Wir brau­chen kein DDR-Recht

Ei­ner neu­en Re­gie­rung wird sein, die Jus­tiz- und Si­cher­heits­be­hör­den rechts­staats­kon­form fit zu ma­chen.

Die Presse - - DEBATTE - VON GE­ORG VETTER Dr. Ge­org Vetter (ge­bo­ren 1962 in Wi­en) ist Rechts­an­walt und Prä­si­dent des Clubs un­ab­hän­gi­ger Li­be­ra­ler.

Im Par­la­ment soll die­ser Ta­ge das Ver­eins­recht da­hin ge­hend ge­än­dert wer­den, dass staats­feind­li­che Ver­bin­dun­gen un­ab­hän­gig von ei­nem Ver­stoß ge­gen das Straf­recht un­ter­sagt wer­den kön­nen. We­gen der ma­jes­tä­ti­schen Gleich­heit des Rechts wä­ren sol­che Ver­bots­be­stim­mun­gen nicht nur auf rechts­ex­tre­mis­ti­sche, son­dern auch auf links­ex­tre­mis­ti­sche und is­lamex­tre­mis­ti­sche Ver­bin­dun­gen an­wend­bar. Vi­el­leicht ist dies auch ins­ge­heim be­ab­sich­tigt.

Da­bei hat un­ser Land auch ganz hand­fes­te de­mo­kra­tie­po­li­ti­sche Pro­ble­me. Ei­ner­seits ist die Re­gie­rung eben erst durch ei­ne kri­mi­nel­le Vi­deo­fal­le ge­stürzt wor­den, an­de­rer­seits wur­de die ÖVP Op­fer ei­nes Ha­cker­an­griffs, der die Wah­len be­ein­flus­sen soll. Ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en müss­ten in bei­den Fäl­len zu­sam­men­ste­hen und ein­hel­lig sol­che An­grif­fe auf die De­mo­kra­tie ver­ur­tei­len – an­statt scha­den­froh wech­sel­sei­tig auf die Ge­schä­dig­ten zu schie­len und ih­nen den Spott hin­ter­her­zu­schi­cken. Wenn die­se Me­tho­den Schu­le ma­chen und ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert wer­den, tau­chen wir in ein Zeit­al­ter des di­gi­ta­len Faust­rechts ein. Das kann auch nicht im In­ter­es­se der mit­spie­len­den Auf­klä­rungs­me­di­en sein. Denn frü­her oder spä­ter wer­den in so ei­ner At­mo­sphä­re auch ih­re Ser­ver, Mo­bil­te­le­fo­ne und Lap­tops An­griffs­zie­le sein, wo­mit das Re­dak­ti­ons­ge­heim­nis sich de fac­to ge­nau­so auf­löst wie sich das Amts­ge­heim­nis der Er­mitt­lungs­be­hör­den be­reits auf­ge­löst hat.

Noch drin­gen­der als ei­ne de­mo­kra­tie­po­li­ti­sche So­li­da­ri­tät der staats­tra­gen­den Par­tei­en brau­chen wir kom­pe­ten­te Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten in den Si­cher­heits­mi­nis­te­ri­en. Für den sorg­fäl­ti­gen Um­gang mit der Macht und die an­ste­hen­den Her­ku­les­auf­ga­ben be­nö­ti­gen wir gleich meh­re­re Chur­chills, zu­min­dest ei­nen für das an­ge­schla­ge­ne In­nen­mi­nis­te­ri­um (Stich­wort BVT) und ei­nen für das an­ge­schla­ge­ne Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um (Stich­wort stil­ler Tod).

So ge­hört die amts­miss­bräuch­li­che Pra­xis im Po­li­zei­ap­pa­rat ab­ge­stellt, dass Pro­to­kol­le ei­ner Ver­neh­mung kurz dar­auf se­lek­tiv an die Me­di­en ge­spielt wer­den. Ei­ne sol­che Pra­xis ist die rechts­staat­lich be­denk­li­che Auf­for­de­rung an Be­schul­dig­te, vor je­der po­li­zei­li­chen Ein­ver­nah­me ei­ne Pres­se­kon­fe­renz zu ge­ben, da­mit die­se den ei­ge­nen Ein­fluss auf die me­dia­le Be­richt­er­stat­tung wah­ren kön­nen.

Der Schlen­dri­an hat aber auch die Jus­tiz selbst er­fasst: So wer­den Haus­durch­su­chun­gen neu­er­dings stam­pi­gli­en­mä­ßig un­ter Hin­weis auf die von der Staats­an­walt­schaft nam­haft ge­mach­ten Grün­de be­wil­ligt. Das ist nicht im Sinn des Er­fin­ders. Je­der Rich­ter soll sich mit der­ar­ti­gen Grund­rechts­ein­grif­fen ein­ge­hend be­schäf­ti­gen und da­her auch ei­ne ei­gen­stän­di­ge Be­grün­dung for­mu­lie­ren. Bei ei­ner der­ar­ti­gen Rou­ti­ne ver­wun­dert nicht, dass zahl­rei­che Haus­durch­su­chungs­be­feh­le von den Rechts­mit­tel­in­stan­zen als rechts­wid­rig kas­siert wur­den. Dass es in sol­chen Fäl­len kein Ver­bot der Be­weis­mit­tel­ver­wer­tung gibt, ist ein le­gis­ti­sches Är­ger­nis und ei­nes Rechts­staa­tes un­wür­dig.

Die ers­te Auf­ga­be der neu­en Re­gie­rung wird es da­her sein, die Jus­tiz- und Si­cher­heits­be­hör­den rechts­staats­kon­form fit zu ma­chen. Ver­ei­ne mit ex­tre­men Vor­stel­lun­gen wird die li­be­ra­le De­mo­kra­tie im Rah­men der Men­schen­rech­te aus­hal­ten. Sie mit dehn­ba­ren Be­grif­fen in die Il­le­ga­li­tät zu drän­gen wä­re ein staats­po­li­ti­scher Feh­ler. An­statt in die ju­ris­ti­sche Trick­kis­te der DDR zu grei­fen, soll­te sich un­ser Staat lie­ber um je­ne kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen küm­mern, die es auf un­se­re De­mo­kra­tie ab­ge­se­hen ha­ben.

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