End­lich wie­der Gerstl in Wien

Leo­pold Mu­se­um. Fast das gan­ze Werk des ra­di­ka­len Wien-um-1900-Ma­lers Ri­chard Gerstl ist nach 25 Jah­ren wie­der in Wien zu se­hen. Ge­paart mit Zeit­ge­nos­sen von da­mals und heu­te.

Die Presse - - FEUILLETON - VON ALMUTH SPIEGLER Tägl. 10–18h, Do. –21h, Di. ge­schlos­sen!

Je­des Mal fas­sungs­los. So steht man vor den Schön­berg-Bil­dern Ri­chard Gerstls. Wie jetzt im ers­ten Raum die­ser gran­dio­sen Aus­stel­lung, die das Leo­pold Mu­se­um dem wah­ren Wie­ner Ober­wild­ling (nicht Ko­kosch­ka!) aus­ge­rich­tet hat: Es ist ein­fach un­glaub­lich, wie Gerstl die Fi­gu­ren sei­nes Freun­des Ar­nold Schön­berg und des­sen Gat­tin – Gerstls Ge­lieb­ter – Mat­hil­de hier aus der Farb­tu­be her­aus­quetsch­te und mit Fin­gern und was auch sonst noch im­mer form­te.

1908 war das. Da­mals mal­ten sich die et­was jün­ge­ren Kol­le­gen Schie­le, Ko­kosch­ka noch an Klimt ab. Der selbst wie­der­um ge­ra­de den „Kuss“ge­schaf­fen hat­te. Was wie An­ti­po­den wirkt – Klimt/Gerstl –, ist ähn­li­cher, als man denkt: Nur lös­te Klimt sei­ne Fi­gu­ren in Or­na­men­te auf, nicht in Ma­le­rei. Letz­te­res wies in die Zu­kunft, Gerstl war mit sei­nem ra­di­ka­len Ex­pres­sio­nis­mus wie auch sei­nem Stilp­lu­ra­lis­mus sei­ner Zeit um Jah­re vor­aus. Auch in­ter­na­tio­nal. Das will die­se ers­te gro­ße Gerstl-Aus­stel­lung in Wien seit ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert, seit der ers­ten gro­ßen im BA-Kunst­fo­rum, jetzt bei­spiel­haft be­wei­sen.

Ge­lun­gen. Und zwar den Ku­ra­to­ren Hans-Pe­ter Wipp­lin­ger und Diethard Leo­pold, des­sen Va­ter das Mu­se­um die größ­te Gerstl-Samm­lung welt­weit ver­dankt, 15 Wer­ke. Sie wag­ten so­gar ei­ne Fleiß­übung: Nicht nur Gerstls Vor­bil­der wie Vin­cent van Gogh und Ed­vard Munch, nicht nur span­nen­de Par­al­lel­ent­wick­lun­gen wie bei den Gar­ten­bil­dern Ol­ga Wi­sin­ger-Flo­ri­ans häng­te man zum Teil spek­ta­ku­lär ne­ben Gerstls Wer­ke (sie­he Abb.). Man zeigt auch heu­ti­ge Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die sich für Gerstl be­geis­tern. „Fans“wie Mar­tha Jung­wirth, Gün­ter Brus, und, über­ra­schen­der, Her­bert Brandl. Vor al­lem ös­ter­rei­chi­sche, wohl aus dem Grund, weil Gerstl in­ter­na­tio­nal nicht so be­kannt war. Zu we­nig pass­te er ins in­ter­na­tio­nal ge­hyp­te Wien-um-1900-Mär­chen rund um Klimt, Schie­le und Ko­kosch­ka. Auch sein Werk, das in den nur we­ni­gen Jah­ren bis zu sei­nem Selbst­mord 1908, mit 25, ent­stand, ist sehr über­schau­bar.

Wie bei der gro­ßen Gerstl-Aus­stel­lung in der Frank­fur­ter Schirn vor zwei Jah­ren ist auch hier in Wien, na­tür­lich, der Groß­teil der gut 60 Ge­mäl­de und gu­ten Hand­voll Zeich­nun­gen ver­sam­melt wor­den. Da­zu braucht man, eben­so na­tür­lich, ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit dem Schwei­zer Kunst­haus Zug, das über die einst von Wo­tru­ba gut be­ra­te­ne Samm­lung Kamm den zweit­größ­ten Gerstl-Be­stand sein Ei­gen nennt. Aus dem Bel­ve­de­re ist das Meis­ter­werk der „Schwes­tern Fay“ge­lie­hen wor­den – so gut aus­ge­leuch­tet wie hier war es noch nie. Auch das la­chen­de Selbst­bild­nis ge­winnt an Mo­der­ni­tät und Irr­sinn vor neu­tra­lem Hin­ter­grund. Viel zu la­chen hat­te Gerstl ja nicht – die Tra­gö­die mit sei­nem künst­le­ri­schen Mit­strei­ter in der Auf­lö­sung der For­men, Schön­berg, und des­sen Freun­des­kreis, der Gerstl we­gen der Af­fä­re mit der Gat­tin ih­res Zwölf­ton-Meis­ters ver­stieß, ging le­tal für ihn aus. Post­hum ist sie ein we­sent­li­cher Baustein der Gerstl-Ge­nie-Er­zäh­lung.

Vor neu­tra­len Hin­ter­grund wer­den aber auch ei­ni­ge My­then ge­holt, die sich im Lauf der Gerstl-For­schung seit der Si­che­rung sei­nes Nach­las­ses durch den Ga­le­ris­ten Ot­to Kal­lir-Ni­ren­stein 1931 an­ge­sam­melt ha­ben: So lässt sich et­wa nir­gends be­le­gen, er­zählt Wipp­lin­ger, dass Gerstl Klimt tat­säch­lich so ver­ab­scheut hat, wie sein Bru­der Alois es im­mer er­zähl­te. Denn der er­zähl­te viel, wie der Kunst­his­to­ri­ker Ot­to Breicha fest­hielt, der seit den 1960er-Jah­ren ein Gerstl-Ar­chiv auf­bau­te; es ist jetzt im Leo­pold Mu­se­um be­hei­ma­tet. Eben­falls als My­thos ent­larvt: dass Gerstl zu Leb­zei­ten nie aus­ge­stellt ha­be. Er hat! In ei­ner Schü­ler-Aus­stel­lung der Aka­de­mie. Er be­kam so­gar ei­ne po­si­ti­ve No­tiz in der „Neu­en Frei­en Pres­se“1907, wo ihm „Be­ga­bung und Streb­sam­keit“kon­sta­tiert wur­de. Im­mer­hin. Da­mit sei auch zu­min­dest die­se Aus­stel­lung kom­men­tiert.

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