Das Buch „So­dom“bie­tet dras­ti­sche Ein­bli­cke in die „größ­te ho­mo­se­xu­el­le Com­mu­ni­ty der Welt“: den Va­ti­kan.

De­bat­te.

Die Presse - - WELTJOURNA­L - VON ANNE-CA­THE­RI­NE SI­MON

Pri­vat hat sich der Papst schon ge­äu­ßert: „So­dom“sei ein gu­tes Buch, sag­te er Me­di­en zu­fol­ge ei­nem la­tein­ame­ri­ka­ni­schen An­walt. Und bei vie­len der er­wähn­ten Pries­ter ha­be er be­reits ge­wusst, dass sie ho­mo­se­xu­ell sei­en. Vier Jah­re lang hat der 51-jäh­ri­ge fran­zö­si­sche Jour­na­list und ho­mo­se­xu­el­le Ak­ti­vist Fred´eric´ Mar­tel über Ho­mo­se­xua­li­tät in der Kir­che, vor al­lem im Va­ti­kan, re­cher­chiert. „So­dom“er­scheint die­ser Ta­ge in vie­len Län­dern, auf Deutsch am heu­ti­gen Mitt­woch.

„Der Va­ti­kan ist ei­ne der größ­ten ho­mo­se­xu­el­len Com­mu­ni­tys der Welt“, schreibt Mar­tel, „die gro­ße Mehr­heit im Va­ti­kan ist schwul“. Im Ge­spräch mit der „Pres­se“nennt er das noch un­ter­trie­ben. Ho­mo­se­xua­li­tät, heim­lich prak­ti­ziert oder un­ter­drückt, sei im Kar­di­nals­kol­le­gi­um, im Va­ti­kan über­haupt die Norm. Sie er­klä­re vie­le Seil­schaf­ten und Kar­rie­re­ver­läu­fe: „Je nä­her man dem Al­ler­hei­ligs­ten kommt, des­to mehr Schwu­le wer­den es.“Und vie­le von ih­nen wür­den am kirch­li­chen Keusch­heits­ge­bot schei­tern. Ein Sys­tem der Dop­pel­mo­ral und Heu­che­lei klagt Mar­tel an. Er und sei­ne Hel­fer ha­ben mit un­zäh­li­gen Men­schen – 1500, heißt es im Buch – in und au­ßer­halb des Va­ti­kans ge­re­det. Ihr Bild setzt sich aus de­ren Aus­sa­gen zu­sam­men. Zu den Ge­sprächs­part­nern ge­hör­ten Kar­di­nä­le und ih­re Mit­ar­bei­ter eben­so wie ein ru­mä­ni­scher Pro­sti­tu­ier­ter am Bahn­hof Ro­ma Ter­mi­ni, der be­haup­tet, so­fort zu er­ken­nen, ob ein Frei­er ein Pries­ter sei.

Er sei er­staunt ge­we­sen, wie be­reit­wil­lig, ja gern im Va­ti­kan vie­le mit ihm ge­re­det hät­ten, sagt Mar­tel. Viel Klatsch und Tratsch ist da­bei, et­wa über heim­li­che Be­su­cher und über Lieb­ha­ber, die als Ver­wand­te aus­ge­ge­ben wer­den; schwer zu zie­hen ist die Gren­ze zwi­schen Wahr­heit und blo­ßem Ge­rücht.

Da­bei wim­melt es auf­fäl­lig von Zah­len am An­fang des Buchs – dort, wo die Re­de ist von der An­zahl der Spra­chen, in die das Buch über­setzt wur­de, der Län­der, in de­nen es ver­öf­fent­licht wur­de, der An­zahl der be­frag­ten Per­so­nen et ce­te­ra. Vi­el­leicht auch, weil der Rest des Buchs ge­nau das nicht bie­ten kann? Zah­len, Sta­tis­ti­ken könn­te, wenn über­haupt, nur die Kir­che selbst lie­fern.

Nein, „So­dom“ist kein Buch der Hard Facts, der Be­wei­se – um­so mehr sug­ge­riert Mar­tel das, et­wa in­dem er Ver­all­ge­mei­ne­run­gen als „Re­geln von So­dom“prä­sen­tiert, wie: „Je ho­mo­pho­ber ein Prä­lat ist, des­to wahr­schein­li­cher ist er ho­mo­se­xu­ell.“Als Pa­ra­de­fall da­für sieht er den ame­ri­ka­ni­schen Kar­di­nal Ray­mond Leo Bur­ke, Wort­füh­rer der kon­ser­va­ti­ven Op­po­si­ti­on ge­gen den – von Mar­tel viel ge­lob­ten – Papst Fran­zis­kus: „In ei­nem wah­ren Over­kill an wei­ßen Rü­schen oder in ei­nem lan­gen Man­tel, der wie ein Mor­gen­rock aus­sieht“, pran­ge­re die­ser ei­ne „stark fe­mi­ni­sier­te Kir­che“an.

Und den­noch: So vie­le Mo­sa­ik­stein­chen kön­nen gar nicht un­echt sein, dass die rest­li­chen nicht den­noch ein aus­rei­chen­des Bild der Rea­li­tät er­ge­ben, ein dras­ti­sches kirch­li­ches Sit­ten­bild. Wie wuch­tig das Phä­no­men ist, dar­über lässt sich mit dem Au­tor strei­ten, nicht aber dar­über, dass es wuch­tig ist. „Man­che re­agie­ren auf mein Buch, in­dem sie sa­gen, das ist doch eh be­kannt“, sagt Mar­tel. „Aber wenn es be­kannt ist, war­um hat es dann noch kei­ner ge­schrie­ben?“

Mar­tel, zu­gleich Ent­hül­lungs­jour­na­list und Ak­ti­vist, spielt al­ler­dings sti­lis­tisch ein heik­les Spiel – et­wa mit dem aus­gie­big ein­ge­setz­ten bi­bli­schen Bild von So­dom, die­ser Chif­fre für Aus­schwei­fung und Sün­de, die Mar­tel ge­gen die Kir­che wen­det („Der Papst lebt in So­dom“, heißt es ein­mal pla­ka­tiv). Es hat auch et­was Ge­nüss­li­ches, wie Er­zäh­lun­gen über das heim­li­che Lie­bes­le­ben der Kir­chen­män­ner aus­ge­brei­tet wer­den. Ob er es will oder nicht, Mar­tel klärt hier nicht nur auf, er be­dient auch Voy­eu­ris­mus, ja Ho­mo­pho­bie.

Min­des­tens Letz­te­res steht im Ge­gen­satz zur Ab­sicht die­ses Buchs. Mar­tel will nicht ho­mo­se­xu­el­le Pries­ter kri­ti­sie­ren. Er ver­gisst auch nicht zu er­klä­ren, war­um der Va­ti­kan einst so vie­le Schwu­le an­zog – dass ei­ne Pries­ter­lauf­bahn die so­zia­le Zuflucht für jun­ge Män­ner war, de­ren se­xu­el­le Nei­gung in der Ge­sell­schaft nicht ak­zep­tiert wur­de. „Die meis­ten Män­ner, um die es hier geht, sind schon ziem­lich alt“, be­tont er im Ge­spräch. „Man ver­steht sie nicht mit der Kul­tur von 2019, son­dern mit der von 1940.“Für ihn ist das En­de des Zö­li­bats die ein­zi­ge Lö­sung – auch für das Über­le­ben der Kir­che. „In Frank­reich ster­ben je­des Jahr 800 Pries­ter, 50 kom­men nach. Wir er­le­ben den Sui­zid ei­ner In­sti­tu­ti­on.“

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