Hö­he­re Stra­fen, mehr Prä­ven­ti­on

Ge­set­zes­be­schluss. Das um­strit­te­ne Pa­ket für mehr Schutz vor Ge­walt hat den Na­tio­nal­rat pas­siert. Da­mit wird nicht nur für be­trof­fe­ne Frau­en ei­ni­ges an­ders – auch für Ärz­te, Psy­cho­the­ra­peu­ten und Op­fer von Woh­nungs­ein­brü­chen.

Die Presse - - ÖSTERREICH - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Wi­en. Frau­en, re­gungs­los auf dem St­ein­pflas­ter des Jo­sefs­plat­zes lie­gend, ih­re wei­ßen Ge­wän­der und teils so­gar die Ge­sich­ter sind mit ro­ter Flüs­sig­keit ver­schmiert. In der Mit­te ei­ne Kar­ton­kis­te, Auf­schrift „Ge­walt­schutz­pa­ket“, rings­um ste­hen Frau­en mit Schil­dern, auf de­nen et­wa „Zu­sam­men­ar­beit mit Ex­per­tin­nen statt Po­pu­lis­mus“, „Frau­en ver­trau­en statt vic­tim blai­ming“oder „Mehr Ver­ur­tei­lun­gen statt hö­he­rem Straf­maß“stand. Mit die­ser Ak­ti­on am Mitt­woch­mor­gen auf dem Are­al der Hof­burg, dem ak­tu­el­len Sitz des Na­tio­nal­rats, woll­ten meh­re­re Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen noch ein­mal ih­ren Pro­test ge­gen das Ge­set­zes­pa­ket zum Ge­walt­schutz kund­tun. Die­ses wur­de von der frü­he­ren ÖVP-FPÖ-Re­gie­rung vor ei­ni­gen Mo­na­ten ge­schnürt, bis es am Mitt­woch im Na­tio­nal­rat be­schlos­sen wur­de, soll­te es aber bis in den Abend dau­ern.

Schließ­lich wur­den zu­letzt, nach­dem auf Kri­tik et­wa durch Rich­ter­ver­ei­ni­gung, Rechts­an­walts­kam­mer, Ge­walt­schutz­zen­tren, aber auch durch die SPÖ, Ne­os, Lis­te Jetzt und Grü­ne nicht ein­ge­gan­gen wor­den war, noch Abän­de­rungs­an­trä­ge der frü­he­ren Re­gie­rungs­par­tei­en ein­ge­bracht, et­wa bei der An­zei­ge­pflicht. In Kraft tre­ten sol­len die Ge­set­zes­än­de­run­gen mit 1. Jän­ner 2020. Was sich da­mit än­dern soll – ein Über­blick.

Straf­recht

Das neue Ge­set­zes­pa­ket sieht ei­ne Rei­he von Er­hö­hun­gen von Straf­dro­hun­gen vor – und das teil­wei­se ge­gen den Rat der aus Ex­per­ten be­ste­hen­den „Task Force“, die die Ex-Re­gie­rung zum The­ma bei­ge­zo­gen hat­te. Für Ver­ge­wal­ti­gung soll die Min­dest­stra­fe von ei­nem auf zwei Jah­re er­höht und ei­ne gänz­lich be­ding­te Stra­fe aus­ge­schlos­sen wer­den. Die Höchst­stra­fe bleibt bei zehn Jah­ren. Die schon bis­her gel­ten­den er­höh­ten Stra­fen bei Ge­walt­ta­ten ge­gen un­mün­di­ge Per­so­nen sol­len künf­tig auch bei au­ßer­ge­wöhn­lich bru­ta­len Ta­ten oder bei sol­chen ge­gen be­son­ders schutz­be­dürf­ti­ge Per­so­nen gel­ten.

Fort­ge­setz­te Ge­walt­aus­übung ge­gen Un­mün­di­ge soll künf­tig mit ein bis zehn Jah­ren (statt sechs Mo­na­ten bis fünf Jah­ren) Haft be­straft wer­den. Als Er­schwe­rungs­grund beim Ver­hän­gen von Stra­fen wird künf­tig ei­ne schwe­re Trau­ma­ti­sie­rung des Op­fers ge­wer­tet. Um die Hälf­te er­höh­te Stra­fen soll es für rück­fäl­li­ge Ge­walt- oder Se­xu­al­tä­ter ge­ben (ma­xi­mal aber 20 Jah­re). Au­ßer­dem droht nach Ge­walt- oder Se­xu­al­straf­ta­ten ge­gen Kin­der, ge­brech­li­che oder be­hin­der­te Men­schen ein le­bens­lan­ges Be­rufs­ver­bot in ein­schlä­gi­gen Be­treu­ungs­jobs. Straf­er­leich­te­run­gen für jun­ge Er­wach­se­ne sol­len bei Ge­walt-, Se­xu­al- oder Ban­den­de­lik­ten, auf die fünf Jah­re Stra­fe ste­hen, ge­stri­chen wer­den. Für Stal­ker, die ihr Op­fer mehr als ein Jahr lang be­harr­lich ver­fol­gen, soll der Straf­rah­men von ei­nem auf drei Jah­re er­höht wer­den, auch die un­er­wünsch­te Ver­öf­fent­li­chung von Nackt­fo­tos und ein Ver­brei­ten von Fo­tos mit dif­fa­mie­ren­dem Text (et­wa in der Wohn- oder Ar­beits­um­ge­bung ei­nes Op­fers) sol­len ver­bo­ten wer­den.

