„Die­ses Par­la­ment ist tot“

Groß­bri­tan­ni­en. Wäh­rend die Ab­ge­ord­ne­ten nach West­mins­ter zu­rück­kehr­ten, mach­te John­sons Re­gie­rung aus ih­rer Feind­se­lig­keit ge­gen­über dem Un­ter­haus kein Ge­heim­nis.

Die Presse - - AUSLAND - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten GA­B­RI­EL RATH

Wer von der bri­ti­schen Re­gie­rung in der ers­ten Sit­zung nach Rück­nah­me der Zwangs­be­ur­lau­bung des Par­la­ments Tö­ne der Reue oder des Ent­ge­gen­kom­mens er­war­tet hat­te, wur­de ent­täuscht. Nach sei­ner vor­zei­ti­gen Rück­kehr von der UN-Ge­ne­ral­ver­samm­lung in New York nach Lon­don ließ Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son ges­tern, Mitt­woch, zu­nächst dem höchs­ten Ju­ris­ten sei­ner Re­gie­rung den Vor­tritt: „Die­ses Par­la­ment ist ei­ne Schan­de“, don­ner­te Ge­ne­ral­an­walt Ge­off­rey Cox.

Auf der an schil­lern­den Gestal­ten oh­ne­hin nicht ar­men Büh­ne des bri­ti­schen Un­ter­hau­ses ist Cox ei­ner der her­aus­ra­gends­ten Darstel­ler. Mit dra­ma­ti­schem Tre­mo­lo pflegt er in so­no­rem Bass ge­wal­ti­gen Thea­ter­don­ner aus­zu­lö­sen. Ei­ne Ent­schul­di­gung für die vom Höchst­ge­richt am Vor­tag ein­stim­mig als „ge­set­zes­wid­rig und un­gül­tig“auf­ge­ho­be­ne Par­la­ments­be­ur­lau­bung von fünf Wo­chen ver­wei­ger­te Cox aus­drück­lich: „Die Re­gie­rung hat in gu­ter Ab­sicht ge­han­delt“, da man die Su­s­pen­die­rung des Par­la­ments als „ge­set­zesund ver­fas­sungs­kon­form“an­ge­se­hen ha­be.

Sein Feu­er rich­te­te Cox al­so ge­gen die Ab­ge­ord­ne­ten: „Die­ses Par­la­ment ist ei­ne Schan­de“und ha­be „kein mo­ra­li­sches Recht mehr zu­sam­men­zu­tre­ten“, wü­te­te er in Er­wi­de­rung auf die Auf­for­de­rung des Ab­ge­ord­ne­ten Ro­ry Ste­wart, zu be­stä­ti­gen, dass die Re­gie­rung „die Sou­ve­rä­ni­tät des Par­la­ments“an­er­ken­ne: „Die­ses Par­la­ment ist tot“, pol­ter­te Cox. Die Op­po­si­ti­on, die be­reits zwei Mal ei­nen Neu­wahl­an­trag ab­ge­lehnt hat, sei ei­ne „rück­grat­lo­se Ban­de von Feig­lin­gen“.

Cox gab da­mit die Rich­tung für John­son vor, der sich erst am Abend an die Ab­ge­ord­ne­ten wen­den soll­te. Schon vor sei­ner über­stürz­ten Abrei­se aus New York sag­te er in die lau­fen­den Ka­me­ras: „Gebt mir ei­ne Neu­wahl.“Ein wei­te­rer An­trag wur­de noch im Ver­lauf der gest­ri­gen Sit­zung er­war­tet. Der Hun­ger der Ab­ge­ord­ne­ten nach Kon­fron­ta­ti­on mit der Re­gie­rung war da­mit noch nicht ge­stillt: 40 An­trä­ge auf dring­li­che An­fra­gen wur­den ge­stellt, nur zwei wur­den zu­ge­las­sen.

