Grü­ner Nor­ma­lo schlägt Fun­di und Rea­lo

Por­trät. Aus­ge­rech­net Wer­ner Kog­ler könn­te die Grü­nen bei der Wahl am Sonn­tag zu al­ter Stär­ke zu­rück­füh­ren. Die neue „Wohn­zim­mer­po­li­tik“, glück­li­che Um­stän­de und er selbst ma­chen es mög­lich. Ein Ki­no­be­such – in Kog­lers Schat­ten.

Die Presse - - THEMA DES TAGES - VON THO­MAS PRIOR

Eva Gla­wi­sch­nig ar­bei­tet für No­vo­ma­tic, Alex­an­der Van der Bel­len für die Re­pu­blik und Pe­ter Pilz für sich selbst. Vom grü­nen Spit­zen­per­so­nal der ver­gan­ge­nen Jah­re und Jahr­zehn­te ist nur noch Wer­ner Kog­ler üb­rig. Er war der Un­schein­bars­te un­ter ih­nen, der am we­nigs­ten Schil­lern­de, der am meis­ten Un­ter­schätz­te.

Mit Alex­an­der Van der Bel­len ha­ben die Grü­nen einst elf Pro­zent ge­holt, mit Eva Gla­wi­sch­nig zwölf­ein­halb. Mit Wer­ner Kog­ler, lan­ge Zeit Vi­ze­par­tei­chef un­ter Gla­wi­sch­nig, sind sie nicht weit da­von ent­fernt. Um­fra­gen pro­phe­zei­en ih­nen bei der Na­tio­nal­rats­wahl am Sonn­tag ein zwei­stel­li­ges Er­geb­nis, elf Pro­zent, viel­leicht zwölf. Oder geht am En­de noch mehr? Kaum zu glau­ben, nach­dem die Par­tei von man­chen schon für tot er­klärt wor­den war. Wie ist das mög­lich?

An ei­nem Abend die­ser Wo­che steht Wer­ner Kog­ler im Ate­lier­thea­ter in der Burg­gas­se, grü­nes Ho­heits­ge­biet, und sieht sich mit Mit­ar­bei­tern und Sym­pa­thi­san­ten ei­nen Kurz­film an, in dem Wer­ner Kog­ler ei­ne der Haupt­rol­len spielt. Es han­delt sich um den Trai­ler für den Do­ku­men­tar­film „Zu­rück zu den Grü­nen“. Ein Film­team um Re­gis­seur Do­mi­nik Sinn­reich hat die Grü­nen wo­chen­lang im Wahl­kampf be­glei­tet. Die letz­te Sze­ne soll am Sonn­tag ge­dreht wer­den. Ins­ge­heim ge­hen al­le im Raum von ei­nem Hap­py End aus. Aber zu eu­pho­risch möch­te man sich noch nicht ge­ben, mit Ent­täu­schun­gen am Wahl­abend ken­nen sich die Grü­nen nicht erst seit 2017 aus.

Wäh­rend al­le an­de­ren im klei­nen Ki­no­saal Platz ge­nom­men ha­ben, lehnt Wer­ner Kog­ler im Halb­dun­kel an der Wand, ein­ge­hüllt in ei­ne Le­der­ja­cke, und sieht sich auf der Lein­wand ei­nen Stimm­zet­tel in die Ka­me­ra hal­ten: „Am En­de zäh­len nicht die Um­fra­gen, son­dern das hier“, sagt der Film-Kog­ler.

Nach dem Ab­spann wird der ech­te auf die Büh­ne ge­be­ten. An man­chen Ta­gen hat es den An­schein, als wä­re Wer­ner Kog­ler ge­ra­de ziem­lich schlecht ge­launt, aber heu­te wirkt er ge­löst. Er ist zum Scher­zen auf­ge­legt und as­so­zi­iert vor sich hin. Im­pro-Thea­ter vor ei­ge­nem Pu­bli­kum. Die grü­ne Bril­le, die er vom Kopf nimmt und in die Sei­ten­ta­sche der Le­der­ja­cke steckt, ist gleich­sam ein Sym­bol für das grü­ne Trau­ma vor zwei Jah­ren: „Man­gels Geld muss­ten wir nach der ver­lo­re­nen Wahl mit dem ar­bei­ten, was noch da war.“

Wer­ner Kog­lers Ver­dienst ist nicht oder nicht nur, dass er den Par­tei­chef ei­ne Zeit lang gra­tis ge­macht und den Kern der grü­nen Mar­ke, al­so Öko­lo­gie und Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit, frei­ge­legt hat. Son­dern dass er der Par­tei ei­ne Bo­den­haf­tung gibt. Er ist kein Pro­fes­sor und kein Wun­der­kna­be, kein Fun­di und kein Rea­lo, son­dern ein Nor­ma­lo, an­ge­nehm un­spek­ta­ku­lär. Ei­tel zwar, aber we­ni­ger ei­tel als an­de­re. Und sach­po­li­tisch breit auf­ge­stellt.

