Der lan­ge Schat­ten des Dik­ta­tors Fran­co

Spa­ni­en. Die Lei­che des „Cau­dil­lo“darf um­ge­bet­tet wer­den. Der Streit wirft ein Schlag­licht auf das schwie­ri­ge Ver­hält­nis zum Fran­quis­mus.

Die Presse - - AUSLAND - VON SUSANNA BASTAROLI

Fran­cis­co Fran­co muss sei­ne mo­nu­men­ta­le Ru­he­stät­te ver­las­sen. Nach jah­re­lan­gen Strei­te­rei­en und his­to­ri­schen Deu­tungs­kämp­fen setz­ten sich nun doch die So­zia­lis­ten durch: Die sterb­li­chen Über­res­te des fa­schis­ti­schen Dik­ta­tors, der Spa­ni­en vom En­de des Bür­ger­krie­ges 1939 bis zu sei­nem Tod 1975 re­gier­te, dür­fen um­ge­bet­tet wer­den. Da­mit wird ei­nem zen­tra­len Aspekt des Fran­co-Kul­tes ein En­de ge­setzt.

Die Rich­ter des Obers­ten Ge­richts­ho­fes bil­lig­ten am Di­ens­tag den Wunsch der so­zia­lis­ti­schen Re­gie­rung von Pre­mier Pe­dro San-´ chez, Fran­cos Sarg aus der Gruft im Tal der Ge­fal­le­nen na­he Ma­drid in ei­nen Fried­hof am Rand der Haupt­stadt zu über­füh­ren. Ein­stim­mig ab­ge­lehnt wur­de ein An­trag der Fran­co-An­ge­hö­ri­gen: Sie hat­ten ge­for­dert, dass wenn es schon zur Ex­hu­mie­rung kom­men müs­se, der Leich­nam in das pri­va­te Fa­mi­li­en­grab in der Al­mu­de­na Ka­the­dra­le, im Zen­trum von Ma­drid, ver­legt wer­den sol­le. We­gen der Be­ru­fung der Fa­mi­lie war die ur­sprüng­lich für Ju­ni ge­plan­te Ex­hu­mie­rung ge­stoppt wor­den.

Das Ur­teil stellt ei­ne his­to­ri­sche Zä­sur dar. Denn das mo­nu­men­ta­le Mau­so­le­um im Val­le de los Ca´ıdos ist seit Jahr­zehn­ten ein Wall­fahrts­ort für rech­te Nost­al­gi­ker. Am 20. No­vem­ber, am To­des­tag des Dik­ta­tors, pil­gern je­des Jahr Cau­dil­lo-Fans zur Ge­denk­stät­te, vie­le mit Fah­nen aus der Fran­co-Zeit, die ei­gent­lich ver­bo­ten sind. Der Dik­ta­tor höchst­per­sön­lich ließ sein Mau­so­le­um er­rich­ten und über­wach­te des­sen Fer­tig­stel­lung. Sein Gr­ab steht im Schat­ten ei­nes 150 Me­ter ho­hen St­ein­kreu­zes.

Seit Jah­ren po­chen die So­zia­lis­ten dar­auf, die­ser Fran­co-Ver­eh­rung ein En­de zu set­zen. Zu­mal sie auch schmer­zen­de Wun­den of­fen­legt: Im Tal der Ge­fal­le­nen sind rund 34.000 To­te aus dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg (1936 bis 39) be­er­digt, dar­un­ter vie­le Ge­bei­ne von Op­fern des „Ge­ne­ra­lis­si­mo“. Sie wa­ren in den 1950er-Jah­ren oh­ne Be­nach­rich­ti­gung der An­ge­hö­ri­gen in den Stol­len ge­bracht wor­den.

In den letz­ten Jah­ren wur­den Mas­sen­grä­ber ge­öff­net, um die Op­fer des Dik­ta­tors zu iden­ti­fi­zie­ren und die Leich­na­me den Fa­mi­li­en zu­rück­zu­ge­ben: Doch oft wur­de nur ein Fin­ger ge­fun­den. Die rest­li­chen Lei­chen­tei­le wa­ren ins Tal der Ge­fal­le­nen ge­bracht wor­den. An­ge­hö­ri­ge der Fran­co-Op­fer hof­fen nun, die Ge­bei­ne ih­rer to­ten An­ge­hö­ri­gen in der Val­le de los Ca´ıdos ex­hu­mie­ren zu dür­fen.

Geg­ner der Fran­co-Um­bet­tung un­ter­strei­chen, dass das Mau­so­le­um ein Ort der Ver­söh­nung sei und al­le Op­fer des Bür­ger­krie­ges (1936-39) eh­ren soll. Die an­de­re Sei­te weist aber dar­auf hin, dass im „Val­le de los Ca´ıdos“nur zwei Grä­ber ei­ne In­schrift ha­ben: Das von Fran­co und das von Jo­se´ An­to­nio Pri­mo de Ri­ve­ra, des Grün­ders der fa­schis­ti­schen Fal­an­ge-Par­tei.

Der Streit um Fran­cos Lei­che wirft ein Schlag­licht auf das schwie­ri­ge Ver­hält­nis Spa­ni­ens zu sei­ner jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Die Fran­coZeit wur­de nie wirk­lich auf­ge­ar­bei­tet, man spricht von ei­nem in­of­fi­zi­el­lem „Pakt des Ver­ges­sens“wäh­rend der lan­gen de­mo­kra­ti­schen Tran­si­ti­ons­pha­se nach 1975. Ein Am­nes­tie-Ge­setz von 1977 et­wa ver­hin­dert ei­ne recht­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit Ver­bre­chen aus der Fran­co-Zeit. Die letz­te Fran­coSta­tue wur­de erst En­de 2008 ent­fernt, bis da­hin stand sie mit­ten auf ei­nem zen­tra­len Platz der nord­spa­ni­schen Ha­fen­stadt Santan­der. Und 100.000 Op­fer des Fran­quis­mus sind wei­ter­hin un­iden­ti­fi­ziert.

Vor al­lem aber ist die Re­zep­ti­on der Fran­co-Ära stark po­li­tisch ge­färbt – und spal­tet nach wie vor das Land. Lan­ge Schat­ten wirft Spa­ni­ens Bür­ger­krieg zwi­schen der ge­wähl­ten Re­gie­rung der zwei­ten Re­pu­blik und Fran­cos Na­tio­na­lis­ten, die 1939 sieg­ten. Hun­dert­tau­sen­de star­ben.

Die So­zia­lis­ten se­hen sich als Nach­fah­ren der Re­pu­bli­ka­ner, wäh­rend im rechts­kon­ser­va­ti­ven

[ AFP ]

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