warn­te Khol da­vor, dass das Mehr­heits­wahl­recht aus da­ma­li­ger Sicht die SPÖ be­güns­tigt hät­te. So hät­te sie 40 Man­da­te da­zu­be­kom­men, die ÖVP 20 ver­lo­ren. „Wollt ihr das?!“, frag­te Khol in den Saal.

Ähn­lich re­agier­te die ÖVP, als der frü­he­re SPÖ-Kanz­ler Chris­ti­an Kern An­fang 2017 ei­nen (klei­ne­ren) Man­dats­bo­nus für die stim­men­stärks­te Par­tei wünsch­te. „Das ist ein Mo­dell für den star­ken Mann. Das kann doch de­mo­kra­tie­po­li­tisch nicht ge­wollt sein“, ent­geg­ne­te der da­ma­li­ge ÖVP-Klub­chef Rein­hold Lo­pat­ka.

Heu­te dürf­te die Angst vor ei­ner SPÖ-Mehr­heit in der tür­ki­sen Frak­ti­on nicht mehr so stark aus­ge­prägt sein. Man darf auch an­neh­men, dass Se­bas­ti­an Kurz in­zwi­schen sei­nen An­trag für ein Mehr­heits­wahl­recht auf ei­nem Par­tei­tag durch­be­kom­men wür­de. Und doch ste­hen die Chan­cen auf ein Mehr­heits­wahl­recht schlecht. Denn da­für wür­de es ei­ner Ver­fas­sungs­än­de­rung be­dür­fen.

Die SPÖ lehnt nach En­de der Ära Kern ein sol­ches wie­der deut­lich ab, auch die an­de­ren Frak­tio­nen ha­ben da­mit kei­ne Freu­de. Für ei­ne Re­form wä­ren noch am ehes­ten die Ne­os. Sie wol­len aber ein an­de­res Mo­dell: 60 Pro­zent der Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten sol­len di­rekt im Wahl­kreis ge­wählt wer­den, der Rest über Par­tei­lis­ten in den Na­tio­nal­rat kom­men.

Die Idee, die Wahl­krei­se zu stär­ken, hat­te auch der eins­ti­ge ÖVPChef Jo­sef Pröll, der 2008 das bri­ti­sche Mehr­heits­wahl­recht für Ös­ter­reich an­dach­te. In die­sem er­hält nur der je­weils stim­men­stärks­te Kan­di­dat in ei­nem Wahl­kreis ein Man­dat und sonst nie­mand. Das wä­re ein Sys­tem, in dem sich klei­ne Par­tei­en schwer­tun wür­den. Wäh­rend sie bei dem Plan von Se­bas­ti­an Kurz mäch­ti­ger wer­den wür­den, weil es je­de in die Re­gie­rung schaf­fen könn­te. Ge­stärkt wür­de aber auch der Wahl­sie­ger (al­so wohl Kurz), weil er sich un­ter al­len Par­tei­en die­je­ni­ge her­aus­su­chen könn­te, die für ei­ne Ko­ali­ti­on am we­nigs­ten for­dert.

All das sind aber nur Ge­dan­ken­spie­le, da die für ei­ne Re­form des Wahl­rechts nö­ti­ge Zwei-Drit­tel-Mehr­heit au­ßer Reich­wei­te ist. Und so wird es wei­ter vom Stim­m­er­geb­nis ab­hän­gen, wel­che Ko­ali­tio­nen sich über­haupt aus­ge­hen.

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