Wie einst Van der Bel­len wirkt Kog­ler über die grü­nen Kern­wäh­ler­schich­ten hin­aus, wenn auch aus an­de­ren Grün­den. Das ur­ba­ne Pu­bli­kum wen­det sich nicht ab, wenn Kog­ler in den stei­ri­schen Dia­lekt fällt. Und man­che am Land fin­den, dass er ih­re Spra­che spricht, so­fern sie ihm fol­gen kön­nen. Zu­mal es schon vor­kom­men kann, dass sich Kog­ler im Re­de­ei­fer mit­ten im Satz ver­ga­lop­piert.

Auf der Thea­ter­büh­ne gibt er sich nun selbst lau­fend Stich­wor­te, bis ihm kei­nes mehr ein­fällt. „Gebt mir ein Stich­wort“, for­dert er das Pu­bli­kum auf. Ei­ner hält die Stil­le im Raum nicht lang aus und wirft ihm „Kurz“hin. Aber mit dem ÖVP-Chef hält sich Kog­ler nicht lang auf, er kommt vom Hun­derts­ten ins Tau­sends­te und dann doch zum We­sent­li­chen zu­rück: Man ha­be den Grü­nen vor­ge­wor­fen, dass sie Mora­li­sie­rer sei­en. Er hal­te das nach wie vor für ei­ne bö­se Un­ter­stel­lung. „Aber ir­gend­wann hat sie sich in den Köp­fen fest­ge­setzt.“Und nun ge­he es dar­um, das zu ent­kräf­ten. „Ich will, dass man uns ver­steht“, sagt Kog­ler. Die Grü­nen müss­ten „wohn­zim­mer­taug­lich“wer­den, für ver­schie­de­ne Be­völ­ke­rungs­grup­pen.

Hin­zu ka­men zu­letzt ei­ni­ge mehr oder we­ni­ger glück­li­che Um­stän­de: Das Schuld­be­wusst­sein je­ner grün-af­fi­nen Wäh­ler, die vor zwei Jah­ren aus tak­ti­schen Grün­den SPÖ ge­wählt ha­ben, um Kurz als Kanz­ler zu ver­hin­dern. Die welt­wei­te Kli­ma­schutz­be­we­gung, die im Mai dann mit dem Ibi­za-Vi­deo zu­sam­men­ge­fal­len ist, was den Grü­nen schon nach zwei Jah­ren die Rück­kehr ins Par­la­ment er­mög­licht. Ein Schlüs­sel­er­leb­nis sei das Er­geb­nis der EU-Wahl ge­we­sen, sagt Kog­ler. 14 Pro­zent für die Grü­nen: Da sei ihm be­wusst ge­wor­den, „dass für uns jetzt was mög­lich ist“.

Nach sei­nem Auf­tritt gibt Kog­ler In­ter­views. Die Le­der­ja­cke ist aus­ge­zo­gen, die Hemds­är­mel sind zu­rück­ge­schla­gen. Mit aus­län­di­schen Me­di­en spricht er weit­ge­hend Hoch­deutsch. Ob Kurz Hu­mor ha­be, will ein fran­zö­si­scher Jour­na­list wis­sen. „Ich den­ke schon“, sagt Kog­ler. „Sonst könn­te er nicht so schlag­fer­tig sein.“

Die Fra­ge lei­tet zu ei­ner an­de­ren über, näm­lich ob sich die Grü­nen auf Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen mit der ÖVP und, so­fern sich Tür­kisG­rün nicht aus­geht, mit den Ne­os ein­las­sen wür­den? Kog­lers Stan­dard­ant­wort lau­tet: Ja, aber.

Dem Ver­neh­men nach wür­de er ja die So­zi­al­de­mo­kra­ten als Ko­ali­ti­ons­part­ner be­vor­zu­gen, al­ler­dings ist man weit von ei­ner ge­mein­sa­men Mehr­heit ent­fernt. Hin und wie­der spie­len man­che Grü­nen in Ge­dan­ken durch, was ge­we­sen wä­re, wenn es die SPÖ mit ei­nem Spit­zen­kan­di­da­ten ver­sucht hät­te, der we­ni­ger grü­nes Pu­bli­kum an­spricht als Pa­me­la Ren­di-Wa­gner und statt­des­sen die FPÖ Stim­men kos­tet. Mit Hans Pe­ter Do­sko­zil et­wa. Aber das ist bloß Theo­rie.

Nicht nur die Rea­los un­ter den Grü­nen fra­gen sich, wie die Ge­schich­te nach der Wahl wei­ter­ge­hen wird. Zu­rück zu den Grü­nen – und dann? Re­gie­ren oder doch lie­ber in Op­po­si­ti­on ge­hen, weil es mit den Tür­ki­sen kaum Ge­mein­sam­kei­ten gibt? Eins nach dem an­de­ren, sagt Wer­ner Kog­ler, nun schon an der Thea­ter­bar ste­hend, mit ei­nem Glas Lei­tungs­was­ser in der Hand. Und das ist der ei­gent­li­che Ab­spann für die­sen Abend.

[ APA ]

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