Die Chan­cen für Neu­wah­len, wie sie die Re­gie­rung wünscht, blie­ben un­ver­än­dert ge­ring. La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn be­ton­te, die füh­ren­de Op­po­si­ti­ons­par­tei sei „zu Wah­len be­reit“, gab aber zu ver­ste­hen, dass es nicht mehr in der Macht des Pre­mier­mi­nis­ters lie­ge, den Zeit­punkt zu be­stim­men: „Un­se­re Prio­ri­tät ist es, zu­erst ei­nen No-De­al-Br­ex­it zu ver­hin­dern.“

Die Li­be­ral­de­mo­kra­ten ga­ben zu er­ken­nen, dass sie nur bei ei­ner wei­te­ren Ver­schie­bung des Br­ex­it ei­ner Auf­lö­sung des Par­la­ments zu­stim­men wür­den. Cox räumt ein, dass die Re­gie­rung ein Ge­setz, das sie zum An­su­chen um ei­ne Ver­län­ge­rung zwingt, ein­hal­ten wird. John­son hat­te sich das bis­her stets of­fen­ge­hal­ten und den Br­ex­it am 31. Ok­to­ber „um je­den Preis“an­ge­kün­digt.

Der Ruf der Scot­tish Na­tio­nal Par­ty nach ei­nem Miss­trau­ens­an­trag fand we­nig Zu­stim­mung: „Lasst John­son zap­peln“, emp­fahl der un­ab­hän­gi­ge Ab­ge­ord­ne­te Nick Bo­les, der vie­le Jah­re die Kon­ser­va­ti­ven ver­tre­ten hat­te. In sei­ner ehe­ma­li­gen Par­tei do­mi­nie­ren nun Hard­li­ner wie Ste­ven Ba­ker, der Cox Par­la­ments­be­schimp­fung als „her­vor­ra­gend“pries.

Die Stra­te­gie der Füh­rung ist es nun, das Par­la­ment als Blo­ckie­rer des Volks­wil­lens zu be­schä­di­gen. Der Schlacht­ruf „Die­ses Par­la­ment ist tot“, sorg­te bei der Op­po­si­ti­on für rie­si­ge Em­pö­rung. Doch das Kal­kül der Re­gie­rung ist of­fen­sicht­lich: Die rechts­wid­ri­ge Par­la­ments­sus­pen­die­rung soll gleich­sam als un­be­deu­tend dar­ge­stellt wer­den, in­dem sie mit der Blo­cka­de des Br­ex­it durch die Ab­ge­ord­ne­ten kon­tras­tiert wird.

Die nach we­ni­gen Wo­chen aus Pro­test ge­gen John­sons Po­li­tik zu­rück­ge­tre­te­ne Ex-So­zi­al­mi­nis­te­rin Amber Rudd sag­te: „Ich war­ne Sie vor ei­nem Sze­na­rio ,Das Volk ge­gen das Par­la­ment‘“. Die Spal­tung des Par­la­ments spieg­le nichts an­de­res wi­der als die „tie­fe Tei­lung, die sich durch das Land, die Ge­mein­den und die Fa­mi­li­en“zie­he.

Dass die Tak­tik „Das Volk ge­gen das Par­la­ment“sehr wohl auf­ge­hen könn­te, meint hin­ge­gen der Po­pu­lis­mus-For­scher Mat­t­hew Good­win: „Es gibt je­de Men­ge Wäh­ler, die das Ur­teil des Höchst­ge­richts als ein Hin­der­nis bei der Um­set­zung von et­was se­hen, das sie vor drei Jah­ren ent­schie­den ha­ben.“Dies könn­te John­sons „Lang­zeit­stra­te­gie“nüt­zen.

Am Par­tei­tag der To­ries wird er ab Sonn­tag sei­ne Trup­pen mo­bi­li­sie­ren. Vie­le re­den da­von, dass nur ein Kom­pro­miss die Kri­se lö­sen kann. Doch die Re­gie­rung hat die Fron­ten ver­här­tet wie noch nie.

[ Reuters ]

Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son kehr­te vor­zei­tig aus New York zu­rück nach Lon­don und stell­te sich den Ab­ge­ord­ne­ten.

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