Op­fer­schutz

Er­wei­tert wer­den sol­len auch die Mög­lich­kei­ten für Ver­bre­chens­op­fer, Schmer­zens­geld zu be­an­tra­gen. Die An­trags­frist für Leis­tun­gen nach dem Ver­bre­chens­op­fer­ge­setz soll von zwei auf drei Jah­re ver­län­gert wer­den. Au­ßer­dem soll die­se Frist erst nach Ab­schluss des Straf­ver­fah­rens zu lau­fen be­gin­nen (und nicht mit dem Tat­zeit­punkt).

Der Op­fer­schutz soll nicht nur für Be­trof­fe­ne von Ge­walt­ver­bre­chen er­wei­tert wer­den: Wer Op­fer ei­nes Woh­nungs­ein­bruchs wur­de, kann künf­tig Kri­sen­in­ter­ven­ti­on und Psy­cho­the­ra­pie be­an­tra­gen. Das wur­de bis­her nur bei vor­sätz­li­chen Ge­walt­de­lik­ten ge­währt. In Sum­me soll das 600.000 Eu­ro kos­ten. Än­de­run­gen gibt es auch bei Scha­den­er­satz­kla­gen ge­gen Tä­ter: Die 30-jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist be­ginnt bei Se­xu­al­de­lik­ten erst mit dem 18. Ge­burts­tag des Op­fers zu lau­fen.

Be­tre­tungs­ver­bot

Schon bis­her kön­nen Ge­walt­tä­ter von der Po­li­zei aus ei­ner ge­mein­sa­men Woh­nung ver­bannt wer­den und dür­fen sich die­ser in ei­nem Ra­di­us von 50 Me­tern nicht mehr nä­hern, das ist nach §38a Si­cher­heits­po­li­zei­ge­setz ge­re­gelt. Neu ist, dass ein sol­ches Be­tre­tungs­ver­bot au­to­ma­tisch auch ein An­nä­he­rungs­ver­bot be­inhal­ten soll – das gilt, wenn sich die durch ein Be­tre­tungs­ver­bot ge­schütz­te Per­son au­ßer Haus be­gibt eben­falls in ei­nem Ra­di­us von 50 Me­tern.

Prä­ven­ti­ons­trai­ning

Um nach so ei­ner Weg­wei­sung zu de­es­ka­lie­ren, sind ver­pflich­ten­de Ge­walt­prä­ven­ti­ons­be­ra­tun­gen durch „ge­eig­ne­te Ge­walt­prä­ven­ti­ons­zen­tren“vor­ge­se­hen: Dem­nach hat sich der Ge­fähr­der bin­nen fünf Ta­gen nach der An­ord­nung des Ver­bots mit der Ein­rich­tung in Ver­bin­dung zu set­zen und ei­nen Be­ra­tungs­ter­min zu ver­ein­ba­ren. Die­se Maß­nah­me soll ei­ne Mil­li­on Eu­ro pro Jahr kos­ten.

Fall­kon­fe­ren­zen

2018 wur­den die so­ge­nann­te Fall­kon­fe­ren­zen vom In­nen­mi­nis­te­ri­um un­ter Pro­test der Op­fer­schutz­ein­rich­tun­gen ab­ge­schafft. Nun kom­men sie wie­der: Wie in Si­cher­heits­po­li­zei­ge­setz (§22) und Straf­pro­zess­ord­nung (§76) ge­re­gelt wird, soll es künf­tig in Hoch­ri­si­ko-Fäl­len wie­der ge­mein­sa­me Kon­fe­ren­zen von Si­cher­heits­be­hör­den und an­de­ren In­sti­tu­tio­nen, et­wa Ge­walt­schutz­zen­tren, ge­ben. Ein­be­ru­fen wer­den kön­nen die­se al­ler­dings nur mehr von der Po­li­zei.

An­zei­ge­pflicht

Die An­zei­ge­pflicht wur­de für al­le Ge­sund­heits­be­ru­fe, von Ärz­ten über Psy­cho­the­ra­peu­ten, Heb­am­men bis zu Heil­mas­seu­ren, ein­heit­lich ge­re­gelt. Den Ver­dacht auf Mord oder schwe­re Kör­per­ver­let­zung müs­sen Ärz­te schon bis­her mel­den, hier gilt ih­re Schwei­ge­pflicht nicht. Nun wird ver­an­kert, dass der be­grün­de­te Ver­dacht auf ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung an­ge­zeigt wer­den muss so­wie Miss­hand­lung, Quä­len, Ver­nach­läs­si­gung oder se­xu­el­ler Miss­brauch von Kin­dern und Ju­gend­li­chen. Aus­nah­men gibt es, wenn die An­zei­ge das nö­ti­ge Ver­trau­ens­ver­hält­nis zer­stö­ren wür­de oder wenn sich der Ver­dacht ge­gen ei­nen An­ge­hö­ri­gen rich­tet und das Ju­gend­amt in­for­miert wird. Hier ha­ben ÖVP und FPÖ aber zu­letzt ein­ge­lenkt: Voll­jäh­ri­gen soll die Mög­lich­keit, ei­ner An­zei­ge zu wi­der­spre­chen, ein­ge­räumt wer­den. Es sei denn, es dro­he un­mit­tel­ba­re Ge­fahr.

Na­mens­än­de­rung

Ei­ne Na­mens­än­de­rung für Ge­walt­op­fer, die ei­ne neue Iden­ti­tät brau­chen, war schon mög­lich. Künf­tig wird auch die Än­de­rung der So­zi­al­ver­si­che­rungs­num­mer er­laubt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.